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Armutszeugnis – kein Geld im Studium

Armutszeugnis – kein Geld im Studium

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Die steigenden Preise treffen junge Leute im Studium besonders hart. Schon vor der aktuellen Inflation waren viele Studierende von Armut bedroht. Sebastian Mech berichtet davon, wie es ist, als Student arm zu sein.

⇒ Du liest unseren Beitrag zu: “CaMeTa:Staffellauf”, die bundesweite Themenreihe deutscher Campusmedien, im Sommersemester 2023 zum Thema (Un-)Sichtbar

„Gehe ich vielleicht nur in die Mensa, anstatt mir abends nochmal etwas zu kochen? Oder esse ich vielleicht nur noch Brot zuhause?“ Diese Fragen schwirren Sebastian Mech seit ein paar Wochen im Kopf herum. Dabei kocht der 21-Jährige mit seiner WG eigentlich gerne frisch. Aber wenn der Wocheneinkauf durch die Inflation plötzlich 50 statt 30 Euro kostet und sich die monatliche Miete um fast 40 Euro erhöht, bleibt nicht viel übrig für Obst und Gemüse.

600 Euro stehen Sebastian pro Monat zur Verfügung. Der Politikwissenschaftsstudent bekommt ein Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung und wird von seiner Großmutter und Mutter finanziell unterstützt. Damit liegt Sebastian 651 Euro unter der Schwelle, ab der jemand laut Statistischem Bundesamt (Destatis) als armutsgefährdet oder arm gilt. Mehr als jeder dritte Studierende fiel bereits 2021 unter diese Grenze von 1251 Euro, wie Zahlen des Destatis zeigen. Von Studierenden, die allein oder ausschließlich mit Kommiliton*innen zusammenlebten, galten sogar mehr als 75 Prozent als arm beziehungsweise armutsgefährdet. Zum Vergleich: In der Gesamtbevölkerung lag der Anteil Armutsgefährdeter bei „nur“ 15,8 Prozent.

Laut Destatis belasteten vor allem die Wohnkosten die Studierenden. Sebastians Monatsmiete beträgt inzwischen 240 Euro warm und ist damit zwar immer noch „unverschämt günstig“, wie er selbst sagt. Dafür wohnt er auch weit im Bamberger Osten, auf zehn Quadratmeter, im Sozialbau. „Da gibt es halt günstigere Preise. Ich brauche nicht den Altbau mit hohen Decken oder das zentral gelegene Zimmer“, sagt er. Trotzdem schlucken die Mietkosten 40 Prozent des Geldes, das ihm zur Verfügung steht. Als Faustregel empfehlen Finanzexpert*innen, dass nicht mehr als 30 Prozent des Einkommens für Miete aufgewendet werden sollten – eine Regel, die viele Studierende nicht einhalten können. Zwischen 80 und 100 Euro gibt Sebastian für die monatliche Bahnfahrt zu seiner Familie in Niedersachsen aus. Was übrig bleibt, muss für den Alltag reichen.

Das schlechte Gewissen

Eigentlich ist Sebastian zufrieden mit dem und dankbar für das, was er hat. Aber er sagt: „Es ist einfach eine unangenehme Situation, sich selbst eingestehen zu müssen, dass es knapp wird.“ Dass er finanziell auf seine Mutter und Großmutter angewiesen ist, ist für ihn mit einem schlechten Gefühl verbunden: „Du weißt ja, dass sie auch unter den hohen Preisen leiden.“ Sebastian überlegt nun, sich einen Nebenjob zu suchen, obwohl er nicht weiß, wie er diesen mit seinem Arbeitspensum für sein Studium vereinbaren soll. Eigentlich wäre er auch BAföG-berechtigt. Doch seit der Trennung seiner Eltern hat er keinen Kontakt mehr zu seinem Vater, dessen Einkommensnachweise er für die Beantragung bräuchte. Der administrative Aufwand und mögliche Rechtsstreits – das sei ihm das Geld nicht wert gewesen.

Anke Krüninger von der Sozialberatung des Studentenwerk Würzburg erzählt, dass meist jene Studierende unter Armut leiden, die „nicht dem Regelfall entsprechen“. Darunter zählt sie Studierende, die keinen Anspruch auf BAföG dem Grunde nach haben, beispielsweise weil sie sich im Zweitstudium befinden, den Studiengang gewechselt oder ihre Höchststudiendauer überschritten haben. Besonders häufig würden auch ausländische Studierende, die sich zu Studienzwecken in Deutschland aufhalten, unter Armut leiden, da ihnen nicht die gleichen Finanzierungsmöglichkeiten offenstünden wie ihren deutschen und aus der EU kommenden Kommiliton*innen. Außerdem hätten sie auf dem Wohnungsmarkt oft weniger Auswahl, da Vermieter*innen und WGs scheinbar häufig deutschsprachige Mieter*innen beziehungsweise Mitbewohner*innen bevorzugen. Eine repräsentative Befragung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes aus dem Jahr 2020 zeigt, dass auch Rassismus dabei eine Rolle spielt. Demnach berichteten 35 Prozent der Befragten mit Migrationshintergrund, dass sie bei der Wohnungssuche in den vergangenen zehn Jahren rassistische Diskriminierungserfahrungen gemacht haben.

Aus Bamberg würden sich jährlich 300 bis 400 Studierende beim Studentenwerk melden, um sich beraten zu lassen, so Krüninger. Die Zahl sei konstant, jedoch in der Corona-Pandemie zurückgegangen. Damals hätten die staatlichen Hilfen die meisten Nöte abfangen können. „Aktuell kommen viele wegen Strompreiserhöhungen“, berichtet Krüninger. Es gebe Anbieter, die ihre Preise unverschämt angehoben hätten. Zusammen mit den Studierenden habe sie diese Verträge nun gekündigt und zu neuen Anbietern gewechselt. „Das große Erwachen“ bei den Heizkosten erwartet Krüninger erst mit der kommenden Abrechnung.

Regierung lässt warten

Auch dabei könnten staatliche Hilfen etwas abfedern, meint Krüninger. Die Bundesregierung will Studierenden unter anderem mit einer Einmalzahlung in Höhe von 200 Euro helfen. Alle, die zum 1. Dezember 2022 immatrikuliert waren und an diesem Stichtag einen Wohnsitz oder „gewöhnlichen Aufenthalt“ in Deutschland hatten, sollen die Hilfe laut Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) erhalten. „Dazu kommen wahnsinnig viele Anfragen“, berichtet Krüninger, „aber das können wir alles nicht beantworten. Keiner weiß, wer sie auszahlt und wie es funktionieren soll.“ Das BMBF erklärt auf seiner Website, dass die Einmalzahlung über eine digitale Plattform beantragt werden muss. „Die Plattform gibt es noch nicht“, bemängelt Krüninger im Januar 2023. Auch Sebastian kritisiert: „Es ist zu spät und nicht zielgenau. Leute werden dazu gezwungen, ihr Studium abzubrechen. Das finde ich einfach ungerecht, weil es wieder die Armen in der Gesellschaft trifft.“

Von Benutz-einen-Waschlappen-anstatt-zu-duschen-Tipps von Ministerpräsidenten, die selbst in Mercedes E-Klassen herumfahren, fühle er sich hochgenommen. Diese Spartipps der Politiker*innen seien für Reiche, meint Sebastian. „Ich weiß, wie man mit wenig Geld klarkommt. Ich bin da reingewachsen.“ Seine Familie habe nie viel Geld gehabt. „Kennst du diese Wand im Kindergarten, an der die Postkarten der Kinder hängen? Wenn sie im Urlaub waren und alle eine Karte an den Kindergarten schicken? Ich war immer der Einzige, der keine Karte schicken konnte“, erzählt er. Wenn Sebastian nun sagt, er spare, meint er damit nicht eine Urlaubsreise im Jahr weniger, sondern die Tüte Chips im Regal stehen zu lassen. Denn er erklärt: „Man kann auf nichts verzichten, nichts vermissen, was man nie hatte.“

Hier gibt’s Hilfe

Welcher Nebenjob macht Sinn? Soll ich einen Studienkredit aufnehmen? Auf welche staatlichen Hilfen habe ich Anspruch? Zu diesen und weiteren Fragen berät die Sozialberatung des Studentenwerk Würzburg (sozialberatung@studentenwerk-wuerzburg.de). Anke Krüninger empfiehlt, zu den Sprechzeiten (Mo.-Do., 9-13 Uhr, Fr. 9-12 Uhr) unter der Nummer 0931 8005-225 oder 0931 8005-228 anzurufen und telefonisch einen Beratungstermin zu vereinbaren. Diese kann dann am Telefon, per Videochat oder persönlich in Bamberg stattfinden.

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