die Mutti
Donnerstag, 30. April.
Der AK Poetry Slam der Fachschaft Humanwissenschaft lädt zum vierten Mal unter dem Titel „Slam gegen’s Stigma – Worte, die (be)rühren“ in den Irmler Saal auf der ERBA ein. Die Moderator*innen Michi und Lara erklären direkt zu Beginn, dass es auch dieses Mal keine Bewertung geben wird. Es gilt das Motto: „Respect the poet“. Denn der Poetry Slam der Fachschaft ist kein Wettbewerb, sondern soll einen sicheren und vertrauensvollen Raum für die Poet*innen bieten. Sieben Studierende trauen sich auf die Bühne, um sich in intimen Texten verletzlich zu zeigen. Teilweise verarbeiten sie eigene Erfahrungen oder Inhalte, die im Psychologiestudium oder Praktikum behandelt werden.
Damit sich alle Anwesenden sicher fühlen können, wird vor jedem Text eine Triggerwarnung der Inhalte verlesen und es gibt eine Awareness-Person vor Ort, zu der man sich jederzeit zurückziehen kann, falls die Texte überfordern oder sich jemand unwohl fühlt.
Bevor die eigentlichen Poet*innen die Bühne betreten dürfen, begrüßt Herr Wolstein, Inhaber des Lehrstuhls für klinische Psychologie, das Publikum als „Feature artist“. Er betont die Wichtigkeit, Emotionen in Kunst auszudrücken und schickt alle mit dem Leitsatz „Tränen trinken und Perlen pinkeln“ in den Abend.
ZWISCHEN ZEILEN LESEN UND IN BILDERN HÖREN
Den literarischen Anfang macht eine Studentin mit ihrem Text „Für Dich“. Sie findet Unterstützung in ihrem Glauben und kämpft so gegen das Ohnmachtsgefühl an, das Angehörige von Menschen mit Depressionen haben können.
Die darauffolgende Poetin steht zum ersten Mal mit einem ihrer Texte auf der Bühne und nimmt uns mit in einen fiktiven Gerichtssaal. In ihrem Text „Im Zweifel für den Angeklagten“ sieht sie die Hoffnung im Hilfe-holen. Sie erkennt, dass das Leben auch leicht sein darf. Im Gleichgewicht, wie bei einer Waage.
Sehr intim wird es bei der nächsten Slammerin. Sie lässt das Publikum in „Hinter den Gardinen“ an ihrem Vorhang vorbeiblicken und trägt einen berührenden Text vor, in dem sie eigenen Erfahrungen mit ihrer psychischen Erkrankung und die Wut auf ein System verarbeitet, das leider nicht immer nur hilft.
Die vierte Poetin nimmt uns mit ans Meer. Sie stand schon auf einigen Poetry Slam Bühnen, lässt Wellen durch den Irmler Saal fließen und Möwen über den Zuschauerraum fliegen. Die Machtlosigkeit während eines Burnouts in der Klausurenphase verwandelt sie in das Bild einer Ertrinkenden.
Auch für die nächste Beitragende ist es nicht das erste Mal auf einer Bühne. Sie trifft sich in „Rauch“ auf eine Raucherpause mit ihrer Schwester. Mit einem Händchen fürs Detail beschreibt sie eine untrennbare Verbundenheit, weit über das gemeinsame Großwerden hinaus.
In „Zusammen()wachsen“ hört eine weitere Studentin in sich selbst hinein und verarbeitet auch Inhalte aus dem Psychologiestudium. Sie blickt auf ihre Ansprüche und Selbstzweifel und findet Akzeptanz, vor allem bei schwierigen Gesprächen. Ein Text voller Hoffnung.
Die vorletzte Beitragende nimmt uns mit auf die frustrierende Suche nach der richtigen Diagnose. In „Glauben“ erzählt sie von ihrer eigenen Stärke, die sie im Hin und Her des medizinisch-psychologischen Systems brauchte, um die passende Therapie zu finden.
Der letzte Text des Abends kommt ebenfalls von der vierten Poetin. Diesmal ist sie in einem Café mit ihrem jüngeren Ich verabredet. In “Hannes und wir” spricht sie von Leistungsangst und dem Frust, den Personen mit einer ADHS in der Schulzeit fühlen. Unverständnis und das Gefühl, anders zu sein, begleiten ihr jüngeres Ich jeden Tag. Schließlich kann die erwachsene Laura Selina ihr Verständnis, Zuversicht und Trost entgegenbringen – genau das, was sie früher gebraucht hätte.
TÖNE VOLLER GEFÜHL
Texte in musikalischer Form kommen auch bei diesem Poetry Slam Abend wieder von P.o.e.t.i.c.k.s. Zarte, aber gleichzeitig stärkende und Hoffnung schenkende Texte, begleitet von Akkorden auf Klavier oder Gitarre, werden durch den Raum getragen. Dass Musik auch ohne Worte berühren kann, zeigt die Musikerin Rebekka, die ganz spontan am Klavier sitzt.
WENN AUCH DU HILFE SUCHST
Neben den Beiträgen der Poet*innen werden an diesem Abend auch verschiedene Hilfsangebote vorgestellt. Frau Landgraf von der Psychotherapeutischen Beratungsstelle ruft dazu auf, eigene Schwächen nicht zu verstecken, sondern sich mit Selbstakzeptanz zu begegnen.
In einem Vortrag in überraschender Slam-Form wird auch die Nightline Bamberg mit den Worten „Sei bitte mutig und nimm den Hörer in die Hand” vorgestellt.
Hilfsangebote
Psychotherapeutischen Beratungsstelle des Studierendenwerks Würzburg (Frau Landgraf): Austraße 37
Damit bist du hier richtig: Probleme beim Studieren (Prüfungsangst, Erschöpfung, etc.), private Krisen, Depression oder Essstörung.
Hilfe von Studis für Studis: Nightline Bamberg. Montags, Mittwochs und Donnerstags von 21 bis 0 Uhr unter der Nummer 0157 35233503 erreichbar.
Anlaufstelle für Studierende mit Behinderung und chronischen Krankheiten (Herr Sprengholz, Frau Haselbek und Herr Imhof): Kapuzinerstraße 25, Raum 00.16
Antidiskriminierungsstelle (Cindy Strömel-Scheder): An der Weberei 5,(WE5/03.083)
Als letztes Angebot wird das Projekt Mind matters der Stabstelle für Gesundheitsmanagement präsentiert. Unter dem Motto „Zusammen sind wir weniger allein” werden Studierende in der Woche von Montag, 04. Mai bis Donnerstag, 07. Mai eingeladen, an der Kick-off-Woche an verschiedenen Standorten der Universität teilzunehmen. In lockerer Atmosphäre dürfen alle Auszeiten neben dem Studium wahrnehmen und sich zu Angeboten zur Förderung von mentaler Gesundheit im Studium informieren.
WENN WIR DARÜBER REDEN, WIRD ES WENIGER FREMD
Abschließend gibt es noch einmal Musik von P.o.e.t.i.c.k.s. Gemeinsam dürfen alle mitsingen: „Du hast gut reden, ich hab gut leiden, aber leiden kann ich mich nicht“. Insgesamt sind sich heute Organisator*innen, Musiker*innen, Poet*innen und Publikum mit Offenheit und Vertrauen begegnet. Zusammen wurde ein Raum für Verletzlichkeit geschaffen, für eine Enttabuisierung von psychischen Erkrankungen.
Am Ende dürfen sich alle Poet*innen noch ein Dankeschön und einen weiteren großen Applaus auf der Bühne abholen. Strahlende Gesichter bei allen. Man sieht den Stolz, denn egal ob sie eigene Erfahrungen oder Impulse aus dem Psychologiestudium verarbeitet haben, das Teilen auf einer Bühne kostet eine ganze Menge Mut.
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