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“Du bist ein Depp!“ Oder: Wie der Weltkulturerbelauf den Familienfrieden störte
Dunkel Hell

“Du bist ein Depp!“ Oder: Wie der Weltkulturerbelauf den Familienfrieden störte

  • OTTFRIED-Redakteur Chris sollte eigentlich Familienbesuch bekommen und mit Toilettenpapier und Essensvorräten versorgt werden. Allerdings hat er dabei etwas Bestimmtes nicht bedacht.

Sonntag, 30. April 2017. Ich bin um neun Uhr morgens aufgestanden. Soweit normal, wenn man am Wochenende ausschlafen kann. Ich verpflichtete zunächst die Kaffeemaschine zur Arbeit, ehe ich mich selbst an den Schreibtisch setzen wollte. Sonntagsarbeit in Form von Lesen des zweiten Kapitels aus Reinhart Kosellecks „Kritik und Krise“. Das ist die Art von Arbeitsverrichtung, die auf längere Sicht nicht nur die morgendliche Motivation vernichten kann. Aber sei’s drum. Nach kurzem Wälzen der einschlägigen Lektüre war sie auch schon dahin, besagte Motivation. Zerplatzt wie eine der tausend Seifenblasen des Mädchens, das lärmend einen Eimer Wasser im Hinterhof mit Spülmittel füllte, um… keine Ahnung warum, aus Freude am schäumenden Planschen vermutlich. Jedenfalls war eine effektive Konzentration so nicht möglich. Durch das geöffnete Fenster, welches ich genauso hätte schließen können, weil der Hinterhof das nervtötende Geschrei der Kleinen um Faktor Zehn verstärkte und es so ohnehin in der Wohnung zu hören gewesen wäre, vernahm ich dumpfes Gebrumme, Getrommel, dazwischen Megaphon-Gebrülle, Applaus, rhythmisches Klatschen. Ich schenkte dem weiter keine Beachtung, irgendwas ist ja immer los in Bamberg. Ein Fehler, wie sich zeigen sollte.

Gegen zwölf Uhr mittags machte ich mich daran, mich auf den Zwischenstopp meiner Eltern vorzubereiten. Sie werden den 1. Mai in München bei meiner Schwester verbringen und waren bereits auf dem Weg zu mir. Ich zog mir also eine Jogginghose und ein frisches T‑Shirt an. Ich freute mich über die Stippvisite, denn erstens hatte ich vergessen, Klopapier zu kaufen und zweitens hat Mama angekündigt, mir die verderblichen Vorräte aus dem Kühlschrank mitzubringen. Super! Meine Mutter bewahrte mich davor, das raue Toilettenpapier aus der Uni-Bib stibitzen zu müssen. Und meine studentisch-karge Mahlzeit, die ich heute verspeisen wollte (eine Dose Thunfisch und Oliven), sollte nun die Nachbarskatze bekommen.

Das Handy klingelte, was schon nichts Gutes verhieß. „Papa“ erschien auf dem Display. Mein Vater hasst es nämlich aus dem Auto anzurufen, Small-Talk konnte es also nicht sein. „Ja, bitte?“, fragte ich zögerlich. „Hör mal!“, kam es schnarrend aus dem Lautsprecher. „Die ganze Stadt ist abgeriegelt, als ob Trump zu Besuch wäre!“ Ich blieb still, mal sehen, was da noch so kommen würde. „Deine Mutter und ich können nicht vor die Haustür fahren, weil der sch… (Anm. d. Verf.: „schöne“, wollte Papa sagen, ehrlich!) Weltkulturerbelauf heute stattfindet. Wir müssten beim P+R Kronacher Straße parken und mit Klopapier und Essen mindestens 40 Minuten zu dir laufen!“ Mir wäre fast ein „Ja das könnt ihr ja wohl machen, weil: ich habe Hunger und möchte außerdem Zewa statt Zeitungspapier für mein Klo!“ entfleucht, aber ich antwortete gespielt unwissend. „Oh. Das ist ja blöd, wusste ich nicht. Naja, macht ja nichts! Die Münchner brauchen sicher auch ein paar Vorräte!“ Natürlich hätte ich bescheid wissen können, schließlich ist der Weltkulturerbelauf seit einer Woche Stadt- und Uni-Gesprächsthema und hat sich vorhin schon lärmend angekündigt. Ein Schnauben ertönte, dann: „Du bist ein Depp! Deine Mutter hat extra noch einen Kuchen gebacken!“ Einen Kuchen? Wie klischeehaft ist das denn bitte? Amüsiert erwiderte ich: „Oh lecker! Eierlikörkuchen, wie der von Oma sonntags?“ Ich spürte förmlich die Ader auf der Schläfe meines Vaters pulsieren, und musste mich beherrschen, nicht doch hörbar vor Verzückung ob der Situation zu glucksen.

„Wir fahren jetzt gleich durch. Die 30 Minuten Umweg hätten wir uns sparen können, für nichts. Den Kuchen kriegt jetzt deine Schwester, samt fünflagigem Klopapier und Frikadellen mit Kartoffelsalat!“ Jetzt war mir zum Heulen zumute. Ungespielt, ehrlich. Kartoffelsalat! Frische Frikadellen! Und das Beste: fünflagiges Klopapier! Ich kann mir als Student ja gerade Mal dreilagiges leisten. Zwei Lagen mehr, das zeugt von echtem Luxus! „Okay, Papa, sorry. Nicht böse sein, gute Fahrt!“, konnte ich mir aus Enttäuschung und Selbstmitleid noch abringen. Meine Mutter, bis dahin still geblieben, klang versöhnlicher: „Ach macht ja nichts, Chris. Schönen 1. Mai, tschüss!“ Wirklich, es war zum Heulen. Die Eltern genervt, zum Mittagessen also doch Thunfisch und Oliven. Und ein Besuch der Sanitäranlagen der Uni-Bib stand jetzt auch wieder bevor.

Das Mädchen im Hinterhof weinte mittlerweile lautstark, weil es patschnass geworden war. Ein verschmitztes Lächeln konnte ich mir nicht verkneifen. Immerhin etwas. „Es reicht jetzt, Lea!“, gab die Mutter der Kleinen zu verstehen. Ganz recht, mir reichte es jetzt auch, ich legte mich auf die Couch. Weinend, fluchend. Scheiß Weltkulturerbelauf! Schönen Sonntag Euch allen.

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