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Die Kunst der guten Täuschung
Dunkel Hell

Die Kunst der guten Täuschung

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  • „Now I've found a real love, you'll never fool me again” – getäuscht zu werden kann weh tun, aber nicht immer läuft es so dramatisch ab wie im Weihnachts-Hit „Last Christmas” von Wham!. Dass Täuschung auch Freude bringen kann und wie viel Kunst dahintersteckt, erzählen Zauberer Pascal Thieme und Schauspielerin Iris Hochberger im Interview.

⇒ Du liest unseren Beitrag zu: “CaMeTa:Staffellauf”, die bundesweite Themenreihe deutscher Campusmedien, im Wintersemester 2022/2023 zum Thema (Ent-)Täuschung

Getäuscht zu werden, ist im Normalfall unschön. Manchmal aber wollen wir, so gut es geht, getäuscht werden. Sitzen wir im Publikum einer Zauber-Show, freuen wir uns über Tricks, die uns komplett irreleiten. Gehen wir ins Theater oder schauen einen synchronisierten Film, wollen wir dabei möglichst realitätsnahe Umsetzungen von Charakteren sehen.

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Wie viel Spaß macht das Täuschen in der Zauberei? Wer täuscht in der Schauspielerei wen? Welche Emotionen können geweckt werden, wenn wir bereits wissen, dass wir getäuscht werden? Im Gespräch mit Zauberer Pascal Thieme sowie Synchronsprecherin und Schauspielerin Iris Hochberger gibt es Antworten auf diese Fragen.

„Zauberei ist immer auch Schauspiel“

Pascal Thieme ist Profizauberer und Trainer für Jonglage, Akrobatik und Trampolin im Zirkus Giovanni in Bamberg.

Bild: Malte Hörnes
Ottfried: Welche Art Zaubertrick macht dir am meisten Spaß?

Pascal: Einen speziellen Trick zu nennen, finde ich schwierig, aber als liebste Art der Zauberei denke ich an Close-Up-Zauberei. Das beschreibt alles, was ganz nah am Tisch passiert, wie beispielsweise Kartentricks. Da hat man eine ganz andere, intensivere Beziehung zum Publikum – auf der Bühne ist da eher eine große Distanz. Beides macht sehr viel Spaß, aber bei der Close-Up-Zauberei ist es intimer, da passieren schon mal wichtige Teile des Kunststücks in den Händen der Zuschauer*innen.

Wie bist du in den Beruf gekommen?

Ich habe schon als Kind mit einem Zauberkasten angefangen zu zaubern, aber dabei nicht daran gedacht, dass ich das mal beruflich verfolge. Ich habe dann einen Zauberer kennengelernt und Anschluss in die Szene gefunden. Das ist mit der Zeit weitergewachsen und nach meiner Ausbildung zum Industriekaufmann bin ich an einen Punkt gekommen, wo ich überlegt habe, ob ich meine Leidenschaft zur Zauberei zum Beruf machen möchte. Aktuell bin ich noch nicht selbstständig, sondern arbeite im Zirkus Giovanni als Trainer für Jonglage, Akrobatik und Trampolin und zusätzlich zaubere ich.

Inwiefern täuschst du in deinem Beruf?

Täuschung ist das Haupthandwerk der Zauberei: Man gibt vor, etwas zu tun, was in Wirklichkeit ganz anders abläuft. Ich finde der Begriff „täuschen“ passt da gut – „lügen“ wäre zu hart. Die Kunst liegt darin, dass ich alle – obwohl sie wissen, dass ich sie täuschen werde – glauben zu lassen, dass ich wirklich beispielsweise eine Münze verschwinden lassen kann.

Täuschung ist das Haupthandwerk der Zauberei: Man gibt vor, etwas zu tun, was in Wirklichkeit ganz anders abläuft

Macht dir das Täuschen Spaß?

Ja, total. Der*die Zuschauer*in bekommt erst später mit, was passiert als ich. Das ist eine Sache, die man üben muss. Es ist nämlich gar nicht so leicht vorzugeben, dass man auch als Zauberer bis zum Ende nicht weiß, was passiert. Die Tricktechnik soll verdeckt ablaufen. Währenddessen täuscht man vor, von nichts zu wissen, weil für die Zuschauer*innen erst deutlich später klar werden soll, dass etwas stattgefunden hat.

Währenddessen täuscht man vor, von nichts zu wissen

Zauberei ist immer auch Schauspiel – auch, wenn man keine bestimmte Rolle einnimmt. Im Zirkus nehme ich für Acts Rollen ein und verkörpere sie. Wenn ich solo zaubere, trete ich als Pascal Thieme auf. Da bin ich eigentlich ich, aber trotzdem nicht ganz.

Inwiefern bist du nicht ganz du selbst?

Ich bin extrovertierter und manchmal etwas frecher. Wenn während der Show zum Beispiel Dinge passieren wie ein Zwischenruf aus dem Publikum, dann sollte ich darauf reagieren. Während ich privat nicht unbedingt immer und überall meine Meinung dazu sagen muss. Als Zauberer oder Performer generell, ist man auch einfach in einer Rolle, in der man sich auf der Bühne etwas mehr rausnehmen kann als in privaten Situationen.

Fändest du in deinen Tricks und Kunststücken einen gewissen Grad an Täuschung verwerflich?

In der Zauberei gibt es Kunststücke, die einfach nicht in Ordnung sind. Das hat gar nicht unbedingt etwas mit dem Level an Täuschung zu tun, sondern eher damit, dass Menschen bloßgestellt werden. Zum Beispiel kann die Täuschung darüber funktionieren, dass ein Zuschauer einen Stromschlag bekommt und das vorher nicht wusste. Bei einem anderen Trick werden einer Frau Tücher in den Ausschnitt gesteckt und wenn diese dann wieder rausgezogen werden, steckt ein BH dazwischen. Ich finde das sind absolute No-Gos. Man kann Späße auf Kosten anderer machen, aber dabei muss man darauf achten, dass das mit Respekt passiert. Das Ziel darf nicht sein, eine Person bloßzustellen, sondern alle Leute sollten Spaß an der Zauberei haben – auch die Person, die im Kunststück involviert ist.

Klappt die Täuschung immer wie gewollt?

In den meisten Fällen bekommen die Zuschauer*innen gar nicht mit, dass etwas nicht funktioniert, weil man es gut überspielen kann. Wenn etwas derart in die Hose geht, dass man es nicht verdecken kann, löse ich das, indem ich ehrlich sage, dass es nicht geklappt hat. Das ist nur menschlich und schafft dann noch eine andere Ebene zwischen Zauberer und Publikum.

Hast du Vorbilder aus der Welt der Magie?

Da fällt mir beispielsweise der spanische Zauberer Miguel Muñoz ein. Er hat eine total detailverliebte Art an die Zauberei heranzugehen. Ich bin regelmäßig in Spanien auf Fortbildungen, weil ich die spanische Herangehensweise sehr schön finde – sie haben dort einen eigenen Stil entwickelt, der in der ganzen Welt bekannt ist. In der Zauberei-Szene kann man sich global gut vernetzen – dadurch hat man sogar die Möglichkeit, Vorbilder zu treffen und sich mit ihnen auszutauschen.

Konntest du schon mit deinen Vorbildern sprechen?

In Spanien konnte ich bereits einige Vorbilder wie beispielsweise Miguel Muñoz und Mario Lopez persönlich treffen und in Workshops von ihnen lernen. Auf deutschen Kongressen trifft man auch immer wieder bekannte Gesichter. Und mit Hans Klok habe ich mal eine Bühne geteilt.

Hans Klok und Pascal Thieme auf der Blackpool Magig Convention

Kennst du die Serie mit dem Magier mit der Maske, die vor einigen Jahren im Fernsehen lief? Wie stehst du dazu, dass dort Tricks aufgedeckt werden?

Ich habe das als Kind gesehen und gemocht. Ich finde das okay, dass dort Tricks erklärt werden. Wenn das Erklären in einem sinnvollen Rahmen abläuft, kann das sogar förderlich sein für die Zauberei. Dadurch, dass normalerweise nichts verraten wird, ist es für Interessierte eine super Möglichkeit, durch solche Formate einen Einstieg zu finden. Wer Interesse hat, kann im Internet super viele hilfreiche Videos mit theoretischen Erklärungen und auch Buchempfehlungen rund um das Thema Zauberkunst finden. Mich kann man über Instagram (https://www.instagram.com/pascalthieme/) und meine Homepage (http://www.pascalthieme.de/) erreichen – da teile ich immer wieder Einblicke in meine Shows.

„Ich täusche mir Emotionen vor, um sie möglichst wahrhaftig darzustellen“

Iris Hochberger ist Schauspielerin und Synchronsprecherin. Seit 2002 ist sie als Sprecherin im professionellen Audiobereich tätig und seit 2005 Teil des Ensembles des ETA Hoffmann Theaters. In der Spielzeit 2022/23 wirkte sie zuletzt bei „Bär im Universum“ mit.

Bild: Matthias Weinberger
Ottfried: Was war bisher die Synchronisation, die dir am meisten Spaß gemacht hat?

Iris: Ich durfte für den Horrorfilm „Secret Santa“ eine Synchronisation übernehmen. Im Film geht es um eine Familie, die an Weihnachten zusammenkommt, wobei das Treffen dann durch eine Psycho-Droge in ein schreckliches Gemetzel ausartet. Es ist als Groteske gefilmt und wirklich sehr lustig. Auch mächtig Spaß hat es gemacht, eine Sexszene zu synchronisieren – da dachte ich mir „jetzt habe ich wirklich alles mal synchronisiert“. Das war im Film „Wolf Mother“, in dem ich eine Servicekraft in einem Diner gesprochen habe.

Was ist das Herausforderndste am Synchronisieren?

In meinem eigenen Studio spreche ich Texte für Lernvideos und sowas ein – das ist ganz anders als Film-Synchronisationen. Für Filme fahre ich in ein externes Studio beispielsweise nach Nürnberg und es gibt einen Regisseur, der mich begleitet, mir sagt, wie sich etwas anhören soll, und mir Feedback gibt. Schwierig ist an der Synchro-Arbeit, dass man wahnsinnig wenig Zeit dafür hat. Den Text, den du in dieser Minute bekommen hast, musst du dir direkt so einprägen, dass du mit einem Auge auch den Bildschirm sehen kannst, um Atmer und Sprechweise der Schauspieler*innen zu verfolgen. Bei Horrorfilmen wie „Secret Santa“ kommt es zusätzlich darauf an, dass man gut bei Stimme ist, denn als Frau muss man meistens früher oder später schreien.

Gib uns doch einen Einblick in deinen Berufsalltag: Wie bereitest du dich auf das Synchronisieren vor?

Ich werde für spezifische Termine angefragt und komme dann ohne besondere Vorbereitungen zum Studio. Aber ich muss darauf achten, dass ich genug getrunken habe, denn „mouth clicks“, also Geräusche aus dem Mund wie Zischen, Ploppen und so weiter, hört man in der Aufnahme mehr als im Alltag. Wenn ich im Studio angekommen bin, erklärt mir der Regisseur, worum es im Film geht und welche Rolle ich verkörpere. Dann geht es für mich in die Sprecherkabine – dort ist ein Bildschirm und es liegt ein Skript bereit. Daran wurde natürlich schon rumgefummelt, denn die Synchronsprecher*innen werden einzeln nacheinander bestellt. Manchmal höre ich beim Aufnehmen schon deutsche Kolleg*innen, die vor mir dran waren und Szenen bereits synchronisiert haben, und manchmal höre ich Szenen im Originalton. Das kann dann auch mal durcheinanderbringen, während ich mich auf meinen deutschen Teil konzentriere. In maximal drei Versionen pro Szene nehme ich meinen Teil auf. Bei einem zweistündigen Film komme ich also auf etwa einen halben Tag Arbeit. Das hängt natürlich von der Größe der Rolle ab.

Was verstehst du unter Täuschung? Inwiefern täuschst du in deinem Beruf?

Das Wort „täuschen“ hinterlässt für mich als Schauspielerin ein etwas ungutes Gefühl. Wir haben uns nicht der Täuschung verpflichtet, sondern unser Bestreben ist, auf der Bühne die Wahrhaftigkeit zu zeigen. Wir versuchen, den Dingen so auf den Grund zu gehen, dass das, was wir darstellen, überzeugend ist – nicht, weil es gut gelogen ist, sondern weil es aufrichtig ist.
Für mich spielt in der Überlegung der Unterschied aus privat und persönlich eine Rolle. Privat sind die Sachen, die ich für mich behalte, aber trotzdem versuche ich die Geschichten in meiner Darstellung persönlich zu erzählen. Das soll kein Abziehbild sein, sondern eine glaubhafte Story. Wenn ich synchronisiere, dann versuche ich, die Gefühle, die ich verkörpere, in mir zu kreieren. Ich tue also nicht so, als wäre ich erschreckt, sondern ich hole Dinge in mir hervor, die mich erschrecken. So habe ich es im Sommer 2022 bei „Romeo und Julia“ bei den Calderón-Spielen gemacht, bei denen ich in der Rolle der Amme dabei war. In einer Szene wurde die Amme getäuscht, denn sie dachte, Julia sei tot. Dafür war natürlich vorgesehen, dass ich schreie, kreische und so weiter. Aber der Regisseur hat sich überlegt, dass sozusagen mein Ton abgedreht war – ich sollte die Szene stumm spielen, während neben mir weitere Szenen liefen. Im Laufe der Spielzeit ist es mir gelungen, währenddessen an andere Dinge zu denken, sodass es so aussah, als wäre die Figur in größter Pein.
Hier kann man auf jeden Fall von Täuschung sprechen: Die Schauspielerin Iris war mit anderen Dingen im Kopf beschäftigt als meine Rolle. Ich habe mir einen Rahmen für die Emotion vorgetäuscht, um sie möglichst wahrhaftig darzustellen.

Wir haben uns nicht der Täuschung verpflichtet, sondern unser Bestreben ist, auf der Bühne die Wahrhaftigkeit zu zeigen

Das heißt als Schauspieler*in muss man sich auch selbst etwas vortäuschen können?

Ja, das kann man so sagen. Ich habe mal gehört, dass Betrüger in dem Moment, in dem sie erfolgreich betrügen, ihre Story selbst glauben. Das muss mit Fantasie zu tun haben: Man gibt sich in dem Moment so sehr seiner Fantasie hin, dass die körperlichen Reaktionen automatisch kommen. Die Kunst ist, die eigene Konzentration voll und ganz auf diese Täuschung zu legen. Bei den Proben für „Romeo und Julia“ habe ich mir die Szene richtig tief reingezogen, um zu schauen, wie ich persönlich reagieren würde. Das geht dann in den Körper über. Ich täusche meinen Körper selbst.

Man gibt sich in dem Moment so sehr seiner Fantasie hin, dass die körperlichen Reaktionen automatisch kommen

Wie schaffst du es, dich in die verkörperten Charaktere hineinzuversetzen?

Ich habe mal einen Anime synchronisiert – das war schon herausfordernd, weil die Emotionen gezeichnet sind und die Sprache eine ganz andere ist, aber da kommt man rein. Das hat viel mit Training zu tun. Ich habe geübt, dass ich schnell von einer Emotion in die andere umschalten kann. Zum anderen ist das eine starke Konzentrations- und Fantasiearbeit. Ich stelle mir vor, dass mir das gerade passiert. Da brummt der Kopf danach ein bisschen.

Kannst du trotz dessen, dass du das Handwerk so gut beherrscht, die Synchronisation und das Schauspiel anderer genießen?

Das fällt tatsächlich schwer. Der Besserwisser in mir reckt dann schon mal den Hals – nicht nur negativ, sondern auch positiv, im Sinne von „wow, wie geil hat der das jetzt gespielt“. Man schaut da schon sehr auf das Handwerk. Die unschuldigen Augen, die ich früher hatte, habe ich da leider nicht mehr.

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