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“Ich demonstriere hier, weil ich Angst habe”
Dunkel Hell

“Ich demonstriere hier, weil ich Angst habe”

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  • Klimaaktivist*innen kleben sich auf Straßen fest, sie verüben Anschläge auf Gemälde und blockieren Autobahnen. Mit der Besetzung eines Seminarraums ist diese Welle auch in Bamberg angekommen.

Eine Gruppe von etwa 20 Student*innen besetzte am Donnerstag, den 17. November 2022 ab 12 Uhr einen Seminarraum in der U5, gegenüber der Mensa Austraße. Die Besetzung wurde organisiert von ‚End Fossil: Occupy!‘, einer internationalen Bewegung, in deren Rahmen seit September 2022 Besetzungen und Streiks an Universitäten und Schulen auf der ganzen Welt stattfinden.

Bei der Besetzung hielten sich die Aktivist*innen im Seminarraum 01.17 auf und blockierten dadurch die Lehrveranstaltungen, die dort eigentlich stattgefunden hätten: ein Didaktik-Seminar und ein literaturwissenschaftliches Seminar. Außerdem hängten sie Banner mit den Aufschriften „We are unstoppable, another world is possible“ und dem Logo von ‚End Fossil: Occupy!‘ aus den Fenstern des Seminarraums. Immer wieder wurden Parolen aus den Fenstern gerufen und Redebeiträge über Megafon gehalten, in denen die Aktivist*innen auf die Aktion und Themen wie den Klimawandel aufmerksam machten. Insgesamt dauerte die Besetzung etwa vier Stunden.

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In letzter Zeit besetzten Klimaaktivist*innen der Bewegung ‚End Fossil: Occupy!‘  immer wieder Räume in Universitäten, um auf die Klimakrise aufmerksam zu machen und Forderungen an Politik und Universitätsleitungen zu stellen. Im Fokus standen dabei Forderungen nach einem Ende fossiler Energien. Bei diesen Besetzungen werden Vorschriften mit Vorsatz gebrochen. In anderen Unis wurden Studierende, die Seminarräume besetzt haben, wegen Hausfriedensbruch angezeigt, weswegen die Namen der Aktivist*innen, deren Aussagen hier zitiert werden, von der Redaktion geändert wurden. Simon, ein bei der Besetzung anwesender Student, erklärte im Interview: „Es geht darum, darauf aufmerksam zu machen, dass all die legalen Mittel, die wir angewendet haben, wie Demonstrationen und Petitionen, nicht auf genügend Gehör gestoßen sind.“ 

Die Aktion solle für die Menschen eine Motivation sein, die sich interessieren und engagieren wollen, wie im Rahmen einer Besprechung unter den Aktivist*innen gesagt wurde. Bei dieser wurde über die Aktion allgemein und über die weitere Vorgehensweise diskutiert. Auch Annette Mattenklodt, die in dem besetzten Raum eigentlich ein Seminar gehalten hätte, war bei der Besprechung dabei. Sie stand der Aktion aufgeschlossen gegenüber und sagte, dass die Klimakrise ein Thema sei, das ihr auch am Herzen liege. Auf Nachfrage per E-Mail schreibt Mattenklodt, sie fände es „verständlich und notwendig, dass Klimaaktivist*innen versuchen, verstärkt auf der gesellschaftspolitischen Ebene einen grundsätzlichen Wandel in Bezug auf die Maßnahmen zur Klimakrise anzustreben“. Später zog sie mit den Student*innen, die zum Seminar erschienen waren, in einen anderen Raum um. Genauso auch Sabine Vogt, die nach Mattenklodt in dem Raum gelehrt hätte. Auf Anfrage merkt sie an: „Das grundsätzliche Anliegen – gegen die Klimakatastrophe muss mehr getan werden – verstehe ich gut und teile diese Meinung.“ Allerdings erklärte sie auch, sie bezweifle, dass die Besetzung der Seminarräume etwas zu diesem Anliegen beitrage.

Bei der Besprechung unter den Aktivist*innen wurde auch radikalerer Aktivismus allgemein diskutiert. Zum Beispiel wurde angesprochen, dass extremer Widerstand dazu führen könne, dass Menschen der Klima-Bewegung verloren gingen. Eine Erwiderung darauf war, dass sich durch radikale Aktionen mehr Menschen mit dem Thema auseinandersetzen und dadurch mehr Rückhalt in der Bevölkerung entsteht. Anna, eine Studentin, die an der Aktion teilnahm, merkte außerdem an, dass es nur gut sei, wenn es verschiedene Arten des Protests gebe: „Es ist wichtig, dieses Spektrum abzubilden“, sagte sie und begründete ihre Aussage mit dem Verweis auf Leute, für die Anschläge auf Gemälde nicht in Ordnung seien, die aber trotzdem auf Demonstrationen gehen würden.

Das Ziel der Besetzung sei zum einen Aufmerksamkeit: Simon erklärte im Gespräch, dass es ein Ziel sei, „dass diese Bewegung, die wir jetzt gerade an den Unis starten, in die gesamte Gesellschaft getragen wird. Und wir erhoffen uns, dass möglichst viele Menschen in einer Klimagerechtigkeitsbewegung aktiv werden.“ Paul, ein Student, der ebenfalls befragt wurde, findet: „Eigentlich weiß jeder, wie schlimm die Krise ist und auf was wir zusteuern. Und trotzdem passiert nichts oder viel zu wenig. Wir haben nur noch ein paar Jahre und können es uns überhaupt nicht leisten, zu sagen ‚Ja, das wird.‘“

Neben dem Erzeugen von Aufmerksamkeit wurde bei der Besetzung auch über konkrete Forderungen an die Universitätsleitung und die Politik gesprochen. Forderungen an die Universität seien unter anderem Solaranlagen auf allen dafür geeigneten Dächern der Uni zu installieren und Klimakrisenbildung in die Lehre zu integrieren. Lisa, eine Studentin, die auch bei der Besetzung anwesend war, erklärte: „Wenn eine Universität sagt: ‚Okay, Politik, ihr handelt nicht, deswegen müssen wir handeln‘, dann wird auf die Politik Druck ausgeübt.“ Dagmar Steuer-Flieser, Kanzlerin der Uni Bamberg und Vorsitzende der Steuerungsgruppe Nachhaltigkeit sagte allerdings auf Nachfrage, dass keine Forderungen an die Universitätsleitung gestellt worden seien. Sie zeigte sich aber gesprächsbereit und sagte, man könne gerne jederzeit auf sie zukommen. Forderungen an die Universität seien bei der Aktion zweitrangig, erklärte Simon: „Wir fordern eher Handlungen von der Politik.“ Als Forderungen an die Politik wurden im Gespräch unter anderem das Ende fossiler Energien in der Energieversorgung, eine Verkehrswende und die Wiedereinführung des 9-Euro-Tickets genannt.

Auf die Frage, warum sie zu der Besetzung gekommen seien, gaben die befragten Student*innen unterschiedliche Antworten. Simon nannte als Grund: „Ich demonstriere hier, weil ich Angst habe. Ich habe das Gefühl, wie in der Politik gehandelt wird, ist der Lage in Deutschland und der Welt einfach nicht angemessen. Ich habe das Gefühl, es muss viel mehr getan werden und ich habe Angst vor dem, was kommt, wenn wir jetzt nicht schnell handeln. Die Folgen sind einfach fatal.“

Lisa erklärte: „Wenn wir blockieren, oder wenn wir Anschläge auf Gemälde ausüben, dann sehen wir, dass das die reiche, weiße Mittelschicht ins Mark trifft. Denn darüber definieren wir uns: Über Bildung, über Kunst, über unser Interesse an der Welt. Und ich denke, wenn wir das blockieren und sagen ‚diese Dinge, über die wir uns identifizieren, haben keinen Wert mehr, wenn wir die Klimakrise nicht ernstnehmen‘, dann können wir etwas bewirken.“

Außerdem sagte sie: „Ich glaube, eine gewisse depressive Verstimmung ist in unserer Generation angekommen, weil wir uns so handlungsunfähig fühlen. Und ich glaube, wir können superviel verändern, im kleinen Rahmen, wenn wir viel darüber reden, wenn wir unseren Konsum auf eine ökologische Verträglichkeit runterschrauben und schauen, welche Ressourcen wir eigentlich benötigen. Und natürlich Druck auf die Politik ausüben.“

Annette Mattenklodt merkte an, die Seminarraumbesetzung werde „Menschen, die an der Uni lernen und lehren dazu bringen, sich zu engagieren und darüber nachzudenken, ob sie alles in ihrer Macht Stehende tun, um dem Klimawandel zu begegnen.“

Die Besetzungen von Universitäten und Schulen im Rahmen von ‚End Fossil: Occupy!‘ werden diesen Dezember noch andauern. Die Antwort von Lisa auf die Frage, was wir in Zukunft erwarten können, ist einfach: „Die Streiks werden weitergehen, wenn sich nichts verändert.“

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