Wie kontrollierter Drogenkonsum Menschenleben rettet

In Frankfurt am Main gibt es einen Raum, in dem Süchtige ihre Drogen nehmen dürfen. Was ungewöhnlich klingt ist höchst erfolgreich. Doch so fortschrittlich sind längst nicht alle.

Ein Gastbeitrag von Christoph Söller, Louis Leinweber und Tina Meier

Sie nennen den Raum das „Café“. Auf den ersten Blick wirkt der Raum gemütlich und einladend. An der Wand steht ein Bücherregal, davor ein Billiardtisch, in der Ecke ein altes Sofa. Es gibt einen Tischkicker und Kaffee und Kuchen. Tatsächlich hat aber der Raum mit einem gewöhnlichen Café fast nichts gemeinsam.Denn der Betreiber ist der Verein Integrative Drogenhilfe e.V. in Frankfurt am Main und das Publikum, das hier ein und aus geht, ist kein gewöhnliches. Es sind Drogensüchtige, oder „Klienten“, wie sie hier genannt werden.

Wenn man sich etwas genauer umschaut in diesem Café, dann geht die anfängliche Gemütlichkeit schnell verloren. An einem Tisch am Fenster sitzt eine Frau. Sie ist allein. Einsam. Ihre Augen sind in tiefen Höhlen ins Gesicht gegraben. Ein leerer Blick, der schmerzt. So wie die Angst, die immer wieder darin aufflackert. Der Oberkörper wippt unaufhörlich vor und zurück. Keine Ruhe. Jahrelanger Drogenkonsum hat eine furchtbare Spur hinterlassen. Fettige Haarsträhnen hängen in ihr fahles Gesicht. Sie redet mit sich selbst. Beklemmung. Wenn man an ihr vorbeischaut aus dem Fenster, sieht man Schornsteine, leere Höfe, triste Backsteingebäude. Die Gegend ist gespenstisch.

„Eastside“ – so wird das Gebäude genannt, in dem die Integrative Drogenhilfe in Frankfurt untergebracht ist. Es ist ein großes Haus aus rotem Backstein. Gelegen in einem Industriegebiet im Ostend, weit weg von der hektischen Innenstadt. Früher war es ein Gaswerk. Heute ist es eine Hilfseinrichtung für Drogenabhängige. Hier können die Klienten essen, sich waschen, zur Ruhe kommen. Über 70 Schlafplätze bietet das Haus. Es steht jedem offen, der älter als 18 ist. Meistens sind die Besucher obdachlose Junkies, die einen sicheren Schlafplatz suchen, oder einfach nicht allein sein wollen.

Foto: Christoph Söller

Foto: Christoph Söller

Christoph Lange, Leiter des „Eastside“, erklärt, dass es vielen Klientenauch um Entschleunigung geht: „Hier ist man weg vom lauten, hektischen Bahnhofsviertel. Das ist für viele eine willkommene Abwechslung.“ Der Diplom-Pädagoge hat einen breiten Erfahrungsschatz, arbeitet seit vielen Jahren schon mit Drogenabhängigen. „Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahren gab es in Frankfurt etwa 230 Drogentote pro Jahr. Diese Zahl istsukzessive auf derzeit etwa 30 Tote pro Jahr gesunken.“ Entscheidend dazu beigetragen habe der „Konsumraum“ des Eastside. Hier können die Klienten ihre Drogen einnehmen. Mit sterilen Spritzen, sauberen Crack-Pfeifen, auf einem Stuhl vor einem Spiegel, statt im Geheimen auf irgendeiner Bahnhofstoilette. Dadurch werden die Risiken beim Drogengebrauch minimiert. Das Ziel: Die Junkies von der Straße holen. Crack und Heroin werden im „Eastside“ am häufigsten konsumiert. „Drücken“ nennen sie das hier.

Der Konsumraum ist ein kleiner Raum, der nur zu bestimmten Zeiten geöffnet wird. Als Lange den „Druckraum“, wie er ihn nennt, aufschließt, wartet eine Frau schon kauernd im Treppenhaus. Sie weint. Bis zum nächsten Schuss muss sie sich noch eine Weile gedulden. Der Raum werde erst in einer halben Stunde geöffnet, sagt Lange. Die Frau schaut apathisch zu ihm hoch. Ein leises Wimmern ist zu hören. Doch Lange bleibt hart. „Man darf die Szene nicht zu nah an sich heran lassen“, sagt er. Dazu gehöre auch, keine Freundschaften zu den Klienten entstehen zu lassen oder Handynummern weiterzugeben. In dem Konsumraum hängt ein Schild. „Teilen ist hier nicht angesagt“, steht darauf. So soll die Ansteckungsgefahr von Krankheiten minimiert werden. Alles, was für den Konsum gebraucht wird, können die Klienten hier kaufen. Nur den Stoff müssen sie selber mitbringen. Dealen ist auch hier verboten. Zwei Beobachter sind hinter einer Glasscheibe dabei, um eingreifen zu können, falls etwas schief geht.

Foto: Christoph Söller

Foto: Christoph Söller

„Beim ersten Besuch hier wird der Klient im Computersystem erfasst, mit seinem Klarnamen. Er muss angeben, ob er HIV oder Hepatitis hat, wo er wohnt und was er konsumiert. Diese Daten werden jährlich an das Drogenreferat weitergeleitet“, erklärt Lange. „Was anschließend passiert, ist relativ unspektakulär“, behauptet der gebürtige Frankfurter. Etwa eine halbe Stunde dauere der Aufenthalt im Konsumraum. Danach stehe es den Leute frei, ob sie bleiben oder wieder gehen. In der Niddastraße, mitten in der Frankfurter Innenstadt, gibt es so einen Raum noch einmal. Aber dort herrscht mehr Hektik, mehr Durchgangsverkehr.

Direkt am Hauptbahnhof, im Schatten der Bankentürme, floriert die Frankfurter Rotlicht- und Drogenszene. Vor allem drogenabhängige Frauen müssen sich nicht selten prostituieren, um sich die Substanzen leisten zu können. „Wir nehmen die Leute so an, wie sie sind“, sagt Lange. Man brauche immer einen „individuellen Blick auf die Leute.“ Erfolg definiert er individuell. Bei manchen gelänge die Reintegration in die Gesellschaft. Bei den meisten aber nicht. „Es ist ein Weg der kleinen Schritte“.

Der erste Schritt ist der Weg in den Konsumraum, damit Hilfe überhaupt möglich wird.

Hamburg war das erste Bundesland, das eine Erlaubnis für den Betrieb von Drogenkonsumräumen verabschiedete. Das war im Jahr 2000. Inzwischen gibt es in sechs Bundesländern Konsumräume. Das „Eastside“ ist Teil des sogenannten „Frankfurter Wegs“. Die Drogenpolitik der Stadt Frankfurt sieht „sowohl den Schutz der Bürgerinnen und Bürger als auch die Reduzierung des Schadens für die Drogenkonsumierenden als wichtig“ an, wie es auf der Homepage der Stadt heißt. Das „Eastside“ wird aus Steuermitteln finanziert.

Andere Städte wären froh, wenn sie eine so fortschrittliche Drogenpolitik verfolgen dürften. Norbert Kays, Suchtbeauftragter der Stadt Nürnberg, sieht in Drogenkonsumräumen zwar nicht das Allheilmittel, um den Drogentod zu verhindern, aber „eine Möglichkeit, die Zahl zu reduzieren.“ Doch im konservativen Bayern würden Konsumräume „aus ideologischen Gründen der Landtagsmehrheitspartei CSU verhindert.“ Obwohl Nürnberg über 200.000 Einwohner weniger hat als Frankfurt, ist die Zahl der Drogentoten fast identisch. Lange bezeichnet die bayerische Drogenpolitik als „mittelalterlich“. Tatsächlich hatte der Freistaat im vergangenen Jahr mit Abstand die meisten Rauschgifttoten  zu beklagen.

Dabei haben Frankfurt und der Verein für Integrative Drogenhilfe vorgemacht, wie fortschrittliche Drogenpolitik funktionieren kann. Andere Bundesländer, insbesondere Bayern, wo die Zahl der Toten durch Drogen so hoch ist, sollten endlich nachziehen. Das zumindest ist der Wunsch von Christoph Lange und Norbert Kays. Es geht schließlich um Menschenleben, die gerettet werden könnten. Jeden Tag. Doch eine Gesetzesänderung ist nicht in Sicht.