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Im Tor zu einem besseren Leben

Im Tor zu einem besseren Leben

Mit seiner Familie hat sich Danil auf die Reise nach Deutschland gemacht. Er ist ambitioniert, engagiert und integriert –  doch ob er bleiben kann, liegt nicht in seiner Hand.
Titelbild: Manuel Stark

Es ist ein großer Raum. Er dient als Wohnzimmer, Schlafzimmer und Küche. Neben zwei Sofas, einem Couchtisch und acht Stühlen gibt es einen Kühlschrank und zwei Stockbetten, die Möbel sind zusammengewürfelt, doch auf dem Tisch türmen sich Leckereien: Donuts, Kekse, verschiedene Sorten Tee, Äpfel. Obwohl die Bewohner sehr wenig Geld zur Verfügung haben, werden Gäste stets bei vollem Tische empfangen. Es herrscht eine warme Atmosphäre.
Hier wohnt Danil Likhatskig mit seinen sieben Geschwistern und seinen Eltern. Vor etwa einem Jahr sind der 14‐Jährige und seine Familie aus der Ukraine geflohen. Heute ist ein Zimmer in einer Flüchtlingsunterkunft in Bamberg ihr Zuhause.

Foto: Manuel Stark
Foto: Manuel Stark

Während der Schüler noch über seinen Hausaufgaben brütet, tollen die Kleineren herum, lachen, wollen fernsehen. Wild plappern sie in einer Mischung aus Deutsch und Russisch. Wegen des regen Treibens fällt es Danil sichtlich schwer, sich auf seine Aufgaben zu konzentrieren. Ohne Deutsch zu sprechen kam er nach Deutschland. Heute kann man das fast nicht mehr glauben. Er spricht die neue Sprache flüssig. „Es kam einfach von selbst“, berichtet er stolz. Außerdem habe es ihm viel geholfen die Vokabeln mit Bildern zu verbinden, so sei ihm das Lernen leicht gefallen. Zeitweise verinnerlichte er 65 neue Wörter pro Tag.

Eine neue Passion
Auch eine ganz neue Leidenschaft hat er für sich entdeckt: den Fußball. Er ist Torwart und „richtig gut“, wie er stolz erzählt. Neben dem regulären Training bei seinem Verein FV 1912 bolzt er so oft es geht auch in seiner Freizeit. Besonders stolz ist er auf seine Torwarthandschuhe die er von seinem Trainer geschenkt bekommen hat. „Ich liebe meine Verein und meinen Coach“, schwärmt Danil und seine Augen leuchten. Er hat Großes vor, er will zur Eintracht wechseln und irgendwann als Profi für den FCN kicken. Dabei geht es ihm weniger um das Geld, als um den Sport selbst.
Sollte das nicht klappen hat der Junge schon einen anderen Plan: Dann will er Maurer werden. Damit kann er Zuhause anpacken und vielleicht irgendwann das eigene Haus bauen. Außerdem habe er gehört, dass man in Deutschland immer Maurer bräuchte, erklärt er. Doch auch Feuerwehrmann kommt für ihn in Frage, denn das ist ein Beruf in dem man helfen kann. „Wenn jemand Hilfe braucht, dann helfe ich ihm“, das ist für ihn ganz selbstverständlich.
Neben dem Fußball und der Schule gibt es eine dritte Konstante im Leben des Jugendlichen: seinen Glaube. Jede Woche geht er in die Christus Kirche, für ihn gehört es zum Alltag vor dem Essen und dem Schlafengehen zu beten. Jesus und seine Christus Gemeinde geben ihm ein Gefühl von Geborgenheit und Heimat. „Ich habe die Bibel schon dreimal gelesen“, sagt er, und in seiner Stimme schwingt die Überzeugung mit, die hinter seinem Glauben steht. Auch Freunde hat er schon viele in seiner Kirchengemeinde gefunden. In seiner Schule ist er ebenfalls integriert.

Leben in der Ukraine
Dass er sich in Deutschland so wohl fühlt, ist sicher einer der Gründe, warum er die Ukraine nicht vermisst. Mit drei Jahren zog der in Russland geborene Junge in ein ukrainisches Dorf. Als Russen musste sich die Familie dort viele Anfeindungen gefallen lassen. „In der Ukraine hasst man Russen“, ist seine Meinung. Ein Cousin von ihm sei einmal grundlos krankenhausreif geschlagen worden „und auch ich hab mal eine gekriegt, weil ich Russe bin“, erzählt Danil bedrückt. Eine Tante von ihm, die schon länger in Deutschland lebt, forderte die Familie mehre Male dazu auf, hierher zu ziehen. So überraschte es den Jungen nicht allzu sehr, als seine Eltern den Entschluss fassten nach Deutschland zu kommen. Angst vor dem neuen Land, vor Heimweh, vor dem was ihn erwartet, hätte er nicht gehabt.
Die Flucht war eine Nacht‐und‐Nebel‐Aktion, erzählt der Schüler. Sie seien mit dem Bus über Polen nach Deutschland gekommen, sehr kalt wäre es gewesen, an mehr erinnert er sich nicht. Während er erzählt schaut er auf seine Hände. Es ist ihm deutlich anzumerken, dass es ihm schwer fällt über sein Leben in der Ukraine und das Thema Flucht zu reden.

Bescheidene Wünsche
Zurück will er auf keinen Fall: „Bamberg ist cool“, davon ist er überzeugt. Er ist zwar auf dem Dorf aufgewachsen, lebt mittlerweile aber viel lieber in der Stadt.
Seine Träume für die Zukunft sind bescheiden. Danil wünscht sich, dass sein Vater eine Arbeit findet. Eine solche hat dieser bis jetzt, trotz allen Anstrengungen, in Deutschland noch nicht. Und eine kleine Wohnung wäre schön – irgendwann einmal. „Ich will einfach nur, dass es zum Leben reicht“, fasst er seine Wünsche zusammen. Wenn er erwachsen ist, hätte er gerne Kinder. Fünf an der Zahl fände er gut. Denn als drittes von sieben Geschwistern kennt und liebt er den Alltag einer Großfamilie.
Frieden in der Welt liegt dem 14‐Jährigen auch am Herzen, was aktuell um uns herum passiert verunsichert ihn. Wie man für Gott und den Glauben töten kann, ist für ihn unverständlich. Sein Weltbild ist von gegenseitiger Akzeptanz und Respekt geprägt, auch gegenüber Andersgläubiger. Ob die bescheidenen Wünsche von Danil in Erfüllung gehen, hängt großenteils davon ab, ob er und seine Familie abgeschoben werden und zurück in die Ukraine müssen.

In der Vorstellung des Schülers existiert dieses Szenario nicht, man hat das Gefühl, als blende er es einfach aus.

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