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7 flotte und 2 weniger flotte Fragen an das neu gegründete antifaschistische Aktionsbündnis gegen Verschwörungsmythen
Dunkel Hell

7 flotte und 2 weniger flotte Fragen an das neu gegründete antifaschistische Aktionsbündnis gegen Verschwörungsmythen

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  • Wer in letzter Zeit auf Gegenprotesten gegen Coronaleugner*innen in Bamberg unterwegs war, hat wahrscheinlich schon vom neu gegründeten antifaschistischen Aktionsbündnis gegen Verschwörungsmythen mitbekommen. Um mehr über die Hintergründe der Gegenproteste und das Entstehen des Bündnisses zu erfahren, haben wir dem Bündnis sieben flotte und zwei weniger flotte Fragen gestellt.

Seit Mai 2020 organisiert die Gruppe „StayAwake Bamberg“ regelmäßige Proteste und Autokorsos durch Bamberg, nach eigenen Angaben, um gegen Corona-Maßnahmen zu demonstrieren. Dass die Gruppe dabei Verschwörungsideologien verbreitet, Rechtsextremen eine Bühne bietet und immer wieder offen gewaltbereit auftritt, gerät bei Gesprächen über die „Proteste“ oft in den Hintergrund. In Bamberg haben sich nun zahlreiche Gruppen zu einem antifaschistischen Aktionsbündnis zusammengeschlossen. Das Bündnis will durch gemeinsames Engagement und kollektives Wissen aufmerksam machen – auf verfassungswidrige, rechte und verschwörungsideologische Ausrichtungen innerhalb der StayAwake Bewegung.

Die Fragen stellten Kim Becker und Laura Weinmann. Die Antworten erfolgten schriftlich.

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Sieben Flotte Fragen

1. Wofür wurde das antifaschistische Aktionsbündnis ins Leben gerufen? Welche Auslöser gab es dafür?

Viele von uns engagieren sich schon seit Beginn der Pandemie gegen Verschwörungsmythen. Vorher haben wir Proteste gegen den III. Weg und die AfD auf die Straße gebracht. Seit 2020 haben wir davor gewarnt, dass Gruppen wie StayAwake Bamberg rechtspopulistische und demokratiefeindliche Positionen online und offline salonfähig machen. Seit Dezember laufen offen Neonazis vom III. Weg bei den verschwörungsideologischen Aufmärschen in Bamberg mit, ein Schulterschluss auf der Straße, der nur die Konsequenz des vorangegangenen rhetorischen Schulterschlusses ist.

Viele Leute sagen, Corona-Leugner*innen seien „dumm“ oder lachen über sie. Das verharmlost aber die Gefahr, die von der Szene für Pressevertreter*innen, Politiker*innen und Andersdenkende ausgeht. Diese muss deutlich benannt werden, und wir stellen uns ihr als Antifaschist*innen entgegen.
Um Kräfte zu bündeln und klar nach außen kommunizieren zu können, haben wir uns für die Gründung eines Aktionsbündnisses entschieden.

2. Welche Gruppen sind im Bündnis vertreten?

Mit dabei sind AStA Bamberg e.V., Aufstehen gegen Rassismus Bamberg, KIBA Bamberg, Die Falken Bamberg, SDS Bamberg, und Einzelpersonen, die genug von Verschwörungsmythen auf Bambergs Straßen haben.

3. Wie seid ihr aktiv?

Wir organisieren Gegenproteste, informieren Presse und Öffentlichkeit und recherchieren zu den verschwörungsideologischen Strukturen in Bamberg und Umgebung.

4. Wenn ihr das Bündnis in fünf Emojis beschreiben müsstet, welche wären das?

❤️🖤😷✊🦖💉 (dürfen wir 6 bitte?)

5. Wer darf sich bei euch einbringen bzw. wie kann man mitwirken oder unterstützen?

Wer Interesse hat, darf gerne Menschen auf den Demos, z. B. Redner*innen, ansprechen. Unterstützen könnt ihr uns, indem ihr bei unseren Aktionen mitmacht und eure Freund*innen und andere, denen ihr vertraut, mitbringt. Es ist wichtig, dass sich viele Menschen den Maßnahmengegner*innen entgegenstellen. Wir freuen uns auch über kleine Geldspenden, die wir für Demo-Equipment wie Lautsprecherwagen oder Stromgenerator verwenden. Spenden könnt ihr ganz easy auf den Demos.

6. Was ist euer Lieblingssong für Demos?

„Alle hassen Nazis“ von KAFVKA und „Analyse und Genick“ von Babsi Tollwut

7. Wie sähe für euch das ideale Bamberg aus?

Selbstverständlich wären wir in unseren Idealvorstellungen in Bamberg frei von bayernweiter Querdenkenmobilisierung in unserer Altstadt und unseren Wohnvierteln, aber die Probleme hören ja an der Stadtgrenze nicht auf. Wir wünschen uns eine Stadt, die klare Kante gegen Rechts zeigt und menschenfeindliche Ideologien nicht toleriert. Nur so können alle Menschen hier ohne Angst vor Übergriffen verschieden sein. Wenn wir die Intoleranz und den Faschismus nicht ausgrenzen, schaffen wir Nährboden für Diskriminierung und gruppenbezogene Gewalt.

Viele Gruppen und Organisationen in dieser Stadt, nicht nur wir, arbeiten für die Vision einer bunten Stadtgesellschaft. Sie stellen sich seit Jahren unter anderem gegen Antisemitismus, Rassismus und Queerfeindlichkeit. In einem idealen Bamberg würden diese Gruppen mit ausreichend Ressourcen für ihre Arbeit unterstützt und wertgeschätzt.

Zwei weniger flotte Fragen

1. Wie kann man die Corona-Demos in Bamberg einordnen? Wer geht da demonstrieren?

In der Lokalpresse und von Seiten der Polizei heißt es, dass die Masse der Spaziergänger*innen „ganz normale“ Bürger*innen seien und sich da nur ein paar Neonazis dranhängen würden. Dieser Eindruck ist falsch.

Erstens sind die Neonazis gut in der Bamberger Szene eingebunden, sie führen z. B. als Bannerträger*innen die Kolonne an, zweitens informieren sich alle Teilnehmer*innen der StayAwake-Demos in lokalen Telegram-Kanälen. Im Hauptkanal, der ca. 3000 Abonnent*innen hat, wird täglich QAnon-Müll, abstruse Verschwörungstheorien und antidemokratische Agitation verbreitet. In den Diskussionsgruppen gibt es dazu keinerlei Widerspruch.

Die Admins der Telegram-Gruppen und Demo-Organisator*innen nehmen selbst kein Blatt vor den Mund. Sie predigen den Sturz des Systems. Die brav mitlesenden „besorgten Bürger*innen“ wissen, wofür sie auf die Straße gehen.

Von Seiten der Politik und Sicherheitsbehörden wird immer wieder die Heterogenität der Szene betont, die angeblich die Einordnung erschwert. Auf den ersten Blick mag die Trommel-Mutti vor dem identitären Banner (wie zuletzt in Nürnberg gesehen) zu Verwirrung führen ¬– wie passt das zusammen? Aber wer die Rolle von Homöopathie, Anthroposophie und Esoterik im Dritten Reich recherchiert, den verwundert eine solche Querfront nicht.

Esoteriker*innen, christliche Fundamentalist*innen und Neonazis – sie eint die Ablehnung des Parlamentarismus und der Wissenschaft, sowie ein verschwörungsidelogisches Weltbild, dass ihnen narzisstisches Überlegenheitsgefühl gegenüber allen „Nicht-Erleuchteten“ versichert.

2. Was erwartet ihr von der Berichterstattung zu den Corona-Demos?

Journalist*innen haben eine hohe Verantwortung, die verschwörungsideologischen Proteste einzuordnen. Gruppen wie StayAwake Bamberg, aber auch in der Vergangenheit Pegida und der III. Weg, nutzen die Strategie der Selbstverharmlosung, um ihre Hetzparolen zu normalisieren. In dieser Strategie werden Demonstrationen zu Spaziergängen, man sei für Frieden, bedroht aber Politiker*innen, und behauptet man stehe für Demokratie, verunglimpft aber den Gegenprotest als „gekauft“ und „linksfaschistisch“.

Andersherum werden von der Szene die Maßnahmen verzerrt dargestellt und mit den Verbrechen des NS-Regimes auf eine Ebene gesetzt. Gerne wird beispielsweise behauptet, der Nürnberger Kodex würde durch die Impfung gegen COVID19 verletzt. Der Nürnberger Kodex ist eine bis heute angewandte ethische Richtlinie zur Vorbereitung und Durchführung medizinischer, psychologischer und anderer Experimente am Menschen. Er entstand als Reaktion auf die Verbrechen, die während der Zeit des Nationalsozialismus im Namen der medizinischen Forschung begangen wurden. Durch die Infragestellung, ob die Impfung gegen COVID-19 mit dem Nürnberger Kodex vereinbar sei, wird diese Menschenversuchen gleichgesetzt und gleichzeitig die Verbrechen des Nationalsozialismus relativiert.

In der Vergangenheit haben wir leider gesehen, dass solche Behauptungen unhinterfragt in der Bamberger Lokalpresse zitiert werden. Kritik daran wurde meist nicht ernst genommen. Wir wünschen uns, dass Journalist*innen ihre Verantwortung ernst nehmen, demokratiegefährdende Gruppen nicht verharmlosen und ihren Narrativen keine Plattform bieten.

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