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Die ganze Welt im Wohnzimmer
Dunkel Hell

Die ganze Welt im Wohnzimmer

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  • „Lesen stärkt die Seele“ sagte schon Voltaire. Und eine gestärkte Seele können wir wohl alle gerade gebrauchen. Hier sind zehn Tipps für Lektüren, die euch durch die Isolation bringen.

Für Nostalgische

Wie alt seid ihr gewesen, als ihr zum ersten Mal „Karlsson vom Dach“ gelesen habt? Diesen wundervollen Roman von Astrid Lindgren über den unverschämten, aber doch so liebenswerten Karlsson, der mit einem Propeller auf dem Rücken herumfliegen kann und seine Freundschaft zu Lillebror. Bestimmt ist es schon viel zu lange her oder noch nie geschehen. Und dann ist es auf jeden Fall höchste Eisenbahn für den schönen, grundgescheiten und gerade richtig dicken Mann in seinen besten Jahren.

Für Spannungsliebende

Internationale Politik gepaart mit Krimi: Das sind die Bücher von Joakim Zander. In der Reihe „Der Schwimmer“, „Der Bruder“ und „Der Freund“ merkt man, dass der Autor selbst für die EU-Kommission und das EU-Parlament gearbeitet hat, Hintergründe kennt und nicht alles ausgedacht ist. Mittlerweile schreibt Zander aber Thriller und das ist auch gut so: Für sein Debüt wurde er für den schwedischen Krimi-Preis nominiert.

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Für Exzessive

736 Seiten sind lang. 736 Seiten voller Exzess, Delirium, Anekdoten und purer Ehrlichkeit sind “LIFE” von Keith Richard. Richards Name ist untrennbar mit seiner Band, den Rolling Stones, verknüpft.

Dadurch auch mit Mick Jagger, Drogen-Geschichten und einem Rockstarleben, das nur wenige verkörpern wie er. Umso erstaunlicher, dass sich Keith Richards trotzdem an all das, was das Buch beinhaltet, erinnern kann und so klare Worte dafür findet, hat er doch einen großen Teil seines Lebens zugedröhnt verbracht.

Für Lebenskriselnde

Ihr Leben nach ihren Vorstellungen auf die Reihe bekommen: Drei Frauen, die all das auf unterschiedlichste Art und Weise schaffen möchten, sind die Protagonistinnen von „Was wir sind“ von Anna Hope. Alle sind in einer anderen Art von Krise, das Leben schafft alle aufs Unterschiedlichste. Beziehungen und deren Verfall, wie Menschen zu dem werden, was sie sind, wie man die Person wird, die man sein will – das sind die Themen dieses eher leisen Romans.

Für Schmunzelnde

Die Kunst der Observation beherrscht David Sedaris wie kein*e Zweite*r. In „Calypso“ läuft er zu seiner absoluten Bestform auf. Wer gerade zu Hause bei seiner Familie leicht verzweifelt, wird hier fündig: Sedaris‘ fünf Geschwister behandelt das Buch ebenso wie seine Freundschaft zu einem Fuchs und seine Wanderungen quer durch die englische Pampa, wo er jeden Tag Müllsammeln geht. Doch so lustig seine Geschichten auch sind, so bleibt einem doch auch manchmal das Lachen im Halse stecken oder man verdrückt gar ein Tränchen.

Für Beobachtende

„Ich lese jeden Tag Zeitung, höre jeden Tag Nachrichten im Radio, und sehe das, was ich schon den ganzen Tag lang gehört und gelesen habe, abends noch drei- bis viermal im Fernsehen. Ich bin informiert über alles und alle, über jedes und jeden.“ So startet „Auch Deutsche unter den Opfern“ von Benjamin von Stuckrad-Barre. Wenig mehr muss über dieses Buch gesagt werden. Stuckrad-Barre ist ein genialer Beobachter und bringt diese Beobachtungen auf den Punkt. Til Schweiger, Bundestagswahkampf mit Guido Westerwelle, Fußball-WM: wer Deutschland besser verstehen will, liest die Reportagen in diesem Buch.

Für Tiefergehende

Eine sehr reduzierte Sprache, fast juristisch anmutend. So schreibt Leïla Slimani in „Dann schlaf auch du“. Das Thema des Buchs steht im Kontrast dazu. Die ersten beiden Sätze: „Das Baby ist tot. Wenige Sekunden haben genügt.“ Das Kindermädchen bringt die Kinder um, für die es eigentlich sorgen soll. Slimani erzählt die Geschichte von hinten, arbeitet das Verbrechen auf und schafft es, den Spannungsbogen trotzdem aufrechtzuerhalten. Das Buch ist eine erzählerische Meisterleistung und etwas für alle, die hineinblicken wollen in die menschlichen Abgründe.

Für Schnulzige

Alle hochtrabenden Literat*innen halten sich jetzt die Augen zu. Alle, die auf Romanzen stehen, machen sie ganz weit auf: „Das Lächeln der Frauen“ von Nicolas Barreau ist ungefähr genau das Buch, was „Heile-Welt-Romantik“ beschreibt. Liebeskummer, Paris und ein Roman, der ein Leben verändert: all das findet sich in diesem Buch. Doch so ausgelutscht das klingt; für Freund*innen einer guten alten Schnulze und die Liebhaber*innen von Herzschmerz ist das Buch ein Glücksfall.

Für Analysierende

„Sprache und Sein“ von Kübra Gümüşay dient als Anleitung. Als Anleitung für das Zusammenleben von Menschen. Ein Zusammenleben, das auch durch die Macht der Sprache zu einem anderen werden kann und werden muss. Das Buch gibt zu denken und regt zum Handeln an – sowohl in der Sprache als auch im Sein. Für alle, die interessiert an Sprache sind, ist es ein Muss. Für alle anderen auch – denn jede*r kann von diesem Text nur profitieren.

Für Reiseträumende

Wer träumt sich in den letzten Tagen nicht auf einen traumhaften Sandstrand oder auf eine spannende Abenteuerreise mit dem Backpack durch verschiedene Länder? Schauspielerin Maria Ehrich und ihr Freund Manu nehmen uns auf 277 Seiten nach Kenia, Hawaii und auf einen Roadtrip in einem alten VW-Käfer durch Mexiko, die USA und Neufundland mit.

In „Leaving the Frame“ treffen sie auf inspirierende Menschen, die ihre eigene Komfortzone verlassen haben und für wichtige Dinge kämpfen; sei es für Tiere, Bildung oder die Erinnerung an den Holocaust. Mit diesen Menschen haben die beiden Interviews geführt und selbst einen kleinen Dokumentarfilm gedreht, der mittlerweile sogar auf Netflix zu sehen ist. Für eine kurze Zeit fühlt man sich, als wäre man selber gerade über zwei Kontinente und wunderschöne, aber doch so unterschiedliche Länder gereist – und das ganz ohne die Wohnung zu verlassen!

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