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Die Theorie in der Praxis
Dunkel Hell

Die Theorie in der Praxis

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  • Endlich sind die Semesterferien da. Aber was fängt man mit der freien Zeit eigentlich an? In unserem Semesterferien Special erzählt jede Woche ein Ottfried-Redakteur, wozu er die Zeit zwischen den Semestern genutzt hat. Dieses Mal: im Frauenhaus. Ein Ort, an dem Frauen, die physische oder psychische Gewalt in der Familie erleben, Schutz und Unterstützung finden, um in Zukunft ein gewaltfreies Leben führen zu können – und ein Ort, an dem man als Praktikantin schöne, traurige, erstaunliche und vor allem praktische Erfahrungen sammeln kann.

Wie oft sitzt man als angehender Sozialwissenschaftler in Empirie, Statistik oder anderen Vorlesungen und hört interessante Beiträge über gesellschaftliche Phänomene? Wir beschäftigen uns mit Fragen wie: „Erleben Frauen häufiger Gewalt als Männer? Oder besteht der Unterschied lediglich in der Art der Gewalt?“ Balkendiagramme, Polygonzüge und Histogramme verdeutlichen uns die aus den Studien erhaltenen Zahlen und Zusammenhänge. Im geschützten Raum eines Hörsaals sind wir weit von den Menschen entfernt, um die es tatsächlich geht. Die Individualität bleibt uns verborgen. Dabei handelt es sich keineswegs um eine homogene Masse, sondern um die unterschiedlichsten Charaktere und Lebensläufe, hinter denen die verschiedensten Gefühlswelten stecken. Wer sind diese Frauen, die in einer Unterkunft Schutz suchen müssen, weil es Menschen gibt, die ihnen etwas Böses wollen? Wer sind diese Frauen hinter den Studien zum Thema „Gewalt und Missbrauch“? Genau das wollte ich im Frauenhaus herausfinden.

Am ersten Praktikumstag wurde ich von 15 Frauen begrüßt. Einige hatten bereits Kinder, andere von ihnen waren gerade 18 Jahre alt. Die Adresse des Frauenhauses müsse zum Schutz unbekannt bleiben, damit keine der Bewohnerinnen unerwarteten Besuch bekommt, erzählten mir die vier Sozialarbeiterinnen, die das autonome Frauenhaus leiten. Mir wurde eine der Bewohnerinnen zugeteilt, mit der ich die nächsten sechs Wochen zusammenarbeiten würde. Glücklicherweise ist mein Englisch nicht ganz schlecht. Viele der Frauen kommen beispielsweise aus Pakistan oder Somalia und sprechen kaum bis gar kein Deutsch.

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Nach dem Motto „rein ins kalte Wasser“ machte ich mich auf die bevorstehenden Aufgaben gefasst. Ganz nach dem Systemtheoretiker Niklas Luhmann versuchte ich, jede Frau eingebettet in einem System zu sehen und zu verstehen. Die erste Woche hielt ich mich oft mit den Frauen im Frauenhaus auf, um zunächst eine Vertrauensbasis zu schaffen. Das 18-jährige Mädchen, mit dem ich mich in den nächsten sechs Wochen intensiv beschäftigte, erzählte mir über ihre Zwangsheirat in Pakistan. Aus beruflichen Gründen kam sie nach der Heirat zusammen mit ihrem 48 Jahre alten Mann nach Deutschland. Dort fing er an sie zu misshandeln, so brutal, dass ihre Verletzungen zu einem Krankenhausaufenthalt führten. Im Krankenhaus konnte die Ursache ihrer blauen Flecke schnell zugeordnet werden, auch wenn sie nie zugab, dass ihr Ehemann ihr die Verletzungen zufügte. Auf Rat der Ärzte entschied sie sich dazu, ins Frauenhaus zu gehen, um dort Schutz zu suchen. Eigentlich war ihr Ziel eines Tages nach Pakistan, in ihre Heimat, zurückzukehren. Jedoch erklärte ihr Vater ihr am Telefon, dass das unmöglich sei. Scheidungen können in Pakistan mit Ehrenmord bestraft werden.

Solche Schicksale erschütterten mich natürlich. Wie war das noch? „Nimm die Dinge nicht mit nachhause oder es geht Dir irgendwann selbst schlecht.“ An den ersten Abenden nach der Arbeit ging mir trotzdem so einiges durch den Kopf. Das wurde erst mit der Zeit weniger. Es ist nicht so, dass man die Schicksale nicht mehr grausam findet, aber man legt den Fokus auf das, was man mit den Frauen erreicht und erfreut sich an den Fortschritten.

In den nächsten Wochen bestanden meine Aufgaben darin, Anwaltstermine mit den Frauen wahrzunehmen, Asylanträge zu stellen und gemeinsam eine neue Wohnung zu finden. Obwohl es keine Zeitvorgabe gibt, wie lang eine Frau in einem Frauenhaus untergebracht sein darf, ist das Ziel, schnellstmöglich ein selbstständiges Leben führen zu können.

Es ist spannend zu sehen, wie die Frauen jeden Tag an Autonomie dazugewinnen und mit der Zeit ein eigenständiges Leben, außerhalb des Frauenhauses, leben können.

Seit meinem Praktikum sehe ich die Balkendiagramme, Polygonzüge und Histogramme nicht mehr als etwas Abstraktes an. Die Theorie ist der Nährboden, auf dem wir eine gute praktische Arbeit leisten können und Statistiken sind keineswegs irgendwelche zusammenhanglosen Grafiken. Denn sie leben von den Charakteren, mit denen wir in der Praxis in Kontakt kommen.

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