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Aufschrei um georgische Uni reicht bis nach Bamberg

Aufschrei um georgische Uni reicht bis nach Bamberg

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  • Die Regierungspartei Georgischer Traum steuert Georgien in Richtung Totalitarismus. Als de facto Leader gilt ein Oligarch, der ebenfalls eine Universität gegründet hat. Diese ist zuletzt durch ein Institut mit Bezug auf das NS-Ahnenerbe aufgefallen. Im Beirat dieser Uni sitzt ein Bamberger Psychologie Professor.

Seit in Georgien im Juni 2024 das Gesetz zur Transparenz ausländischer Einflussnahme nach russischem Vorbild (Law on Transparency of Foreign Influence) in Kraft getreten ist, entwickelt sich das Land unter der Regierungspartei Georgischer Traum hin zu einer Autokratie. Medien und NGOs, die sich zu mindestens 20 % oder mehr durch ausländische Gelder finanzieren, müssen sich seither registrieren lassen. Dadurch, so die Befürchtung vieler Kritiker*innen dieses Gesetzes, lässt sich die Zivilgesellschaft umfassend kontrollieren. Nach der Parlamentswahl 2024, bei der viele Wahlbeobachter*innen Manipulation in mehreren Wahllokalen beklagten, verkündete Premierminister Irakli Kobakhidze, die Verhandlungen mit der EU bis 2028 auszusetzen, was bis heute andauernde Proteste auslöste.

Darum geht es

Laut oppositionellen Kräften werden de facto die Geschicke des Staates im Hintergrund von dem anti-europäischen Oligarchen und ehemaligen Premierminister Bidzina Ivanishvili gelenkt. 2020 hat dieser die Kutaisi International University (KIU) gegründet. Mit dem Ziel, eine internationale Elite Universität zu werden, ist sie zuletzt vor allem durch das Forschungsinstitut Iberian Cultural Heritage, sowie die beiden Programme Astroarchäologie und Astrolinguistik in die Schlagzeilen geraten. Dessen Leiter, Aliko Tsintsadze, gibt an, Erkenntnisse in einem tranceartigen Zustand zu erlangen und nimmt Bezug auf das NS-Ahnenerbe. Im Beirat (International Advisory Board) der KIU sitzt unter anderem der Bamberger Psychologieprofessor Claus Christian Carbon. Die Universität kooperiert zudem eng mit der Technischen Universität München, deren langjähriger Präsident Wolfgang A. Herrmann ist Ehrenpräsident der KIU.

Eine neue Elite Uni und eine umstrittene Hochschulreform

2020 öffnete die Kutaisi International University erstmals ihre Türen für Studierende. 246 Studierende begannen damals ihren akademischen Werdegang. In enger Zusammenarbeit mit der Technischen Universität München sollte eine Eliteuniversität mit internationaler Ausrichtung entstehen. Aus der georgischen Stadt Kutaisi sollte neben der Hauptstadt Tbilisi ein weiteres akademisches Zentrum werden. Für den Posten des Ehrenpräsidenten konnte eine prominente Figur gewonnen werden: Wolfgang Herrmann, 1995 bis 2019 Präsident der TUM. In seinem Willkommensschreiben an Studierende bezeichnet er es als “großes Glück”, in Georgien die “finanziellen Voraussetzungen” vorzufinden, “um eine neue, dynamische und zukunftsweisende Universität aufzubauen”. Die finanziellen Voraussetzungen kommen in diesem Fall von Bidzina Ivanishvili. Der französisch-georgische Oligarch, ehemaliger Premierminister, Gründer der Regierungspartei Georgischer Traum und im Südkaukasus weiterhin staatstragend, hat mit der Gründung der KIU auch eine Universität zu seinem Lebenswerk hinzugefügt. Die wiederum von seiner Familie gegründete Stiftung “The Cartu Foundation” hat laut KIU selbst mehr als eine Milliarde Euro finanzielle Aufbauhilfe geleistet.

Dass Kutaisi, die drittgrößte Stadt Georgiens, neben der Hauptstadt zu einem weiteren akademischen Zentrum gemacht werden soll, deckt sich mit der Regierungsstrategie. Diese zielt offiziell unter anderem auf Dezentralisierung im Hochschulsystem ab. Aktuell befinden sich rund 80% der georgischen Universitäten in der Hauptstadt. Im Herbst 2025 präsentiert, läuft die Implementierung und soll bereits bis Ende 2026 eine Hochschulreform abgeschlossen werden. Ein tiefer Einschnitt in den georgischen Bildungssektor. Kritiker*innen betrachten die Reform vor allem als einen Versuch, die Kontrolle der Exekutive über die Hochschulen auszuweiten.

Lika Glonti, ehemalige Leiterin des Erasmus+ Büros in Georgien, schlägt ähnliche Töne an. “Die Reform reflektiert die politische Agenda des Georgischen Traums”, sagt sie gegenüber Ottfried. Außerdem würde das Land durch die bereits laufenden Implementierung der Pläne wohl weiter isoliert. Dazu Glonti: “Die Reform würde der National Quality Agency, die zuständig für die institutionelle Zulassung und die Akkreditierung von Studiengängen ist, noch weitreichendere Kompetenzen übertragen. Diese Institution ist bereits aus dem europäischen Netzwerk ausgeschlossen, da ihr nicht genug Autonomie und Abhängigkeit von der Georgischen Regierung bescheinigt wird.”

Waren viele Punkte des ursprünglichen Reformvorschlags zunächst nicht umsetzbar, liegt der Fokus aktuell vor allem auf dem Motto “one city, one faculty”. Das würde bedeuten, dass jede Disziplin nur von einer Hochschule in einer Stadt angeboten wird. Der Wettbewerb unter Universitäten würde abgeschafft. Vor allem für interdisziplinär ausgerichtete Universitäten bedeutet dies das Ende. So könnte die Ilia State University, seit jeher eine kritische, oppositionelle Stimme, durch Implementierung rund 90% ihrer Studienplätze verlieren. Lika Glonti meint, somit werde aus “einer Uni mit dem besten Ruf und großer Präsenz in der akademischen Landschaft Georgiens in gut zwei Jahren eine kleine, unbedeutende pädagogische Einrichtung. Von 19 Universitätsrektoren hat einzig die der Ilia State University gegen die Regierungspläne rebelliert und wird dafür jetzt abgestraft“, erzählt die Expertin.  Außerdem sehen die Regierungspläne eine Verkürzung der Studienzeit vor. So sind für den Bachelor drei Jahre und für den Master ein Jahr vorgesehen. Auch die Schulzeit soll reduziert werden. Schüler*innen und Studierende könnten dadurch Probleme mit der Anerkennung ihrer georgischen Abschlüsse im Ausland bekommen. Ein weiterer Schritt in Richtung Isolation.

Die Sonderrolle der KIU

Auch die KIU ist von der Hochschulreform betroffen, da zuletzt keine Studierenden mehr in den Fachbereichen Medizin und Recht aufgenommen werden konnten. Andererseits genießt sie das Privileg einer gesetzlichen Sonderregelung. Als einzige Universität ist sie bei der institutionellen Zulassung und der Akkreditierung nicht dem National Center for Educational Quality Enhancement (NCQE) unterstellt. Dafür ist hier einzig das universitätsinterne International Advisory Council zuständig, welches die KIU als wissenschaftliche Einrichtung von hoher Qualität legitimieren soll und sich neben Ehrenpräsidenten Herrmann aus vier weiteren deutschen Professoren zusammensetzt. Einer davon: der Lehrstuhlinhaber der Allgemeinen Psychologie und Methodenlehre an der Uni Bamberg, Claus Christian Carbon.

Esoterische Forschung und Studiengänge

Die interne Qualitätssicherung der KIU scheint mangelhaft. Anfang 2026 tauchten die Programme “Astroarchäologie” und „Astrolinguistik“ im nationalen Curriculum auf. Der genaue Inhalt dieser beiden Programme blieb jedoch unklar. An der Universität wurde zudem das Iberian Cultural Heritage Research Center (ICHRC) unter der Leitung von Aliko Tsintsadze eröffnet. Iberisch meint hier nicht die spanische Halbinsel, sondern das alte Georgien, dessen Mythen und Erzählungen die Protagonisten der Forschung des Professors sind.

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Astrowissenschaft

Die Astrolinguistik hat das Ziel, eine universelle Sprache zur interplanetaren Kommunikation zu konstruieren. Astroarchäologie beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Sternkonstellationen und archäologischen Funden, die oft überinterpretiert werden.

Tsintsadze nutzt dabei Methoden, die nicht mit einer objektiven Wissenschaftlichkeit in Einklang zu bringen sind: Erkenntnisse erlangt er eigenen Angaben zufolge in einem tranceartigen Zustand. Als Forschungsinstrument nutzt er die eigens entdeckte sogenannte georgische Gematria, eine pseudowissenschaftliche Methode, die Buchstaben jeweils Zahlenwerte zuordnet und daraus wiederum esoterische Wortbedeutungen ableitet. Weiter betrachtet er unter anderem die Arbeiten der SS-Abteilung “Das Ahnenerbe” als legitime Quelle, die die Überlegenheit des deutschen “Ariers” beweisen sollten. Auf der Seite des Instituts heißt es derweil verheißungsvoll: “Tsintsadzes bahnbrechende kryptografische Analyse deckt verborgene Zusammenhänge in alten georgischen Texten auf und verbindet die kaukasischen Iberer mit den Grundlagen der Weltzivilisation“.

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Das Ahnenerbe e.V.

„Das Ahnenerbe“ wurde 1935 auf Anregung Heinrich Himmlers gegründet. Ziel war der „wissenschaftliche“ Beleg der Überlegenheit der deutschen, arischen Rasse. Der Verein galt als wissenschaftliches Zentrum der NS-Ideologie. Mehr Infos findet ihr zum Beispiel hier.

Bamberger Professor antwortet

Der Ottfried hat Professor Carbon mit der Thematik konfrontiert. Die erwähnten Programme lagen seinen Angaben zufolge dem Beirat zu keinem Zeitpunkt vor und hätten dessen Prüfung wohl auch nicht standgehalten. Weiter betont Carbon, dass es die genannten Studiengänge zu keinem Zeitpunkt an der KIU gegeben habe. “Pseudowissenschaftliche Studien haben an einer Universität nichts verloren.” Im nationalen Curriculum waren die beiden Programme jedoch festgesetzt.

Nachdem sich Kritiker*innen über die Pseudowissenschaftlichkeit der Fächer empört hatten, wurden sie wieder entfernt. Die Version vom 12.02.2026, in der die beiden Programme noch einen Platz gefunden hatten, ist zudem nicht mehr online abrufbar. Hält man sich an das Prozedere, müssten Programme jedoch zunächst von dem Advisory Council um Claus Christian Carbon genehmigt werden, bevor diese wiederum in einem nationalen Curriculum auftauchen könnten. Demzufolge wäre der KIU-interne Beirat mitsamt dessen Genehmigung übergangen worden.

Auf die Einrichtung des ICHRC hätte das Advisory Council nach Carbon, wie auf strukturelle Entscheidungen an der Uni generell, keinen Einfluss gehabt. “Das Institut ist aber mittlerweile nicht mehr Teil der KIU (…)”, so der Psychologie Professor weiter. Bis 01.04.2026 behauptete die Website des Instituts noch das Gegenteil. Mittlerweile wurde sie aktualisiert. Die Forschungseinrichtung bezeichnet sich nun als unabhängige akademische Institution. Einen Schatten auf die KIU und somit unweigerlich auch auf das Advisory Council, wirft das Institut und sein Leiter weiterhin.

Trennung von Politik und Wissenschaft?

Ungeachtet dessen, was nun unter Einfluss des Advisory Councils steht, bleibt die Tatsache bestehen, dass fünf deutsche Professoren diese Universität in prominenter Position vertreten und legitimieren. Dass der Oligarch Bidzina Ivanishvili, der als der entscheidende Akteur hinter der Regierungspartei Georgischer Traum und dessen politischen Agenda gilt, die KIU gegründet hat, spielte wie die finanzielle Unterstützung der Universität durch die “The Cartu Foundation” für Carbon keine tragende Rolle bei der Aufnahme seiner Tätigkeit. Einzig die Erfüllung wissenschaftlicher Standards und Lehrfreiheit seien entscheidend gewesen. Die von Ivanishvili gegründete Cartu Stiftung hätte von Anfang an keinen Einfluss auf das Lehr- und Forschungsprogramm ausgeübt. Gründe für die Beendigung seiner Tätigkeit sieht Carbon auf Nachfrage des Ottfrieds nicht. Alle Kritikpunkte würden zudem aufgenommen und im Rektorat [Anm. d. Red.: Rektorat der KIU] besprochen.

Neben der Tätigkeit im Beirat der KIU ist Carbon zudem für das dort angesiedelte Psychologie Programm verantwortlich – als eigenständiger Wissenschaftler, wie sich herausgestellt hat. War bis vor kurzem noch von einem Joint Program mit der Uni Bamberg als Partneruniversität zu lesen, wurde diese Information entfernt, durch Nachfrage des Ottfrieds an die Uni Bamberg. Eine Partneruniversität ist die KIU nicht. Auf der Seite des Psychologie Programms der KIU wird jedoch weiterhin von einer Kooperation mit der Universität Bamberg gesprochen, so zum Beispiel unter dem Punkt „Career Opportunities“. Sabine Vogt, Vizekanzlerin der Uni Bamberg, stellt Ottfried gegenüber klar, dass keine institutionelle Kooperation der Universität Bamberg mit der KIU besteht. Ganz anders sieht es bei der Technischen Universität München (TUM) aus.

Eine ältere Version der KIU Homepage: Die Universität Bamberg wird hier noch als Partneruniversität angegeben.
Die aktuelle Version. Die Uni Bamberg wird nicht mehr als Partneruniversität aufgeführt. (Zugriff 03.04.2026, 22:00 Uhr)
Von einer Kooperation mit der Uni Bamberg ist auf der Website der KIU weiterhin die Rede. (Zugriff 03.04.2026, 22:00 Uhr.)

Eine Petition gegen die Kooperation der TUM läuft

Dass die TUM Partner der KIU ist, dessen ehemaliges Forschungszentrum antisemitische Ideologien nationalsozialistischer Forscher als Quelle nutzt, verurteilt der deutsch-georgische Privatdozent Akaki Rusetsky aufs Schärfste. Im Gespräch mit Ottfried stellt er klar: “Angesichts der deutschen Geschichte ist es die Pflicht der TUM und des Advisory Councils, eine klare Stellungnahme zu formulieren.” 

In Zusammenarbeit mit georgischen Gruppen im deutschsprachigen Raum und Akademiker*innen aus Georgien selbst erstellte er im März 2026 eine Petition, die sich an den Bayerischen Landtag wendet und dazu auffordert, dass die TUM die Kooperation mit der KIU beendet. “Wir sind nicht grundsätzlich gegen eine Kooperation mit georgischen Universitäten”, stellt Rusetsky klar. Im Gegenteil, die Petition befürwortet die Zusammenarbeit mit der freien Wissenschaft in Georgien. Rusetsky appelliert daher an die TUM, sich öffentlich mit Wissenschaftler*innen aus Georgien zu solidarisieren, die unter der Agenda des Georgischen Traums leiden. Außerdem solle die finanzielle Verstrickung beider Universitäten transparent gemacht werden.

Zu der Etablierung des Forschungszentrums, meint Rusetsky: “Ich bin sicher, dass keiner von den deutschen Professoren wusste, um was es geht.”  Allerdings liegt laut der Petition genau hier das Problem: Wenn zum Beispiel ein Forschungszentrum eröffnet wurde, ohne dass der Advisory Council bei der Entscheidung miteinbezogen worden ist, ist dessen Rolle als Kontrollinstanz infrage zu stellen. So heißt es im Petitionstext: “Die deutschen Professoren dienen vor allem der Legitimierung, nicht zur Sicherstellung einer verantwortlichen Wissenschaftlichkeit.”

“Die Kooperation ist kein Geheimnis”, sagt der Dozent. Dennoch wissen wenige von der Problematik um Tsintsadze. “Sie beenden die Zusammenarbeit nicht, weil niemand darüber spricht.” Für Rusetsky ist die Angelegenheit mehr eine moralische Frage und keine, die sich juristisch lösen ließe. Daher plädiert er für die Öffentlichkeit als Druckmittel: “Die Hauptsache ist, dass die Petition in den Landtag kommt und die Leute darüber sprechen.”

Letztendlich bleibt eine falsche Angabe zur universitären Kooperation, sowie ein pseudowissenschaftliches Forschungsinstitut, das erst feierlich eröffnet und sich nach öffentlicher Empörung wieder von der KIU lösen muss. Weiterhin stellt sich die Frage, wie es zwei bedenkliche Programme in ein zuweilen nicht mehr abrufbares nationales Curriculum geschafft haben. Durch den Advisory Council oder an ihm vorbei? Eine öffentliche Stellungnahme fehlt bis heute.

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