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Weibliche Dreifaltigkeit zwischen Rave und Rage
Dunkel Hell

Weibliche Dreifaltigkeit zwischen Rave und Rage

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  • ‚Gi3F‘ (‚Gott ist drei Frauen‘) lässt eine feministische Erzählung vermuten. Stattdessen zeigt das Stück der mit dem Nestroy-Theaterpreis ausgezeichneten Autorin Miroslava Svolikova eine bekannte Geschichte: Der Mensch ist schlecht und die Götter teilnahmslos. Das ETA Hoffmann Theater hat bei der Uraufführung dennoch brilliert – mit grandioser Schauspielkunst, BDSM-Garderobe und einer ästhetischen Inszenierung.

Hat Donald Trump in Form einer Orange, die auf einen roten Knopf gerollt ist, die Erde zerstört oder waren es Kim Jong-uns Atombomben? Oder doch der Klimawandel, der das Meer zum Kochen gebracht hat, und die Viren, die sich überall verbreiten? Die Göttinnen sind sich da weder dabei einig noch darin, ob sie denn dafür verantwortlich waren oder doch die Menschen selbst. Sogar darüber, ob das überhaupt schon passiert sei oder noch bevorstehe, herrscht Unklarheit. Bezeichnend meint eine Göttin: „Ich kenn mich nicht aus mit der Zeit.“

Im Stück „Gi3F“ („Gott ist drei Frauen“) von Miroslava Svolikova, das am Freitag, 21. Januar, im ETA Hoffmann Theater Premiere feierte, kommen die Göttinnen nicht gut weg. Wie im Drogenrausch blicken sie ins Universum. Mit Rave-Musik und BDSM-ähnlicher Kleidung könnten sie auch in einem Club in Berlin-Friedrichshain stehen. Im Zentrum ihres Interesses steht nicht die Rettung des Menschen vor dem Bösen oder die Rettung der Erde vor dem bösen Menschen, sondern der eigene Spaß. Für ein paar Lacher sind sie gut, wenn sie vom „ewigen Licht“ geblendet werden oder nicht hinsehen wollen, wenn schon wieder ein Mensch da unten stirbt („Du musst ja nicht hinschauen.“, „Aber da brennt schon wieder einer!“). Eine echte Hilfe sind sie aber nicht – weder für die sterbende Erde, gespielt von Oliver Niemeier, noch „das mensch“, das leidet, den Ansgar Sauren spielt.

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„Für wen drehe ich mich eigentlich?“

Foto: Martin Kaufhold

Aber wie lange wird das „hier“, die Erde, noch überleben? Und wer wird sie retten? Im Kern von Svolikovas Stück steht die Botschaft, dass die Menschen es im Grunde selbst schaffen müssen. Dass die Götter – oder hier Göttinnen – recht teilnahmslos sind und der Mensch nicht anders kann, als auch schlecht zu sein, ist nicht wirklich neu. Dies ist auch aus anderen Stücken wie Bertolt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ bekannt. Nur sind die Allmächtigen da eben Männer. Besonders feministisch ist das Stück, anders als auch der Titel vermuten lässt, deswegen trotzdem nicht. Zwar ist die Gott, gespielt von Marie-Paulina Schendel, Clara Kroneck und Katharina Brenner, kein weiser, weißer Mann, der seine väterliche Hand streng über seine Geschöpfe hält, sondern weiblich, emanzipiert und dem Schicksal der Menschen gegenüber meist gleichgültig.

„Am Ende bin ich im Irrenhaus gelandet – wo sonst in so einer Welt!“

Die drei Schauspielerinnen müssen sich als weibliche Dreifaltigkeit aber eigentlich eine Rolle teilen, was nicht besonders viel Individualität zulässt. Ihre männlichen Kollegen Ansgar Sauren und Oliver Niemeier haben dagegen ausdrucksstarke Rollen mit langen Monologen – und darin glänzen sie. „Schauspielerisch war das richtig überwältigend“, lobt Wolfgang Grader, der für die Grünen im Stadtrat sitzt, das Ensemble nach der Uraufführung. Die freiberufliche Regisseurin Magz Barrawasser ist von der Arbeit ihres Kollegen Jakob Weiss begeistert: „Mir hat die Ästhetik und Inszenierung gefallen.“ Die Kostüme von Elena Gaus finden ebenfalls Fans – vor allem die von nackter Haut und Lack. Damit ist es dem ETA Hoffmann Theater gelungen, eine bekannte Erzählung kurzweilig, modern und ausdrucksstark auf der Bühne zum Besten zu geben.

Infos

Die Inszenierung ist noch am 26., 27. und 30. Januar sowie am 2., 4., 22. und 24. Februar je von 20 Uhr an im Studio des ETA Hoffmann Theaters zu sehen. Tickets gibt es online. Studierende zahlen 13 Euro Eintritt.

Foto: Martin Kaufhold

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