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“Millionengrab”: Bamberger Schlachthof wird geschlossen
Dunkel Hell

“Millionengrab”: Bamberger Schlachthof wird geschlossen

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Bereits seit Monaten wird darüber diskutiert, ob der Bamberger Schlachthof geschlossen werden soll. Der Stadtrat hat am Mittwoch (20. März 2024) in der Konzert- und Kongresshalle über die Zukunft des Betriebs entschieden. Im Vorfeld haben zwei Gruppierungen protestiert.


“Bamberg aufgewacht, Schluss mit dem Morden in der Nachbarschaft” – mit Parolen wie diesen haben am Mittwoch (20. März 2024) zahlreiche Menschen dagegen demonstriert, den Bamberger Schlachthof weiter zu betreiben. Die bayerische Regionalgruppe des Protestbündnisses “Gemeinsam gegen die Tierindustrie” hatte im Vorfeld zum Protest aufgerufen. Der Schlachthof stehe für “ein veraltetes Agrar- und Ernährungssystem. Ein System, in dem die zentralen Kunden des Schlachthofs, Tönnies und Vion, unsere Umwelt zerstören, Arbeiter*innen ausbeuten und verantwortlich sind für massives Tierleid und globale Ungerechtigkeiten”, schreibt die Gruppe auf Instagram.

Proteste vor der Konzerthalle: Das fordern die Teilnehmer*innen

“Der Schlachthof ist ein Millionengrab. Da gehen Steuergelder einfach so flöten”, erklärt Sam Hockings, einer der Aktivist*innen, gegenüber dem Ottfried. “Aber es ist eine größere Entscheidung. Wir reden hier über unsere Zukunft. Wollen wir Landwirtschaft in den nächsten zwei Jahrzehnten weiter betreiben, müssen wir pflanzliche Infrastrukturen aufbauen. Deshalb sind wir heute hier, um zu sagen: Ja, der Bamberger Schlachthof muss geschlossen werden.”

Der Bayerische Bauernverband forderte ein Fortbestehen des Betriebs. Foto: Linus Kallender
Der Bayerische Bauernverband forderte ein Fortbestehen des Betriebs. Foto: Linus Kallender

Neben den Demonstrant*innen, die sich für die Schließung des Schlachthofs einsetzten, waren auch Vertreter*innen der Landwirtschaft vor der Konzert- und Kongresshalle. “Wir Landwirte sind auf diesen Schlachthof angewiesen”, betont der Bezirkspräsident des oberfränkischen Bauernverbands, Hermann Greif, im Gespräch mit dem Ottfried. “Der Schlachthof ist für uns eine ganz tolle Möglichkeit, innerhalb kürzester Zeit unsere Tiere von den Ställen in den Schlachthof zu transportieren. Das ist gut für das Tierwohl. Das ist gut für unsere Infrastruktur und es ist auch gut für unsere vielen kleinen Tierhändler, die nicht mit ihren kleinen Lkw hunderte Kilometer fahren können”, erklärt er weiter. “So eine tolle Infrastruktur wie der Bamberger Schlachthof muss erhalten bleiben.” Der Schlachthof sei eine Daseinsvorsorge für die Landwirt*innen und die Bürger*innen. Während der Stadtratssitzung wurde allerdings deutlich, dass keine Landwirt*innen aus Bamberg im Bamberger Schlachthof ihre Tiere schlachten.

Stadtrat hat entschieden: Deshalb wird der Bamberger Schlachthof geschlossen

Den Bamberger Schlacht- und Viehhof an der Lichtenhaidestraße gibt es seit Ende 1903. Vorgänger war die Fleischhalle am Kranen – erkennbar an dem Ochsen unter dem Giebel. Heute ist die ehemalige Fleischhalle eher als Teilbibliothek 5 der Otto-Friedrich-Universität bekannt. Der Schlachthof, der eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Stadt Bamberg ist, steckt jedoch seit Längerem in der Krise. Es brauche dem Bayerischen Rundfunk (BR) zufolge Investitionen in Millionenhöhe, um den Weiterbetrieb sicherstellen zu können. Zudem haben Arbeitsausfälle während der Corona-Pandemie und verschärfte Arbeitsschutzvorschriften dem Betrieb zu schaffen gemacht.

Der Bamberger Schlachthof wird geschlossen. Für das Gelände gibt es verschiedene Pläne. Foto: Sonja Seufferth/Stadt Bamberg
Der Bamberger Schlachthof wird geschlossen. Für das Gelände gibt es verschiedene Pläne. Foto: Sonja Seufferth/Stadt Bamberg

Zuletzt hatte die Stadt in einer Pressemitteilung bekannt gegeben, dass die Entscheidung darüber, ob der Schlachthof geschlossen werden soll, auf den 20. März 2024 vorverlegt wird. Ursprünglich war die Entscheidung im Juni vorgesehen. Seit Jahreswechsel habe sich die Marktlage und die wirtschaftliche Situation des Schlachthofs allerdings weiter verschlechtert. Die Schlachtzahlen seien nicht mehr kalkulierbar und Großkund*innen nicht bereit, höhere Preise zu zahlen. “Ein wirtschaftlicher Betrieb ohne ausreichende Schlachtmengen der Großkunden ist nicht darstellbar”, erklärt Geschäftsführer Julian Müller. Konkret bedeutet das: dem Bamberger Schlachthof fehlen pro Woche 350 Rinder, was einem Defizit von rund 40.000 Euro pro Woche entspricht. “Wegen der vorhandenen Infrastruktur und der hohen Umbaukosten wäre auch eine Verkleinerung nicht zielführend”, so Müller. Der Aufsichtsrat, dessen Vorsitzender Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) ist, hat deshalb mehrheitlich empfohlen, den Geschäftsbetrieb einzustellen.

Kritik von der SPD: Verzögerung der Entscheidung “verbrennt Steuergeld”

Trotz der finanziellen Schieflage waren sich bis zuletzt nicht alle Fraktionen im Bamberger Stadtrat einig, ob man den Schlachthof schließen soll. Berichten des Fränkischen Tags (FT) zufolge hatte sich die CSU-Fraktion im Stadtrat gegen eine Schließung zum jetzigen Zeitpunkt ausgesprochen. Die CSU hatte sogar die Stadtverwaltung aufgefordert, den Punkt von der Tagesordnung der Vollversammlung am 20. März zu nehmen. Man wolle eine “unüberlegte Entscheidung des Gremiums” vermeiden. Damit richte sich die CSU gegen “die rot-grüne Schließungskoalition.”

Auch der BuB (“Bambergs unabhängige Bürger”), eine Gruppierung im Bamberger Stadtrat, forderte mehr Zeit für die Entscheidung und warnte vor “voreiligem Aktionismus”, heißt es auf der Facebook-Seite der Gruppe. Im vergangenen Jahr hatte die Interessengesellschaft Schlachthof zudem noch 12.000 Unterschriften für den Erhalt des Betriebs gesammelt, berichtet die Stadt. Auch der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) hatte sich laut BR gegen eine Schließung ausgesprochen und Unterstützung in Millionenhöhe in Aussicht gestellt. Verhandlungen mit den Ministerien hatten allerdings nicht “das gewünschte Ergebnis gebracht”, so die Stadt Bamberg.

"Gemeinsam gegen die Tierindustrie" demonstrierte für eine Schließung des Bamberger Schlachthofs. Foto: Linus Kallender
“Gemeinsam gegen die Tierindustrie” demonstrierte für eine Schließung des Bamberger Schlachthofs. Foto: Linus Kallender

Die SPD-Fraktion kritisierte die CSU. “Jeder Stadtrat, der die Entscheidung der Schließung hinauszögert, verbrennt wöchentlich Steuergeld”, so Stadtrat Sebastian Martins Niedermaier gegenüber dem FT. Auch die Bamberger Grünen begrüßten laut BR ein Aus des Schlachthofs: “Der Schlachthof ist ein Millionengrab geworden und wir dürfen keine Zeit verlieren, den Übergang zu organisieren. Wir wollen dabei insbesondere auch wissen, dass für die Belegschaft gut gesorgt wird.”

Aus für Bamberger Schlachthof: Was passiert jetzt?

Nach etwa viereinhalb Stunden fiel die Entscheidung in der Stadtratssitzung: Der Bamberger Schlachthof wird geschlossen. Dafür gestimmt haben 31 der Stadträt*innen, dagegen 14. Zuvor wurde die finanzielle Situation des Betriebs ausführlich dargelegt. Auch Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD) betonte, dass der Aufsichtsrat jahrelang überzeugt davon gewesen sei, dass man den Schlachthof weiter betreiben könne. Dazu seien verschiedene Ideen durchdacht worden, wie beispielsweise eine Verpachtung des Geländes. Auch Starke selbst sei lange Zeit von einem Weiterbetrieb überzeugt gewesen, sei jedoch von der Faktenlage überholt worden und habe seine Meinung geändert. Es gebe “Risiken, die wir sehen müssen. Zögern kostet Geld”, mahnte er in der Sitzung.

@ottfried.bamberg

Wird der Bamberger Schlachthof geschlossen? Der Stadtrat hat sich am Mittwoch in der Konzert- und Kongresshalle versammelt, um über die Zukunft des Betriebs zu entscheiden. Im Vorfeld hatten Aktivist*innen eine Protestaktion angekündigt. Wir waren für euch vor Ort. Idee & Umsetzung: Svenja Hentschel Kamera: Mirjam Prell, Linus Kallender Schnitt: Paul Nardi, Sophie Rose #fyp#bamberg#stadtrat#stadtbamberg#schlachthof#demonstration#protest#tierschutz#ottfried ♬ Originalton – Ottfried

Geschlossen werden soll der Schlachthof jetzt bis zum 30. Juni 2024. Starke versicherte, dass man “alle Einzelschicksale” der Mitarbeiter*innen berücksichtigen werde: “Niemand soll hier im Stich gelassen werden.” Der zweite Bürgermeister Jonas Glüsenkamp (Bündnis 90/Die Grünen) erklärt auf Nachfrage des Ottfrieds, dass mit den Mitarbeiter*innen Einzelgespräche geführt werden sollen. Der Arbeitsmarkt sei momentan sehr aufnahmefähig. Der Gesamtkonzern Stadt Bamberg suche derzeit Mitarbeiter*innen, daher gibt sich Glüsenkamp zuversichtlich.

Außerdem soll laut Glüsenkamp noch vor der Sommerpause darüber entschieden werden, was mit dem Gelände des Schlachthofs passiert. Es seien eine “Wirtschaftsentwicklung, eine Wohnentwicklung oder eine städtische Entwicklung” auf dem Gelände denkbar. Was es letztendlich wird, soll im Rahmen des Verfahrens entschieden werden. Im Vorfeld und während der Sitzung wurde auch immer wieder auf die Option eines Food Campus hingewiesen, auf dem verschiedene Start Ups sesshaft werden sollen.

Kommentare anzeigen (1)
  • Ein sehr guter Bericht über einen insgesamt traurigen Vorgang.
    Aber wenn es keinen echten Bedarf mehr gibt, bleibt
    eigentlich nur die Schließung.

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