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Von Nudeln und Brettern
Dunkel Hell

Von Nudeln und Brettern

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  • Ein Portrait über einen engagierten bamberger Studenten, der Flüchtlingen das Schwimmen näher bringt und die einhergehende Krux der Organisation.

Daniel ist Student, Dachdecker, Schwimmlehrer, hat mit Menschen mit Autismus, ADHS und Behinderung gearbeitet. Er ist Hiwi, Kellner und beaufsichtigt die Brose-Nachwuchstalente. Außerdem macht er gerade eine Ausbildung im Bereich der Psychomotorik, absolviert sein Masterstudium und wird bald in der Forschung tätig. Zukünftig wünscht er sich, Kinder- und Jugendpsychotherapeut zu werden. Er trägt seit über zehn Jahren Dreads und hat von seinen sechs-Mal-die-Woche Fitnessstudio-Besuchen gestählte Arme wie Popeye. Daniel ist mein Mitbewohner und es gibt nichts, was er nicht schon gemacht hat. Ausbildung, Weiterbildung, Fortbildung, Studium, Arbeiten, Lehren, Lernen.

Er mag keine leeren Tage, füllt sie lieber sinnvoll und ist ein optimistischer Zeitgenosse. „Viele meinen, ich sei ein Glückskind. Aber ich glaube an Karma. Ich glaube ans Gute und so widerfährt mir auch viel Tolles.“ So äußert sich Daniel über sein Leben. Er sucht nach besonderen Begegnungen mit Menschen, und seine Suche trägt Früchte. Er hat immer eine Geschichte in petto, wird beim Erzählen aber nie abwertend.

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Vor einigen Wochen meinte er, er möchte gerne in irgendeiner Form Flüchtlinge unterstützen. Bei seiner Ausbildung lernte er dann seinen Ausbilder Flo etwas näher kennen. Flo ist Betreuer in einem Flüchtlingsheim in unserer Umgebung und so wird die Idee geboren, dass Daniel doch Schwimmunterricht geben könne. „Ich hätte auch kein Problem damit, es ehrenamtlich zu machen. Außerdem hab ich dieses Semester sowieso kaum Uni und nix zu tun.“ Doch der Etat im Bereich der Flüchtlingshilfe wurde aufgestockt, und so wird Daniel bezahlt. Es wird vereinbart, dass er zweimal wöchentlich für je etwa eine Stunde Schwimmunterricht für die minderjährigen Flüchtlinge anbietet.

Das Training steht hinten an

Wir stehen vor dem Bambados, warten auf die jungen Flüchtlinge. Die Truppe besteht jedes Mal aus anderen Jugendlichen, einige stammen aus Eritrea, andere aus Syrien oder dem Tschad.

Es ist schwierig, Routine aufzubauen. Ein großer Teil der Flüchtlinge hat Interesse daran, Schwimmen zu lernen. Vor allem, wenn sie schon von ihren Freunden davon berichtet bekommen haben. Doch durch zahlreiche andere Verpflichtungen, wie Moscheebesuche, steht das Training häufig hinten an.
Beim Veranstalter wohl auch: Es ist bereits mein vierter Versuch, einer Unterrichtseinheit beizuwohnen. Zweimal ist sie ausgefallen, da vergessen wurde, den Flüchtlingen ihre Schwimmsachen in Form von Badehose und Handtuch mitzugeben. Und auch heute müssen wir resigniert feststellen, dass wohl niemand mehr auftauchen wird. Als nach dem dritten Anruf beim Organisator erneut niemand abnimmt, beschließen wir, trotzdem ins Bad zu gehen. Daniel schildert mir den üblichen Ablauf seines Unterrichts, während wir durch die Räumlichkeiten schlendern:

Ein konventionellerer Stil

Das Schwimmen kann nur stattfinden, wenn eines der b eiden Trainingsbecken frei ist. Ist dem so, dann schwingt sich Daniel auf sein Rad, bewaffnet mit seinem Backpacker-Rucksack, in dem sich Schwimmbretter befinden, und Schwimmnudeln die bogenförmig außen um den Rucksack gebunden werden. Er sieht dann irgendwie futuristisch aus. Vor Ort begrüßt er die Jungs per Handschlag, sie stellen sich vor und Daniel wird zum „Boss“ auserkoren. Die Flüchtlinge sind offen und sehr selbstbewusst. Auch mit Zuschauern haben sie kein Problem, zumal die meisten ohnehin interessiert wirken und nicht gaffen. „Früher, als ich mit Menschen mit Behinderung schwimmen war, hatten wir mehr verstohlene Blicke anderer“, erzählt Daniel. Die Jugendlichen sind kräftig und fit, häufig tun sie überzeugt kund, bereits schwimmen zu können. Daniel lässt es sie dann vorzeigen, stimmt zu, dass dies auch eine Form des Schwimmens sei. Allerdings eine, bei der sie sehr schnell an Kraft verlieren und rasch aus der Puste geraten werden. Also zeigt er ihnen, wie der konventionelle Schwimmstil funktioniert.

Jeder schnappt sich eine Schwimmnudel, klemmt sie unter die Arme und führt die nahezu herzförmige Armbewegung aus. „Das klappt meist echt gut und wir schwimmen direkt zwei Bahnen. Sie sind überrascht, dass die Nudeln sie so über Wasser halten können.“ Bei den Beinen wird es dann schon kniffliger, besteht die Bewegung doch aus drei verschiedenen Abschnitten. Hier dienen die Bretter als Hilfe. Die Jungs lernen auch zu tauchen und vom Beckenrand ins Becken zu springen. Daniel empfindet dies als besonders wichtig, da er seinen Schützlingen die Angst nehmen möchte, falls sie mal ungeplant im Wasser landen. Jedes Training endet locker mit Zeit zum freien Vergnügen. Entweder macht man gemeinsam die Rutschen unsicher oder die Flüchtlinge spielen in kleineren Gruppen im Nichtschwimmerbecken. Diese freien Minuten nutzt Daniel dann, um sich bei Flo über die Biographie seiner Schützlinge zu erkundigen. Hierbei geht es vor allem um traumatische Ereignisse, um mit möglichen Panikattacken leichter umgehen zu können. Zwei der Jungs wären auf ihrer Flucht beinahe ertrunken, und so wundert es nicht, wenn sie dem Strömungskanal, der im Bambados in regelmäßigen Abständen angestellt wird, erst einmal mit Respekt begegnen. Untereinander wirken die Jugendlichen so, als ob sie sich schon seit langer Zeit kennen, doch begegnet sind sie sich erst vor circa einem Jahr, als sie nach Deutschland kamen. Sie unterstützen sich gegenseitig und übersetzen unaufgefordert für einander, wenn Daniel beim Erklären mit Händen und Füßen nicht mehr weiterkommt. Nach Ende des Unterrichts bedanken sie sich bei ihrem Schwimmlehrer für die Hilfe und die tolle Zeit im Becken. Diese Freude teilt auch Daniel bei seiner Arbeit. Er liebt auch diesen seiner zahlreichen Jobs, denn die unmittelbaren Emotionen der Flüchtlinge zeigen, dass die Hilfe an der richtigen Stelle ankommt.

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