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Mit Missmut gegen den Niedergang?
Dunkel Hell

Mit Missmut gegen den Niedergang?

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  • Eine Antwort auf „Es war mal so schön“ (Link) von Fabian Christopher Franz. Ein Gastbeitrag von Elias Drost.

Lieber Fabian,

ich habe deinen Text am Montag hier im Ottfried gelesen. Der missmutige Tenor deiner Ausführungen hat mich erstaunt. Lass mich versuchen, dich zu verstehen.

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Du erzählst vom engstirnigen Tunnelblick-Studenten, der egoistisch und unkreativ seinen stupiden Gehirnvollstopf-Verrichtungen nachgeht.

Elias Drost
Elias Drost

Dass du ein solcher bist, möchte ich nach der Lektüre nicht glauben – woher also dein Gram? Du sprichst von Flucht und Aussichtslosigkeit, von Feinden und Vernichtung, von Untergang und Zerfall. Muss sich so ein Student wirklich vor all dem fürchten, ergibt er sich nicht der so feindlichen Maschinerie der Studiensystematisierung?

Ich gebe dir Recht, wenn du schreibst, Lehre und Lernen dürfen sich nicht auf Aufnahme und Wiedergabe beschränken. Doch ich bin nicht einverstanden, wenn du sagst, nur das wäre der Fall. Aufnahme und Wiedergabe sind ein zentraler Bestandteil des Bildungsprozesses. Die Aufnahme bringt Kenntnis über schon Erforschtes, schon Erkanntes, schon Erdachtes. Sie garantiert die Etablierung einer gleichen Basis für alle, die sich in einem Fachgebiet bilden, dieses studieren wollen. Die Wiedergabe ist dann Ausdruck einer gelungenen Aufnahme. Wer etwas verstanden hat, kann es wiedergeben. Wer etwas wiedergibt, zeigt, dass er verinnerlicht hat, was den Grundstock seines Fachgebietes ausmacht. Diese beiden Schritte sind langwierig, anstrengend und mühsam, am Ende kann man aber auf ein umfassendes Überblickswissen bauen. Damit kann man dann Neues verstehen und Altes verknüpfen – das gute Gefühl dieser Entdeckungen verschwindet in deinem Text hinter Kampfbegriffen wie „informationelle Uniformierung“.

Würde universitäre Lehre nach diesen beiden Etappen enden, hättest du wohl Recht mit deiner Analyse des fehlenden Wachstums und der verkümmerten Kreativität. Doch Seminare und Übungen dienen dem Anstoß genau der Prozesse, die du dir so wünschst: erschaffen, mehren, selbst denken. Das Prinzip einer Hausarbeit ist genau dieses: produktiv sein, Ideen entwickeln, neues Wissen schaffen. Die Momente der „inneren Einkehr“ – wie soll dir eine Universität die geben? Du kannst sie dir nur selbst verschaffen, durch Ruhe in der Bib, Konzentration und Wille.

Mir ist klar, dass in manchen Modulen oder Lehrveranstaltungen das von mir hier Beschriebene die Ausnahme und nicht die Regel ist. Ich weiß, dass nicht in allen Kursen mit hochinspirierenden Denkanstößen zu rechnen ist. Doch ist das schon ein Fehler im System? In viel höherem Maße ist die Qualität der Lehre doch vom persönlichen Engagement der Dozierenden, genauso aber auch der Studierenden abhängig. Wenn sich dein Missmut gegen diejenigen Vertreter beider Gruppen richtet, die einen produktiven geistigen Fortschritt bremsen, kann ich dir soweit folgen. Doch viel mehr als mit pessimistischem Untergangsgemurmel, sollte man auf solch destruktive Routinen mit positiver Schaffenskraft reagieren. Mit Freude um das Wissen, das es schon gibt, mit Neugier darauf, es sich anzueignen und mit Energie, neues Wissen zu schaffen.
Zerfall und unser von dir prophezeites Ende als Schlachtvieh, sollte es uns denn drohen, bleiben dann nämlich in weiter Ferne.

Liebe Grüße,
Elias

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