Schließen
Abseits der Norm — Homosexualität im Sport

Abseits der Norm — Homosexualität im Sport

Politiker, Schauspieler, Musiker – viele Menschen leben heute offen schwul oder lesbisch. In der Sportwelt aber scheinen andere Regeln zu gelten. Vorurteile und dumme Sprüche machen es Sportlern schwer, in der Öffentlichkeit zu ihrer Sexualität zu stehen.

Foto: Ricarda Wingler

Mario ist zum ersten Mal in seinem Leben verliebt. Er ist richtig verknallt. In Leon. Leon ist neu im Sturm bei den Young Boys Bern. Und Leon ist nicht nur neu im Sturm, sondern gleichzeitig Marios Konkurrenz, wenn es um die erste Mannschaft geht. Mario hat das Gefühl, hart bleiben zu müssen, seine Männlichkeit zu zeigen, zu kämpfen um den Platz in der ersten Mannschaft. Die Karriere. Doch daran kann er nicht denken. Zu groß ist die Liebe, das Verlangen Leon zu spüren, zu riechen, zu küssen – einfach in seiner Nähe zu sein.

Im Laufe des Films bleibt die Liebe, die oft als Privatsache verklärt wird, nicht vor den Teamkameraden verborgen. Es wird getuschelt. Schon bald machen die ersten Gerüchte die Runde. Mario, welcher weiterhin Profi werden will, sieht seine Karriere ernsthaft in Gefahr. Gleichzeitig möchte er seinen Freund Leon nicht verlieren. Der Film „Mario“ von Marcel Gisler zeigt, dass Homosexualität im Fußball noch immer ein Tabuthema zu sein scheint – auch in der Realität.

Outing im Sport bleibt eine Ausnahme

Seit der Ehe für Alle im Juni 2017 (23 Jahre nach Abschaffung des ‚Schwulenparagraphen‘ 175 StGB) könnte man meinen, Homosexualität sei im 21. Jahrhundert kein Tabuthema mehr. Trotzdem gibt es Bereiche, in denen dies nicht der Fall zu sein scheint, zum Beispiel im Sport. Als Thomas Hitzlsperger sich 2014 als erster deutscher Fußballspieler nach seiner Zeit als aktiver Profi outete, galt dies als Sensation. Doch die aktuellen Zahlen belegen, dass sein Outing eine Ausnahme blieb: Bis heute machte kein weiterer professioneller Fußballspieler öffentlich, dass er schwul ist. Ist dies eine Sache des Männerfußballs? Wie sieht es in anderen Sportarten aus? Und gibt es einen Unterschied zwischen Frauen und Männern?

Wer glaubt, heutzutage sei es einfach, Sportler zu finden, die offen über das Thema Homosexualität sprechen, der hat sich geirrt. Vor allem homosexuelle Männer, die Fußball oder Basketball spielen, oder einem anderen medienwirksamen Leistungssport nachgehen, erreicht man schwer. Das gilt vor allem für den Fußball, dem Sport, der die deutschen Fernsehkanäle einnimmt und einem das Gefühl vermittelt, Homosexualität sei schlichtweg nicht vorhanden.

Immer wieder hört man auf dem Spielfeld und beim Training das Wort „schwul“– verwendet als Beleidigung.

Elena Kiesling, Beachvolleyballtrainerin und Wissenschaftlerin an der Universität München mit Schwerpunkt Queer Theory, hat selbst die Erfahrung gemacht. „Ich habe auf Top‐Niveau Nachwuchstrainer sagen hören: ‘der schwuchtelt die Bälle immer so’ und ähnliches. Das ist für junge homosexuelle Sportler jedes Mal ein Schlag ins Gesicht“. Sie hält die Tatsache, dass Homosexualität im Sport nicht thematisiert wird, für sehr gefährlich: „Es setzt alle Sportler, die sich mit ihrer Sexualität auseinandersetzen, unter Druck, einem gewissen normativen Modell zu folgen, da Alternativen praktisch nicht existieren.

Sollten sie existieren, dann werden sie mit solchen Aussagen an den Rand der Szene gedrängt und zum ‚Anderen’ gemacht.“ Elena Kiesling ist 36 Jahre alt und spielt selbst Beachvolleyball auf hohem Niveau. Sie selbst ist immer offen mit ihrer Homosexualität umgegangen: „Ich habe schlichtweg nicht um den heißen Brei geredet und meine Freundin meine Freundin genannt und nichts anderes. Eigentlich ist es gar nicht so schwer, menschlich zu sein.“ Als Trainerin bietet sie immer ein offenes Ohr an, wenn sie merkt, dass im Team etwas brodelt.

Lesbische Sportlerinnen haben weniger Probleme sich zu outen

Elena meisterte das hohe sportliche Niveau wie den 1. Platz beim „Smart SuperCup“ 2015 nicht alleine. Mit von der Partie war in den letzten Jahren in ihrem Beachvolleyballteam Melanie Gernert. Sie ist 31 Jahre alt und outete sich mit 20 Jahren. Anders als im Fußball hatte sie als lesbische Beachvolleyballspielerin zu keiner Zeit Probleme: „Ich bin nie auf Ablehnung gestoßen. In anderen Sportarten stelle ich es mir bedeutend schwerer vor, insbesondere für Männer.

Sie selbst konnte immer offen mit ihrer Homosexualität umgehen, brauchte nie Angst zu haben, dass Sponsoren sie nicht weiter unterstützen würden oder dass ihre Fans nicht mehr hinter ihr stünden. Wenn Melanie über ihre Geschichte spricht, hat man das Gefühl, es sei ganz einfach, sich zu outen, auszusprechen, welchen Menschen man liebt.

Problemsport Fußball

Ganz anders im Fußball: Jan Gernlein ist 26 Jahre alt und Co‐Trainer des 1. FC Schweinfurt 05, Regionalliga Bayern und bestätigt die Vermutung, dass Homosexualität beim Fußball bisher kein großes Thema ist: „Tatsächlich hat sich bei uns bisher keiner der 19‐ bis 35‐jährigen Spieler geoutet. Man hat das Gefühl, Homosexualität gäbe es im Fußball nicht, was natürlich falsch ist. Viele Spieler haben Angst, ihr Gesicht zu verlieren, wenn sie offen über ihre Homosexualität sprechen.“ Doch hat nicht auch der Trainer eine gewisse Verantwortung, offen mit diesem Thema umzugehen? „Der Trainer sollte eine offene Haltung einnehmen. Sofern ich davon wissen würde, dass jemand homosexuell ist, würde ich natürlich für ein Gespräch bereitstehen“, so Jan.

Es scheint, als sei Fußball ein extremes Beispiel dafür, wie verankert die Homophobie im Sport sein kann. Laut Elena Kiesling kommt es uns häufig nur so vor, als wäre die Homophobie im Sport ausgeprägter als in anderen Lebensbereichen: „Die deutsche Sportwelt wird vom Fußball geprägt und trotz Hitzlsperger ist es dort wirklich noch ein echtes Tabu, anders als in anderen Sportarten.“ Vor allem die Fans können dazu verhelfen, das Tabu zu brechen, indem sie z. B. vermeiden, Wörter wie „schwul“ als Schimpfwörter zu benutzen: „Sprache besitzt eine gewisse Macht. Wenn das den Menschen klar wäre, wären wir schon einen Schritt weiter.”

Dieser Artikel erschien in unserer Printausgabe vom 21. Januar 2019.

Hier findest du das gesamte Heft als PDF.

Schließen