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„Wut sollte ernst genommen werden“ – Ein psychologischer Blick auf unseren Umgang mit Wut
Dunkel Hell

„Wut sollte ernst genommen werden“ – Ein psychologischer Blick auf unseren Umgang mit Wut

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Psychotherapeutin Christina Gnaß klärt über Wut auf
Warum ist es wichtig, Wut auszudrücken und warum ist sie trotzdem manchmal tabu? Welche Rolle spielen dabei Macht und Solidarität? Darüber und über vieles mehr zum Thema haben wir uns mit der psychologischen Psychotherapeutin Christine Gnaß unterhalten.

Dieser Artikel ist Teil der Reihe „Wutentbrannt – FLINTA zwischen Ärger und Antrieb”, in der wir Wut und die unterschiedliche Wahrnehmung von Wut bei Frauen*, Lesben und intersexuellen, nicht binären, trans und agender Personen (FLINTA*) im Vergleich zu cis Männern beleuchten.

Wann waren Sie das letzte Mal wütend und warum?

Ich bin fast täglich wütend (lacht). Eigentlich selten im privaten Kontext. Ich bin einfach wegen bestimmten Umständen oder auch menschlichen Verhaltensweisen wütend. Zum Beispiel macht mich die Ignoranz gegenüber dem Thema Klimawandel wütend. Wenn geleugnet wird, dass es ein Problem gibt. Hier ist Wut auch mit einer Fassungslosigkeit gepaart.


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Und wie gehen Sie mit dieser Wut um?

In der Regel versuche ich mich so weit zu beruhigen, dass die Wut mir nicht selbst schadet. Denn die Person, die Wut empfindet, bin ich. Und diese ist, wenn sie nicht irgendwie umgelenkt wird, auf Dauer schädlich. Ich versuche mich erstmal durch körperliche Tätigkeiten abzureagieren und dann das jeweilige Problem anzugehen. Zum Beispiel die berühmte Runde um den Block gehen. Das ist hilfreich, weil es Gedanken wieder sortiert. Bei Wut auf Politisches können auch Aktivitäten, wie demonstrieren gehen oder Leserbriefe schreiben helfen. Die Wut also ein Stück weit zu kanalisieren und zum Ausdruck zu bringen.

Hilft es, sich mit anderen Leuten mit derselben Wut zusammen zu finden?

Unbedingt! Das finde ich ganz wichtig. Auch um diese Wut zu legitimieren. Im positiven Sinne. Zu sagen: Das sind Zustände, die einfach nicht in Ordnung sind. Und dadurch wieder zu Kraft zu kommen, sich gemeinsam für etwas einzusetzen.

Wie sollte man mit Wut grundsätzlich umgehen? Eher rauslassen oder kontrollieren?

Das ist situationsabhängig. Ich würde als Überschrift “Konstruktiv” wählen. Denn Wut kann auch destruktiv wirken, zum Beispiel im Sinne von Gewalt. Das gilt für alle Gefühle. 

Unsere Gefühle sind immer ein Hinweis auf unsere Bedürfnisse.

 Also wenn ich wütend werde, ist zum Beispiel mein Bedürfnis nach Gerechtigkeit präsent, oder jemand hat eine Grenze überschritten. Auch aus Kränkung werden Leute häufig wütend, oder aus Verletzung. Das heißt, wenn ich konstruktiv mit Wut umgehen möchte, muss ich gucken: Was brauche ich, damit sich dieses Gefühl wieder verändern kann? Das kann alles Mögliche sein. Im Politischen kann Wut durch Protest, durch Solidarität, durch ein Aktivwerden konstruktiv verwandelt werden. Damit man aus dem Ohnmächtigen herauskommt. Ohnmacht und Wut gehen häufig Hand in Hand.

Wie gehen wir am besten mit Wut um, wenn es Menschen aus unserem Umfeld betrifft? Zum Beispiel Freund*innen.

Gehen wir mal davon aus, jemand hat mich versetzt. Dann wäre es der beste Weg mitzuteilen, was das konkrete Verhalten in mir ausgelöst hat. Und vielleicht auch zu fragen, „Verstehst du das, dass ich wütend bin? Ich habe da gewartet und du bist einfach nicht gekommen.“ Also das Gefühl zu verbalisieren, den Anlass konkret zu benennen.

Und wie macht man da den ersten Schritt? Anrufen? Kaffee trinken gehen?

Das ist von Situation zu Situation verschieden. Man muss sich selbst auch erstmal klar werden, was man mitteilen möchte. Ich würde einen günstigen Moment suchen, im Sinne von Ruhe und Zeit dafür haben. Ich würde sowas nicht zwischen Tür und Angel klären. Und dann ist es vielleicht auch ein bisschen Typ-abhängig: Manche Menschen können sowas besser verschriftlichen. Man könnte einen kleinen Brief verfassen, mit einer Schilderung, was denn überhaupt los ist und der Bitte, dass man nochmal darüber spricht. Andere reden lieber direkt darüber.

Das ist für Freund*innen bestimmt ein sehr guter Weg. Was ist mit Menschen, die wir nicht so gut kennen, zum Beispiel Dozent*innen? Wenn ein Fall von Diskriminierung vorliegt?

Ja, das ist eine sehr schwierige Situation, weil ein Machtgefälle und eine Art Abhängigkeitsverhältnis besteht. Es kommt darauf an, wie man diese Person einschätzt: Hat es einen Sinn mit ihr zu sprechen? Oder vielleicht auch: Kann man sich irgendwie vorab Rückhalt holen? Es bei jemand anderem vorher ansprechen, zum Beispiel bei einer Beratungsstelle. Wenn man einschätzen kann, dass die Person das nicht aus bösem Willen, sondern eher aus einer langen Gewohnheit oder Unsicherheit macht, dann fände ich es vorstellbar, hinzugehen und nochmal zu sensibilisieren. Allerdings sach- und inhaltsbezogen, um nochmal zu verdeutlichen, dass etwas kränkend oder verletzend ist und man sich nicht gesehen fühlt. Aber es hängt wirklich davon ab, mit wem man es zu tun hat. Es wird Leute geben, die man da nicht erreicht und wo man dann auf anderen Ebenen agieren muss.

Nehmen wir an, wir sind auf uns selbst wütend: Hilft es da dann „mit sich selbst zu reden“?

In gewisser Weise ja, weil wir das ständig tun.

Wir werden vermutlich auch auf uns selbst wütend, weil wir schon mit uns selbst geredet haben, nämlich strafend oder vorwurfsvoll.

Wenn man zum Beispiel irgendwelchen Vorstellungen nicht entspricht, oder mehr von sich erwartet hätte. Ich glaube, da gibt es viele Beispiele, warum wir wütend auf uns selbst werden können. Das sind Prozesse, wo wir mit uns selbst reden, eine Stimme auftaucht, die etwas mit uns macht.

Und dann hilft es, sich selbst wieder zu beruhigen, oder wie würden Sie da vorgehen?

Wie immer würde ich erstmal hingucken und fragen: “Was macht mich da gerade so wütend? Aus welchem Bereich kommt das? Ist das Ungerechtigkeit oder tatsächliches Versagen? Was steht hinter dem Gefühl?” Wenn ich herausgefunden habe: „Ah, ich bin so wütend, weil ich echt mehr von mir erwartet hätte.“, bin ich schon einen Schritt weiter gekommen. Dann kann ich weiter fragen: „Bin ich wirklich eine totale Versagerin, nur weil mir etwas nicht geglückt ist?“ Oder kann ich für mich selbst zum Beispiel Mitgefühl entwickeln und sagen: „Hey, das war auch eine echt schwierige Situation“. Und ich spreche jetzt nicht davon, etwas schönzureden, sondern wirklich zu sehen: Was genau ist passiert? Anstatt nur hart zu mir zu sein.

Es ist also wichtig, Gefühle anzunehmen und anschließend herauszufinden, worauf sie verweisen. Wie helfen Sie im therapeutischen Kontext Personen, die genau damit Probleme haben?

Das haben wir alle irgendwie nicht so gelernt, oder? (lacht) Wut ist ja leider oft tabuisiert. Also dieses Hingucken und Suchen, gemeinsam zu suchen, was für ein Bedürfnis dahinter steckt, das finde ich ganz wichtig. Bei allen Gefühlen. Bei Wut kommt es ein bisschen auf die Art der Wut an. Es gibt beispielsweise Menschen, die auf Personen aus der Vergangenheit, wie zum Beispiel Eltern, wütend sind. Die Frage ist, wie man mit dieser Wut arbeiten kann, sodass sie sich nach und nach auflöst. Das kann sowas sein, wie einen Wutbrief schreiben. Alles mal unzensiert rausschreiben. Den Brief muss man nicht abschicken. Manchmal gebe ich Satzanfänge mit, wie: “Ich bin wütend, weil…”

Sie meinten, Wut sei tabuisiert, woher kommt das?

Oft unterscheiden wir zwischen positiven und negativen Gefühlen. Wir lernen Gefühle zu bewerten. Wir lernen schon früh, Gefühle von FLINTA*-Personen anders zu bewerten, als von Jungs. Wir verinnerlichen Sanktionen für ein Gefühl. Sei es durch kleine nonverbale Signale oder direkte Hinweise. Sowas wie „Jungs weinen nicht, reiß dich mal zusammen!“ Das ist auch eine Tabuisierung. Bei Wut ist das ähnlich, wobei Wut gleichzeitig in unserer Gesellschaft stark anwesend ist, zum Beispiel bei häuslicher Gewalt. Oder im Straßenverkehr. Im Straßenverkehr ist es wohl eher normalisiert und akzeptiert, dass Leute schimpfend in ihren Autos sitzen.

Inwiefern beeinflussen gesellschaftliche Normen, ob Wut akzeptiert wird?

Also ich denke, dass es bei Männern insgesamt akzeptierter ist, wütend zu sein und Wut auszuleben. Die Verharmlosung von sowas wie Wirtshausschlägereien zeigt schon ziemlich gut, was für riesige Unterschiede an Akzeptanz da sind.

Ist die Akzeptanz für Wut von FLINTA* anders?

Würde ich schon sagen. Es ist ja immer noch so, dass Wut dann nicht ernst genommen wird. 

Doch Wut sollte ernst genommen werden, wenn man sie äußert.

Es nicht ernst zu nehmen, lächerlich zu machen oder gar als hysterisch zu bezeichnen, nimmt der Wut die Macht.

Was meinen Sie damit?

Die Wut hat eine Kraft zur Veränderung, sie ist ein Motor. Und durch dieses Abwiegeln und lächerlich machen, wird sie klein gehalten. Und dann wird natürlich auch diese Kraft der Veränderung, die letztlich viel über Solidarität laufen muss, genommen.

Würden Sie sagen, dass sich dadurch der eigene Umgang mit Wut bei FLINTA* und Männern unterscheidet?

Klar, weil die gelernten inneren Regeln, wie man sein soll, sein muss oder nicht sein darf, nur sehr bewusst umgelernt werden können. Und solange man das nicht tut, wird man seine inneren Bremsen haben.

Wie sähe so ein bewusstes Lernen aus?

Sich etwas trauen, sich klarmachen, dass der Umgang mit Gefühlen wie Wut gelernt ist. Hinterfragen, ob das weiterhin für einen selbst gültig sein muss, oder ob es auch andere Wege geben kann.

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