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Spieglein, Spieglein
Dunkel Hell

Spieglein, Spieglein

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  • Wenn Lisa von ihrer ersten Liebe mit 15 Jahren redet, spricht sie nicht über zärtliche Berührungen, leidenschaftliche Küsse oder romantische Überraschungen. Stattdessen erzählt sie von Silikonbrüsten, aufgespritzten Lippen und Pornos, die immer wieder abendelang über den Bildschirm ihres Fernsehers flimmerten. Ihr damaliger Freund verglich Lisa immer wieder mit den Darstellerinnen, die sich mit Brüsten, groß wie Wassermelonen, nackt um muskelbepackte Männer räkelten. „Hättest du solche Titten, dann hätten wir jeden Tag Sex!“, war der Satz, der Lisa am deutlichsten im Gedächtnis blieb.

Heute ist Lisa 25, studiert Literaturwissenschaft in München, und hat ein halbes Dutzend Schönheitsoperationen hinter sich. Kurz nach ihrem 18. Geburtstag ließ sie sich die Lippen aufspritzen, mit 19 die Brüste vergrößern, danach folgten kleinere Eingriffe an Hintern, Stirn und Wangen. „Jetzt habe ich das, was ich immer wollte. Ich fühle mich schön“, sagt sie und lächelt in den Spiegel, der wie ein Bullauge in das Holz der rechten Flügeltür ihres Kleiderschranks eingelassen ist. Ihr blickt ein Gesicht entgegen, das denen ähnelt, die sie mit 15 Jahren so oft von ihrem Freund gezeigt bekam: Lisas Lippen sind so dick als wären sie geschwollen und mit Lippenstift in einem knalligen Rot bemalt, das im Kontrast mit der blass geschminkten Haut noch knalliger wirkt. Wenn sie lächelt, bleibt ihr Antlitz faltenlos. Sogar die charakteristischen Grübchen um ihre Lippen, mit denen eine 16-jährige Version von ihr noch gewinnend aus einem Bild an der Wand grinst, sind verschwunden. „Manchmal, wenn mich die Leute im Zug länger ansehen, vermisse ich die Natürlichkeit“, sagt sie und blickt auf das Foto an der Wand, „aber jetzt bin ich schön und weiß, dass es nicht deswegen ist, weil ich so hässlich bin.“

Aber waren die Operationen denn wirklich nötig? Lisa blickt einige Sekunden lang schweigend in den Spiegel, bevor sie unschlüssig mit den Schultern zuckt. Ob es nicht auch andere Lösungen gegeben hätte? Wieder Schulterzucken. Es sei eben eine Entscheidung gewesen, die sie getroffen habe. Es ist eine Entscheidung, wie sie von immer mehr Menschen immer alltäglicher getroffen wird.

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Die Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen schätzt die Zahl der in Deutschland durchgeführten Schönheitsoperationen im Jahr 2015 auf etwa 1 ‚2 Millionen, dazu kommen zirka eine Million Behandlungen mit Botox, die nicht als operative Eingriffe gewertet werden. Im Jahr 201 1 waren es noch rund eine Million Operationen und rund 130 000 Botox-Behandlungen. Doch was sind die Auslöser für eine derartige Unzufriedenheit mit dem natürlichen Erscheinungsbild? Norbert Kluge, Professor an der Forschungsstelle für Sexualwissenschaft der Universität Landau, misst dem Feedback aus dem Freundeskreis eine große Rolle bei, der wichtigste Faktor sei aber ein anderer: „Mehr als zwei Drittel der Betroffenen werden in Sachen Schönheit und Erscheinungsbild sehr stark durch ihren Partner beeinflusst“, sagt er.

Auch Lisa bestätigt, dass ihr damaliger Freund einen großen Einfluss auf sie hatte. „Ich war 15 und er hat mir ständig die Bilder von irgendwelchen Tussis gezeigt, die er voll hübsch oder total scharf fand. Natürlich fühlt man sich da nicht gerade toll, wenn das von dem Jungen kommt, den man liebt“, sagt sie. Nur in ihrem alten Tagebuch hält sie die Erinnerungen von damals bis heute gefangen. So sei es einfacher sie aus dem Kopf zu verbannen, sagt sie. Normalerweise bleibt das Büchlein monatelang unberührt oben auf dem Kleiderschrank liegen. Fast immer legt sich eine dicke Staubschicht auf den orangen Ledereinband, bevor Lisa das nächste Mal nach ihm greift und durch die gelben Papierseiten blättert. Die tintenblauen Worte auf den Seiten liest sie noch seltener.

„08.05.2006 – Ich bin dick, habe Segelohren und meine Haare sind dünn und langweilig, meine Brüste hässlich und klein. Was will er überhaupt mit einer wie mir? Er ist so lieb, sagt immer, alles ist nur ein Scherz. Aber ich weiß, dass es stimmt.“

Lisa dachte mit 15 Jahren noch nicht an eine OP, stattdessen begann sie, exzessiv Sport zu treiben, holte sich Schminktipps in Online-Foren und von Freundinnen und gab viel Geld für teure Kosmetik aus. Damals sei sie chronisch pleite gewesen und habe jeden Cent in ihr Äußeres investiert, sagt sie heute. Das sei ihr zwar immer noch sehr wichtig, hätte sich aber gebessert. „Damals wollte ich eben unbedingt mit den anderen Mädchen mithalten“, sagt sie.

„16. 10.2006 – Ich habe Angst. Früher oder später findet er eine, die ihm besser gefällt. Die schön ist. Nicht so hässlich wie ich. Dann wird er mich verlassen und ich bin wieder ganz allein.“

Von der Kosmetik losgesagt hat Lisa sich tatsächlich nicht: In ihrem Regal stehen dutzende große und kleine Tuben, runde und eckige Flakons, daneben ganze Türme von kreisrunden Behältnissen mit verschiedensten Cremes. Früher nutzte sie die Mittel zur Tarnung, um sich selbst so gut wie möglich hinter der Schminke zu verstecken. Heute sei sie zwar schön genug, „ein klein wenig Perfektion schadet aber nicht“, sagt sie. Ein faltenloses Lächeln umspielt ihre Lippen.

„12.08.2007 – Er hat garantiert eine andere. Ich fühle mich ekelhaft, ich bin widerlich. Das hat er jetzt endlich auch bemerkt. Er will fast gar keinen Sex mehr. Wieso muss ich sein wie ich bin? Ich hasse meinen beschissenen Körper.“

Gedanken wie die von Lisa kennt Nicolas Fischer, Professor für Gesundheitspsychologie an der Universität Genf, aus mehreren seiner Studien. Mehr als 90 Prozent der von ihm befragten Frauen gaben an, sich ohne Schminke in der Öffentlichkeit unwohl zu fühlen, etwa 60 Prozent fühlen sich ohne Schminke hässlich. „13,4 Prozent der Frauen sehen ihren eigenen Körper sogar als Feind an. Den gilt es dann entweder zu bekämpfen, oder eben zu verändern“, sagt Fischer. Lisa hat es mit beiden Strategien versucht: „Ja, klar, ich habe auch mal eine Zeit lang gehungert, da war ich 16 und mein Freund hatte mit mir Schluss gemacht.“ Gegenüber den meisten Äußerlichkeiten war sie damals machtlos, aber wenigstens gegen ihr Gewicht konnte sie etwas tun – und hatte Erfolg: nach fünf Monaten Trennung kehrte ihr Freund zu ihr zurück. Noch etwa drei Jahre lang waren sie ein Paar, bis Lisa die Beziehung kurz vor ihrem 20. Geburtstag beendete.

„25.09.2010 – Ich habe jetzt fast alles vom Aussehen her, was ich immer wollte. Ich sehe aus wie einem Porno entsprungen. Aber ist es das, was ich will? Oder tue ich das wirklich nur für ihn?“

Eine kleine Staubwolke wirbelt auf, als Lisa das Tagebuch zurück auf den Schrank legt. Wieder lächelt sie ihr faltenloses Lächeln in den Spiegel. „Ich habe das alles für mich selbst getan, aber jetzt ist Schluss. Ich bin zufrieden damit, wie ich jetzt aussehe.“ Ob sie dieselben Entscheidungen tatsächlich auch ohne ihren Ex-Freund getroffen hätte? Wieder zuckt sie mit den Schultern. „Ist doch auch egal, jetzt ist es auf jeden Fall vorbei mit den OPs“, sagt sie. Nur eine letzte steht noch an: Im August will sie sich ihren Hintern verkleinern lassen, zurück auf seine natürliche Größe.

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