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“N€WS im N€TZ” — Was steckt dahinter?

“N€WS im N€TZ” — Was steckt dahinter?

Am heutigen Mittwoch, den 21. Juni, startet die Vortragsreihe „N€WS im N€TZ“, die von den beiden wissenschaftlichen Mitarbeitern Holger Müller und Holger Kellermann des Instituts für Kommunikationswissenschaft organisiert wird. Wir haben mit den beiden Initiatoren über die Hintergründe und Pläne der Vortragsreihe gesprochen.
Titelbild: Ludwig Hagelstein

Wie kam es zu der Vortragsreihe „N€WS im N€TZ“? Wo liegt der Ursprung?
Kellermann: Letztlich war es eine Beobachtung aus der Praxis. Redaktionen werden kleiner, PR‐Abteilungen größer. Die Schlagzeile wird immer bedeutender im Journalismus, News müssen schneller online stehen, aber komischerweise will eigentlich niemand noch Geld für Nachrichten zahlen. Sie kennen es selber – wie viele Abos haben Sie im Netz? Kein einziges. Und genau das war dann die Überlegung: Wer verdient eigentlich noch wie Geld? Wir kennen viele Journalisten, auch noch vielleicht von früher, die sich genau mit solchen Problemen rumschlagen. Es gibt keine Festanstellungen mehr, man ist höchstens noch „fester Freier“ [Freier Mitarbeiter; Anm. d. Redaktion]. Man arbeitet für verschiedene Auftraggeber. Und das Problem ist ja ein durchgereichtes Problem. Das machen die Verlage ja nicht, weil sie so gemein sind, sondern letztlich, weil sie wenig Kohle haben. Und das ist jetzt eigentlich die Situation bei den traditionellen Verlagen — und online wird es noch viel schlimmer. Da haben Sie viele Magazine, die ganz lose Strukturen haben. Und da fragt man sich schon manchmal als Leser: Wie machen die eigentlich Geld? Und so kam irgendwann die Idee, man müsste sich eigentlich mal wieder rückkoppeln mit der Medienpraxis.

Wir wissen, wie man früher Geld verdient hat: Abonnenten, Werbung – das hat auch im Netz einige Zeit funktioniert. Aber seit zwei, drei Jahren gibt es einen deutlichen Knick auch in den Volumina, die quasi durch Online‐Werbung erlöst werden. Und es steht wieder die Frage im Raum: Wie macht man jetzt Geld mit Online‐Journalismus? Da haben wir uns gesagt: Wir brauchen Leute aus der Praxis, die uns erklären, was es für Modelle gibt, um Geld im Netz zu machen. Auch letztlich für unsere Studis interessant, falls sie später mal Journalist werden wollen. Ich gehe nicht zu einer Firma, zu einem Verlag, unterschreibe einen Arbeitsvertrag und mit 65 gehe ich in Rente, sondern ich muss in ganz vielen kleinen Töpfen rühren. Vielleicht für ganz verschiedene Arbeitgeber Auftragsarbeiten machen oder ich muss nebenher noch ein erfolgreicher YouTuber sein oder ein Instagrammer oder Gott weiß, was da alles noch auf uns zukommt.

Foto: Ludwig Hagelstein
Holger Müller Foto: Ludwig Hagelstein

Müller: Es gibt ja auch die unterschiedlichsten Modelle. Wenn Sie sich zum Beispiel die Krautreporter anschauen, die komplett über Crowdfunding versucht haben, eine journalistische Seite, ein journalistisches Angebot mit Anspruch aufzuziehen im Netz. Je nachdem wen man fragt, [war es] mal mehr oder mal weniger erfolgreich, oder [ist es] mal mehr, mal weniger hinter den Erwartungen geblieben.

Es gibt eben die unterschiedlichsten Erlösmodelle und die wollen wir über den Zeitraum der Reihe unterbringen, das heißt, dass wir mal mit Leuten sprechen, die erfolgreich Crowdfunding betrieben haben oder dass wir mit Leuten sprechen, die das Ganze über Affiliate‐Marketing machen, also sich sozusagen über die Klicks zu Kaufseiten, wie Amazon oder iTunes, finanzieren. Dass wir schauen, wie wird das Ganze auch querfinanziert. Und das, denke ich, ist interessant. Alle sagen: Ihr müsst crossmedial arbeiten. Aber wenn man sich mal aufwändige crossmediale Projekte wie die der New York Times anschaut, [sieht man, dass] über ein halbes Jahr an einem Projekt gearbeitet [wird], bis es grafisch umgesetzt wird. Und natürlich schaut es im Endeffekt toll aus – aber die Frage ist halt: Wer bezahlt das? Und die New York Times kann es im Moment anscheinend auch noch bezahlen, aber wie schaut es aus, wenn dann der Fränkische Tag denkt: Wir wollen auch crossmedial arbeiten. Sind sie dann dazu bereit, einen Redakteur über einen längeren Zeitraum an einem Projekt arbeiten zu lassen? Und wo sind dann da die Erlösmöglichkeiten. Kann ich das tatsächlich als Special zu Geld im Netz machen? Und dann sagen: Das ist unser Plus‐Angebot und dafür bezahlt ihr Geld und der Rest ist umsonst. Also da muss man gucken, wo die Balance zu finden ist.

Wie lange wird die Vortragsreihe dauern? Nur dieses Semester oder langfristiger?
Müller: Also dieses Semester ist der Kick‐Off mit dem ersten Vortrag von Gero Schmitt‐Sausen von infranken.de und Frank Förtsch, dem Chefredakteur vom Fränkischen Tag. Wir wollen das jetzt danach über die nächsten 4 Semester, bis Dezember 2019 [anbieten]. Geplant sind um die 2 Veranstaltungen pro Semester.

Wie praxisvernetzt ist es denn? Werden Lösungen an der Uni entstehen oder wird man nur Vortragsredner einladen, die dann etwas präsentieren?
Müller: Also im Moment ist es eher so, dass jemand kommt und am Beispiel des Fränkischen Tags einfach mal vorstellt: Was stellen die sich vor? Wie sehen sie ihre Erlösmöglichkeiten in Zukunft im Netz? Aber das ist jetzt nicht rigide darauf ausgelegt, dass nur Leute aus der Verlagsbranche [eingeladen werden], sondern wir versuchen alle Medien, alle Monetarisierungsmodelle mal abzudecken und wir können uns durchaus vorstellen, das Ganze auch mal an einem Abend in einem Workshop‐Charakter zu veranstalten. Das kommt halt auch immer darauf an, wen wir tatsächlich auch dafür gewinnen können, zu kommen. Und wer sich dann eben auf das Spiel einlässt, auch nicht nur sich selbst zu präsentieren, sondern das ganze in Form eines Workshops abzuhalten.

Ich denke, es ist sicherlich für beide Seiten eine gute Geschichte, mal zu gucken, wie es auch aus Sicht der Studierenden als möglicherweise zukünftige Journalistinnen und Journalisten aussieht oder auch als diejenigen, die Informationen im Netz konsumieren.

Holger Kellermann Foto: Ludwig Hagelstein
Holger Kellermann
Foto: Ludwig Hagelstein

Kellermann: Was wir von Anfang an vorhaben, ist eine Dokumentation von dem Ganzen. Also wir wollen das [Material] auch anderen zur Verfügung stellen — gerne auch Praktikern. Das heißt, im Moment ist es so geplant, dass jeder Vortrag transkribiert und auf die Webseite gestellt wird. Dass jeder Vortrag aufgezeichnet und das Video auf unseren YouTube Kanal gestellt wird. Weitere Verwertungen werden sich zeigen, wir haben auch noch eine wissenschaftliche Veröffentlichung [in Form eines] Sammelbands vor.
Jetzt ist tatsächlich die Frage: Welche Vorträge kriegen wir in den nächsten 3 Semestern, weil vorstellbar wäre schon, dass man sagt, man macht noch eine Abschlussveranstaltung in Form eines ganztägigen Workshops, wo man nochmal anbietet, sich mit Praktikern auszutauschen. Ich habe neulich mit einem möglichen Vorträger telefoniert, der sagte: „Wissen Sie, ich habe neulich ein bisschen gelacht, [denn] jetzt führt die Süddeutsche Zeitung Paylater ein, das haben wir vor zwei Jahren schon wieder abgeschafft, weil es sich überhaupt nicht rentiert hat.“

Was ist Paylater?

Kellermann: Sie lesen erst und bekommen am Ende gesammelt eine Rechnung am Monatsende.

Welche Herausforderung wird „N€WS im N€TZ“ noch behandeln?
Kellermann: In dem Haifischbecken, in dem wir uns alle bewegen, die journalistisch arbeiten wollen, zieht jeder am eigenen Strang. Aber vielleicht kann sowas auch mal ein Sprungbrett sein, wo mehrere Leute gemeinsam ins Becken springen und dann gemeinsam paddeln, also sich einfach austauschen. Das sich also derjenige, mit dem ich da telefoniert habe, sich mit demjenigen von der Süddeutschen trifft und sagt: „Wie hat sich Paylater für euch eigentlich ausgezahlt oder hat es sich nicht ausgezahlt, denn wir mussten es gleich wieder einstampfen und es hat mehr Verwaltungsaufwand produziert als Geld.“

Welche zukünftigen Redner sind geplant?
Kellermann: Wir haben als mögliche Vorträger einen Podcaster, [oder eher] eine Podcast‐Redaktion, die verdient ihr Geld nur durch Crowdfunding und sagt auch: „Wir wollen nichts Anderes. Wir schalten keine Werbung, wir nehmen keine sonstigen Gelder oder Testmuster — nur Crowdfunding.“

Wir wollen die taz. Die taz ist ein Sonderfall in der Zeitungswelt, sie ist genossenschaftlich organisiert, wie beispielsweise die Raiffeisenbank. Jeder Genosse ist sozusagen Miteigentümer. InFranken machen jetzt den Anfang und ist sehr klassisch mit ihrer Paywall. Professionelle Instagrammer und Youtuber, freie Journalisten stehen schon auf der Wunschliste. Dann hätten wir auch sehr gerne Wissenschaftler. Also Leute, die sich schon wissenschaftlich mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Da gibt es auch schon Namen auf der Liste, die interessant wären. Aber das „Buchen“ von solchen Leuten ist relativ langwierig und aufwändig.

Wird die Reihe nur von Ihnen beiden organisiert oder gibt es Studierende im Hintergrund, die mitwirken?
Müller: Also es ist in diesem Semester so, dass ich die Übung Projektmanagement angeboten habe. Die Studierenden, die in diesem Semester in dieser Übung sind, haben auch die erste Veranstaltung organisiert. Wir [als Dozenten] haben also den Rahmen gesteckt, wir haben die beiden Vorträge organisiert und die Studierenden begleiten das jetzt. Sie haben die Pressemitteilungen geschrieben, sie haben sich informiert, wo wird was wie platziert. [Sie haben sich darum gekümmert], dass wir die Reihe an der Uni sichtbar haben, dass es, wenn es als Veranstaltung in UniVis steht, auch auf den Infoscreens erscheint. Sie haben das Plakat entworfen, haben sich das Fotomotiv ausgedacht, den Titel „N€WS im N€TZ“ ausgedacht und für uns wurde ein Gerüst geschaffen, mit dem wir dann auch in Zukunft arbeiten können.

Kellermann: Als Ausblick vielleicht noch abschließend, was wir uns auf jeden Fall noch wünschen würden, ist, dass wir noch jemanden von der Springer AG kriegen. Bild, Bild.de am besten, die die härteste und starrste Paywall in Deutschland eingeführt haben, die es bisher gibt und die sich offensichtlich auszahlt. Springer macht Plus mit seinen Onlinemedien. Das kriegt niemand so mit am Rande. Man weiß aber auch nicht genau, wie es sich genau verteilt über die einzelnen Plattformen und Dienstleistungen, die Springer anbietet. Wie viel Anteil Bild.de mit dem Premium Angebot hat, weiß man nicht so genau.
Als Gegenpol hätten wir auf jeden Fall gerne jemanden von der taz — die stehen am anderen Ende des Spektrums. Dort findet die Basisfinanzierung über die Genossenschaft statt. Und ansonsten [über] eine weiche Paywall, die freiwillig ist.
Und dann gerne noch in den nächsten drei Vorträgen einen Social Media Journalisten. Jemand, der nur mit Social Media, eventuell auch ohne Verlagsbindung, sein Geld in Eigenregie verdient.
So haben wir am Ende eine gute Runde. Jemanden von einer Lokalzeitung, Bild.de als das wichtigste Onlinemedium – mit taz ein Gegengewicht. Und dann noch viele weitere, hoffentlich ergiebige, Vorträge.

Für alle Interessierten
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