Du liest gerade
„Ich hatte schon lange befürchtet, dass eine neue Invasion kommt“
Dunkel Hell

„Ich hatte schon lange befürchtet, dass eine neue Invasion kommt“

avatar
  • Seit über 25 Jahren reist der Journalist und Fotograf Till Mayer in Kriegs- und Krisengebiete. Mit seiner Arbeit möchte der 50-Jährige den Menschen vor Ort eine Stimme geben. Für seine Fotos und Reportagen erhielt er mehrere Auszeichnungen. Beruflich bereiste er bereits circa 40 Länder in Afrika, Amerika, Asien und Europa. In den letzten Jahren fokussierte er sich immer mehr auf die Ukraine. Seit Ausbruch der russischen Invasion berichtet er regelmäßig in der Ukraine. Neben seiner Tätigkeit als freier Journalist arbeitet Till Mayer als Redakteur bei der Lokalzeitung Obermain-Tagblatt.

Für das Interview lädt uns Till Mayer in seine Wohnung ein. Die Einrichtung seiner offenen und loftartigen Wohnung lässt auf seine vielen beruflichen Erfahrungen schließen. An einer Wand hängen historische Werbe-Schilder aus emailliertem Stahl bedruckt in unterschiedlichen Sprachen. Der Wohnzimmerteppich stammt aus dem Iran. Verschiedene Erinnerungsstücke an Reisen durch Afrika schmücken seine Wohnung.
Im Wohnzimmer sitzt er auf seinem cremefarbenen Ledersofa. An der gegenüberliegenden Wand steht eine selbstgebaute Bar aus Holz, die auf den ersten Blick gewöhnlich wirkt. Später berichtet der Bamberger, dass die aufgeschraubten Boxen früher Maschinengewehrmunition enthielten. Er hat sie von Soldaten am Donbas geschenkt bekommen. Jetzt stehen Gin-, Rum- und Whiskeyflaschen darin.

Till Mayer setzt sich ständig mit dem Krieg auseinander

Anzeige

Während des Interviews ertönt auf seinem Handy zweimal ein Alarmsignal. Mayer erklärt, dass die weibliche Stimme einen Raketenalarm über der Stadt Charkiw verkündet und die Bevölkerung auffordert in den nächsten Luftschutzraum zu gehen. Er erzählt, dass er nach einem solchen Alarm manchmal seine ukrainischen Freund*innen anruft und sich erkundigt, ob bei ihnen alles in Ordnung sei.
Mit nur 21 Jahren war Mayer das erste Mal in einem Kriegsgebiet unterwegs. Damals reiste er auf eigene Faust in den Bosnien-Krieg. Als er zurückkam, schickte er seine Reportagen an das Rote Kreuz, mit der Bitte um Zusammenarbeit in einem Krisengebiet. Danach war Mayer viele Male mit dem Deutschen und dem Internationalen Roten Kreuz in Afrika unterwegs, um das Leid der Bevölkerung in betroffenen Regionen festzuhalten. Hier war er als Fotograf auch an einer großen Kampagne zur Ächtung von Landminen beteiligt.

Mayers erster Aufenthalt in der Ukraine

Seinen ersten Kontakt mit der Ukraine hatte Till Mayer 2007.
In Zusammenarbeit mit dem Roten Kreuz reiste er für ein Buch- und Ausstellungsprojekt über KZ-Überlebende nach Lviv. Seitdem engagiert er sich dort ehrenamtlich. In seiner Reportage „13 Quadratmeter Elend“ berichtet er über Altersarmut in der Ukraine. Darin erzählt er von einer alten Dame aus Lviv, die auf nur 13 Quadratmetern wohnt. Ein altes Wasserrohr mit Hahn war das Badezimmer, ein Eimer die Toilette. Zu ihrer schweren Arthrose kam eine geringe Rente von nur 65 Euro. Eine funktionierende Krankenversicherung gab es nicht. Viele Spendenwillige meldeten sich nach Veröffentlichung der Reportage. Daraus entstand ein Rotes-Kreuz-Projekt, das kostenlos Medikamente verteilt.

„Ich werde mit einem Foto nie einen Krieg beenden können. Den Menschen ist es aber wichtig, dass ich ihnen eine Stimme gebe.“

Mayer erzählt, dass die ukrainische Bevölkerung ihn immer offen aufgenommen und unterstützt habe. Das ist auch einer der Gründe, warum er immer wieder in die Ukraine reist.

Der seit 2014 anhaltende Krieg im Osten des Landes ist seit fünf Jahren ein Langzeitprojekt von ihm. Nun berichtet er regelmäßig über die großangelegte russische Invasion. Im März sowie Ende April und Anfang Mai war er jeweils für zwei bis drei Wochen in der Ukraine. Für den Rest des Jahres plant Mayer in regelmäßigen Abständen in die Ukraine zu reisen, so war er beispielsweise auch im Juni wieder dort.

Die Russische Invasion

Dass in das Land erneut russische Truppen einmarschieren würden – damit rechnete Mayer bereits. Putin habe im Sommer 2021 den Ukrainern abgesprochen, eine eigene Nation zu sein. Zudem habe er einen unrechtmäßigen Landverlust Russlands durch den Zusammenbruch der Sowjetunion beklagt. Schon zum Jahreswechsel von 2020 zu 2021 sei die Infrastruktur für die aktuelle Invasion vorbereitet worden, so Mayer.

„Vom Kopf habe ich gewusst: Jetzt wird es passieren. Vom Herzen habe ich es bis jetzt manchmal noch nicht begriffen.“

Putins Narrativ

Mayer erklärt, Putin befeuere das Narrativ, dass sich alle Russisch sprechenden Menschen als Russ*innen fühlen. Das sei aber eben oft nicht richtig. In Charkiw sprechen beispielsweise zwei Drittel der Menschen Russisch als Muttersprache. Das bedeute aber nicht, dass die Bürger*innen sich Russland zugehörig fühlen. Gerade dadurch, dass Putin vor acht Jahren den Krieg in der Ost-Ukraine begann und die Krim annektierte, habe er die Ukraine als ein „Bruder-Land“ endgültig verloren. Die klare Mehrheit der Ukrainer*innen sehe ihre Zukunft in der Europäischen Union und in einer freien und demokratischen Ukraine, betont Mayer.

„Die Zivilgesellschaft der Ukraine habe sich gerade nach 2014 entwickelt. Immer mehr junge und gut ausgebildete Menschen vertrauten auf eine Zukunft im eigenen Land. Dann kam die Invasion.“

Mayers jüngster Aufenthalt in der Ukraine

Als Mayer eine russische Invasion unmittelbar auf die Ukraine zukommen sah, buchte er ein Ticket in die Ukraine. Er wartete an der Frontlinie im Donbas auf den russischen Vormarsch. Mit seiner Schätzung für den Kriegsbeginn lag Mayer sehr nah an der tatsächlichen Invasion am 24. Februar. Allerdings musste er für einen Auftrag nach Afghanistan. Kaum in Kabul angekommen, begann die Invasion in der Ukraine.
Entgegen der verbreiteten Annahme, Russland würde die Ukraine in wenigen Tagen besiegen, habe er schon von Beginn an mit einem langwierigen Krieg gerechnet. Allerdings befürchtete Mayer, dass russische Soldaten Kiew einnehmen würden.

„Ich denke, dass die Ukrainer kein Territorium abgeben werden. Dafür werden sie weiterkämpfen. Zurecht.“

Der Journalist erzählt von einem Interview mit einer älteren Dame aus Charkiw. Auf die Frage, was ihr größter Wunsch sei, antwortete sie: „Frieden“. Und fügte hinzu: „Aber nicht um jeden Preis.“ Charkiw müsse ukrainisch bleiben. In der Ukraine habe Mayer noch keinen Menschen getroffen, der die Kapitulation als eine Option sieht.

„Die Menschen in der Ost-Ukraine haben seit 2014 ein extrem hartes Leben. Jedes Kind wusste dort schon vor der Invasion, wie sich ein Maschinengewehr anhört, wie es sich anhört, wenn eine Granate abgeschossen wird oder hereinkommt.”

Mayer erlebt die Ukrainer*innen als sehr willensstark und dazu bereit, ihr Land zu verteidigen.
Viele Ukrainer*in helfen ihrem Land auf ihre eigene Weise. Jede*r versuche, seinen Teil dazu beizutragen, dass die Ukraine gewinne, ob als zivile Helfer*innen oder mit der Waffe an der Front.

Während sein Freund Sascha an der Front kämpft, backt Saschas Freundin Julia mit zwei anderen Frauen jeden Tag Brötchen für 1500 Soldat*innen.

Eindrucksvolles ukrainisches Engagement

Mayer ist beeindruckt vom freiwilligen Engagement der Menschen. Als er Charkiw besucht, ist die Stadt noch schwer umkämpft. In den Metro-Stationen leben seit Invasionsbeginn tausende Menschen. Einige Volunteers organisierten dort die Versorgung der Menschen zuerst auf eigene Faust. Sie arbeiteten mit einem Restaurantbesitzer zusammen, dessen Großküche durch den Krieg leer steht. So entstehen Strukturen, auf die Organisationen und Stadtverwaltung bauen können, so Mayer.

„Die Ukrainer wollen zeigen, dass sie sich vom Krieg nicht das Steuer aus der Hand nehmen lassen. Deswegen haben sie auch im heftig umkämpften Charkiw in den Parks wieder Blumen angepflanzt. Und wenn irgendwo Granaten einschlagen werden die Trümmer noch am gleichen Tag zusammengekehrt. Das hat mich schon sehr beeindruckt. Aber das wundert mich nicht, denn so habe ich die Ukrainer davor auch immer erlebt.“

Weiter erzählt der Bamberger, dass sich die Ukrainer*innen sehr freuen, wenn Solidarität gezeigt wird. Wenn das alte Rathaus in ukrainischen Farben angestrahlt wird, erscheine uns das vielleicht unwichtig. Den Menschen in der Ukraine gäbe es aber viel Mut, wenn sie davon in den sozialen Medien erfahren oder die Botschaft als Geflüchtete vor Ort sehen.

„Die Menschen, die ich in der Ukraine kennengelernt habe, wollen kein Land dazu gewinnen. Sie lieben ihr Land oft sehr. Aber sie denken nicht, andere Länder wären schlechter als ihre Heimat. Stattdessen freuen sich riesig, wenn dir die Ukraine auch gefällt.“

Nicht in der ganzen Ukraine ist Krieg

Mayer klärt weiter auf, dass jemand, der noch nie im Krieg war, denken könnte, er überschreite die ukrainische Grenze und sofort kämen die Granaten herunter. So sei es natürlich nicht.
Der Osten und Süden des Landes sind dagegen stark umkämpft. Wenn man in Lviv, im Westen durch die Altstadt gehe, dann merke man auf den ersten Blick nicht, dass Krieg sei. Die Cafés seien geöffnet, es sehe alles „total schick“ aus. Aber wenn man näher hinschaue, sehe man es plötzlich: „Vor der Statue sind Sandsäcke aufgebaut, die Kirchenfenster sind mit Holzbrettern vernagelt, es sind sehr viele Binnenflüchtlinge in der Stadt und im Laufe des Tages gibt es immer wieder Raketenalarme.“

Gefahr durch soziale Medien im Krieg

Mayer erklärt, dass selbst Aufnahmen und Videos in den Sozialen Medien wie TikTok Leben gefährden können. Denn schon nach dem Einschlag der ersten Rakete kommen Helfer*innen, um den Schaden zu beseitigen und den Leidtragenden zu helfen. Durch Bildmaterial der Zerstörung können russische Spezialisten analysieren, ob Zielgebäude bereits getroffen wurden oder aus ihrer Sicht nicht ausreichend. Falls Zweiteres der Fall ist, werden die Helfer*innen vor Ort durch einen zweiten Raketenangriff gefährdet. Zusätzlich werden durch veröffentlichte Videos militärische Stellungen ungewollt verraten.

Till Mayer, wie schätzen Sie Putin ein?

Auf die Frage, wie man Putin entgegentreten sollte, antwortet Mayer, man müsse jetzt endlich die Grenzen aufzeigen: „Weit über 20.000 russische Soldaten sind gefallen. Die Eltern dieser Soldaten werden sich fragen, für was ihre Kinder gestorben sind. Die Propaganda könnte irgendwann bröckeln. Spätestens, wenn Putin zwangsmobilisiert, bekommt er Probleme.“
Sehe Putin seine Invasion als Erfolg, mache er vor weiteren Ländern nicht halt. Mayer befürchtet, dass es dann einen Weltkrieg gäbe. Das Problem sei, dass man Putin nie in seine Schranken gewiesen habe. Putin wolle alles haben, was er als Gefahr für sein Großrussisches Reich sehe. Er wolle die EU kaputt machen, sagt Mayer betroffen.

„Ich war in einem Stadtviertel von Charkiw, da war kein Haus mehr unversehrt. Du hast auch dauernd Einschläge von Artilleriegranaten gehört. Der Krieg war sehr nah.“

Am Ende des Interviews zeigt Till Mayer seine jüngsten Fotografien aus der Ukraine und erzählt die Geschichten hinter den einzelnen Bildern. Dabei ist ihm wichtig zu betonen, dass die Bilder von dem zerstörten Land nicht das widerspiegeln, wie er die Ukraine all die Jahre erlebt hat.

„Ich kenne die Städte oft schon, von denen ich berichte und weiß, was da vorher los war. Und jetzt gibt es diese Totenstille und die Zerstörung. Die Ukraine war bis zum 24. Februar ein richtig schönes Reiseland.“

Wo kannst du spenden?

Spenden kannst du beispielsweise an Till Mayers Projekt „Winter in Lviv“. Unter www.winter-in-lviv.org findest du alle wichtigen Informationen.
Zudem lobt Till Mayer den Verein „Bamberg: UA“ als Spendenanlaufstelle. Alle wichtigen Informationen findest du unter www.bamberg-ua.de.

Hier kannst du Till Mayer online finden:

Instagram: tillmayer.de
Facebook: Till Mayer
Homepage: www.tillmayer.de

Kommentare anzeigen (0)

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

© 2015 - 2022 Ottfried e.V.