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Die Magie der Bilder – Die Bamberger Kurzfilmtage

Die Magie der Bilder – Die Bamberger Kurzfilmtage

Das Licht erlosch. Der Trailer wurde abgefahren. Die Bamberger Kurzfilmtage waren eröffnet. Das Publikum erschien still, regungslos. Die bisher weiße, starre Leinwand erwachte zum Leben. In kurzer Schnittfolge erschien Gesicht auf Gesicht. Keines glich dem anderen. Jedes einzelne erzählte die einzigartige, unverwechselbare Geschichte eines Menschen. Menschen, die zu Protagonisten wurden. Manchmal überraschten sie ihr Publikum mit der Biografie einer Person, manchmal mit fragmentarischen Episoden, die einen kurzen Einblick in ein ganzes Leben gewährten.
Titelbild: Anja Heder

Ihre Geschichten erzählten die Filmemacher auf verschiedenste Art und Weise. So verschieden wie die Darstellung waren auch die Erzählungen selbst. Sie nahmen den Zuschauer mit in Traumwelten, Fantasievorstellungen oder Gedankenkonstrukte. Sie ließen ihn teilhaben am Glück anderer, an der Hoffnung einer Person oder einfach an den kleinen Freuden des Lebens. Sie zeigten ihm aber auch in deutlichen, unmissverständlichen Bildern die Realität auf. Die Kinobesucher nahmen Anteil am Leid, an der Trauer, an der Hoffnungslosigkeit der Menschen auf der Leinwand. Sie berührten, machten betroffen oder brachten den Betrachter zum Lachen. Doch eines hatten sie alle gemeinsam: Sie weckten Emotionen – so auch bei der Auftaktveranstaltung.

Das Paradoxon „Die Leichtigkeit des Seins“ bildete den Rahmen der Eröffnung und in diesem begrüßte der Vorsitzende der Bamberger Kurzfilmtage Volker Traumann die Gäste der Auftaktveranstaltung in der Villa Concordia. „Im Vorfeld wollten wir herausfinden was die Künstler gegenwärtig bewegt“, erklärte Traumann das Motto des Abends. „Der Kurzfilm ist eine Extraktkunst“, fasste die Leiterin der Villa Concordia Nora‐Eugenie Gomringer die Eigenschaften des Genres treffend zusammen. So sollte ein Kurzfilm idealerweise in den wenigen Minuten, die ihm auf der Leinwand bleiben, eine prägnante aussagekräftige Geschichte erzählen, den Zuschauer berühren, zum Nachdenken anregen oder ihn schlicht unterhalten und erfreuen. Passend zum Thema des Abends fiel die Wahl der Eröffnungswerke auf einen fiktionalen, einen dokumentarischen und einen experimentellen Kurzfilm.

Filmausschnitt: "Sniffer", Foto: Bamberger Kurzfilmtage
Filmausschnitt: “Sniffer”, Foto: Bamberger Kurzfilmtage

Den Anfang bildete der 2006 bei den Filmfestspielen in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnete zehnminütige Film „Sniffer“ des norwegischen Regisseurs Bobbie Peers. Er erzählt darin die Geschichte eines in einer monotonen, befremdlichen, herzlosen Welt lebenden Mannes, der nur durch Bleistiefel am Boden gehalten wird. Eine Begegnung mit einem verletzten Vogel weckt in ihm die ersten Gefühlsregungen und Freiheitssehnsüchte. Er entschließt sich sein hinderliches Schuhwerk abzulegen und dieser Welt ohne Gravitation zu entschweben. Ohne ein einziges gesprochenes Wort auskommend, bedient sich der Filmemacher dem geschickten Einsatz von Musik, die sich zuerst nahezu unhörbar, doch an Lautstärke zunehmend in den Mittelpunkt drängt, um seine Metapher auszugestalten. Auch der Dokumentarfilm „Dreaming in the Stonebedded Valley“ von Siri Hermansen greift auf die Vogelmetaphorik zurück. Sie besucht darin die durch eine Mauer gesicherte Grenze zwischen Israel und Palästina und widmet sich den aus der unnatürlichen Barriere ergebenden Problemen der Menschen und Tiere. Zum einen beleuchtet sie die Arbeit von Vogelschützern: Diese setzen sich dafür ein, Zugvögeln ihre Nistplätze, die ihnen die Grenzbefestigungen genommen hatten, wieder zurückzugeben. Zum anderen beobachtet sie die Unwägbarkeiten, denen sich die palästinensischen Wanderarbeiter täglich ausgesetzt sehen und wie für sie das eigentlich Abnormale zur Normalität wird. Abschließend zeigte Mike Huntemann, Student der Visuellen Kommunikation an der Kunsthochschule Kassel, seinen eigens für die Kurzfilmtage angefertigten Found‐Footage‐Film „Die Leichtigkeit des Seins“. Hierzu konzipierte er einen Algorithmus für automatische Spracherkennung, der Ausschnitt aus YouTube‐Videos zu diesem Thema ausfilterte. Das Ergebnis war ein circa fünfminütiger, unterhaltsamer Zusammenschnitt.

Foto: Anja Heder

Eine Woche hatte die Jury nun Zeit alle Einreichungen zu sichten, zu analysieren, zu verstehen und zu bewerten. Die Wahl fiel meist sehr eindeutig aus, da es in jeder Kategorie einen Film gab, der einen bleibenden Eindruck hinterließ.

Die Preisträger
In der Kategorie „Regionalfilm – Oberfranken dreht auf“ entschied sich die Jury für das Portrait des Künstlerkollektivs „Inge“ über den zeitgenössischen oberfränkischen Künstler Bernd Wagenhäuser. Der ehrliche, authentische Film überzeugte mit eindrucksvollen Bildern über das Schaffen, Machen und Tun eines kreativen Menschen. Seine schweißtreibende Arbeit wird in einer ruhigen Kameraführung festgehalten, die keine großen Fahrten oder besondere Blickwinkel bedarf, da der getrieben wirkende Protagonist selbst für genug Bewegung im Bild sorgt. Den Preis für den besten Kinderfilm durfte Benjamin Gutsche mit seinem bereits in der ARD und auf KIKA zu sehenden Beitrag „Als Mama schlief“ entgegennehmen. Die jüngsten Zuschauer begeisterte die Geschichte von Luis‘ Abenteuer, die er erlebt während er versucht, seine ihm lästig gewordene Schwester loszuwerden. Mit ihrer Geburt gerät sein bisher perfektes Leben als Einzelkind ins Wanken. Auf dem besten Weg sie zu verkaufen, lernt er sie jedoch als neues Familienmitglied zu akzeptieren und zu lieben. Die Geschichte begeisterte nicht nur die jüngsten Zuschauer, sondern konnte auch viele der älteren Besucher für sich gewinnen.

Ich erlaube es mir zu leben.

Eine gänzlich andere Art des Erzählens wählte Eva Storz für ihr Werk „One Million Steps“. Mit ihrer Darstellung der Proteste in der türkischen Metropole Istanbul gegen die Regierungspolitik wendete sie sich ab von der klassischen Dramaturgie und entzog sich jeglichen Einordnungen. Sie lässt eine Stepptänzerin in die Geschehnisse eintauchen und nutzt die der Musik eigene Kraft, um die Handlung voranzubringen und ihrem Film eine Aussage zu verleihen. Dabei gelingt es ihr durch die musikalische Vielfalt der Protestbewegung und die Monotonie der staatlichen Autorität einen Gegensatz zu schaffen, der teils fröhlich, befreiende Bilder, teils beklemmend, angsteinflößende Bilder der Ereignisse zeichnet. Sie gewann damit den Preis als „Bester Animations‐/Experimentalfilm“. Das in der Kategorie „Dokumentarfilm“ ausgezeichnete Werk „Ausfahrt Hagen West“ von Florian Pawliczek besitzt ebenfalls seinen ganz eigenen Charme. Er nimmt den Zuschauer mit in die Welt eines eigentümlichen Seifenblasenkünstlers, dessen Leben aus Auftritten auf Stadtfesten besteht. Er hat die Kunst, übergroße Seifenblasen zu erschaffen, perfektioniert. Der in einem kreativen Chaos lebende Protagonist wird getrieben vom Wandel. Pawliczek lässt den Künstler den Film aus dem Off selbst kommentieren und kommt so auch zu seiner Hauptaussage: „Ich erlaube es mir zu leben.“

Filmausschnitt: "Sniffer", Foto: Bamberger Kurzfilmtage
Filmausschnitt: “Sniffer”, Foto: Bamberger Kurzfilmtage

Der Gewinner des Preises „Bester Kurzspielfilm“ Andreas Neckritz hingegen parodierte mit seiner Arbeit „Frank Petzke rettet die Deutsche Bahn“ die Realität. Ohne Drehgenehmigung, dafür aber mit vier Improvisationsschauspielern, begab er sich auf eine Zugfahrt von Berlin nach Hannover. Dabei lässt er vier grundverschiedene Charaktere aufeinanderprallen. Ohne Fluchtmöglichkeit und weit außerhalb der eigenen Komfortzone müssen sie sich auf die Anderen einlassen. Ohne jede textliche oder inhaltliche Vorgabe harmonieren die Darsteller dabei sehr gut und entwickeln sehr schnell eine eigene Dynamik. Schließlich sind aber alle froh darüber, dass sie einander so schnell nicht mehr sehen müssen. Mit „Herman the German“ erwartete das Publikum eine weitere Satire. Damit räumte Michael Binz nicht nur gleich zwei Preise in den Kategorien „Jugendpreis“ und „Publikumspreis“ ab, sondern sein Film schaffte es bereits in das Abendprogramm von ARTE. Die Leinwand zeigt dabei das Leben des Bombenentschärfers Herman, der seine Angst verloren hat. Ohne diese aber kann er sich nicht zuverlässig um seine hochexplosiven Arbeitsgegenstände kümmern. Deshalb begibt er sich auf eine skurrile Odyssee auf der Suche nach der verlorenen Angst.

Allein diese kleine Auswahl der Preisträger und Eröffnungsfilme zeigt welch vielfältige Beiträge in das Festival eingeflossen sind. 700 Einsendungen mussten die Veranstalter im Vorfeld sichten. Schließlich stellten sie daraus ein Programm mit 126 Filmen zusammen. Deshalb können hier nur wenige Vertreter gewürdigt werden. In jeweils neunzigminütigen Blöcken sahen die Zuschauer eine Woche lang eine Fülle an Charakteren, Schauplätzen, Handlungen und Emotionen. Neben den Preiskategorien bereicherten Beiträge des Trashfilmfestivals Berlin und der Film‐ und Fernsehfakultät der Akademie der Musischen Künste in Prag ebenfalls das Programm. Zudem erwartete die Besucher mit „Alles wird gut“ eine Abschlussarbeit von Studierenden der Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien – ein mit dem Studentenoscar prämierter Kurzfilm.

Die Kurzfilmtage endeten bei der Preisverleihung wie sie bereits begonnen hatten: Mit dem Trailer. Bei der Eröffnung noch gebannt voller Vorfreude auf die Leinwand starrend, wusste der eine oder andere Besucher nun, welche Geschichte sich hinter diesem oder jenem Gesicht verbarg. Die Lichter im Saal erhellten sich. Der Trailer endete. Die Leinwand war wieder weiß und starr. Es wurde laut. Die bisher stillen, regungslosen Zuschauer erwachten zum Leben: Sie diskutierten das Gesehene.

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