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Vorgespielt: Kick & Kollaps
Dunkel Hell

Vorgespielt: Kick & Kollaps

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  • Wirecard, Schlecker und Merckle – Wie Männer Macht ausübten, Imperien aufbauten und gegen die Wand fuhren. Das ETA zeigt ein Theaterstück wie einen Wirtschaftskrimi: Bechtel und Böttcher lassen neu über die Wirtschaft und Moral denken.

Nach der Spielzeiteröffnung am 29.9. mit der Opernpremiere „Alessandro“, einer Koproduktion mit der Jungen Deutschen Philharmonie, folgte kürzlich am 01. Oktober die zweite Premiere, die Uraufführung von „Kick & Kollaps“, am E.T.A.-Hoffmann Theater in Bamberg. Kick & Kollaps? Von Fußball, Nervenkitzel bis zum Kreislauf lässt sich beim Titel erstmal an vieles denken. Und doch handelt das Stück von der Wirtschaft. Die Basis stellt dabei kein Buch oder fertiges Stück, sondern die raue Realität.

Der jüngste Kick, die Rallye an den Finanzmärkten, wurde in den letzten Tagen und Wochen mit den steigenden Zinsen ausgebremst. Auch der Kollaps ist auf dem Börsenparkett vorgeritten. Aktien, beispielsweise von Nike, Adobe oder Volvo und der Credit Suisse, fielen und immer mehr Unternehmen geraten unter Druck. Und auch in der börsenfremden Welt rumort es. Vom Toilettenpapierhersteller Hakle über den Bonbonhersteller Bodeta, mit seinen bekannten „Echten Eukalyptus Menthol Bonbons“, hagelt es Insolvenzen. Und wie schon bei der Oper „Alessandro“ am ETA handelt das Stück von Männern. Während „Alessandro“ Imperialisten zeigt, sind es bei „Kick&Kollaps“ Manager und Chief Officer von Unternehmen, mit spannenden Parallelen zur Wirklichkeit. Die einen kämpfen um neue Länder, die anderen um die höchste Rendite. Von einem Kick wird zum Nächsten gejagt. Aber was, wenn die Pleite vor der Tür steht? Und wieso wurden und werden die Warnungen nicht erkannt?

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In „Kick&Kollaps“ weben Bechtel (Regie und Text) und Böttcher (Text) die männerdominierten Wirtschaftskrimis von Adolf Merckle (2008/2009), Anton Schlecker (2012) sowie Markus Braun und Jan Marsalek (2020) zusammen. Übersetzt aus der Wirklichkeit, wird in das Stück auch Fiktives authentisch hinzugedichtet. Keine Sorge, Hintergründe zur Einordnung sind weiter unten angehängt. Merckle war zeitlebens nie in Wirecard investiert, tritt dennoch als Investor Reinhard aka Raffzahn Reinhard, an der Seite des Finanzdienstleisters, auf der Bühne auf. Alexander, diesmal nicht wie in „Alessandro“, als „Alexander der Große“, sondern mehr als „Alexander der Besessene“, erinnert mit seinem schwarzen Rollkragenpullover und Auftritt an Apple-CEO Steve Jobs. In der Realität kopierte Markus Braun bei Wirecard tatsächlich hin und wieder Jobs‘ Auftreten, Outfit und visionäre Worte. Umso authentischer, dass diese Parallele sich auch im Stück „Kick & Kollaps“ wiederfindet. Alexanders Frau Helga versucht ihren teilweise größenwahnsinnigen Mann regelmäßig auf den Boden der Tatsachen und Realität zurückzuholen.

V.li. Leon Tölle, Philine Bührer. Copyright: Martin Kaufhold

Bezug zur Wirklichkeit stellt die Rolle von COO (Chief Operating Officer) Sascha her. Hier wird der sich weiterhin auf der Flucht befindende Jan Marsalek dargestellt. Wirtschaftsjournalist*innen, wie Dan McCrum von FT (Financial Times) und vielen weiteren Medienhäusern glaubten jahrelang verbissen an die tatsächliche Wirklichkeit und nicht an die erfundene Wirecard-Realität. Im Stück werden diese durch eine namenlose Journalistin dargestellt, ebenfalls in einer Doppelrolle namens „Nova“ – sozusagen als Freundin von Sascha. Doch sind es vielleicht gar keine doppelt besetzten Rollen, sondern Rollenvielfalt, wie sie auch die Realität zeigt?
Im Stück findet sich das Publikum, dank der knapp 95 Minuten, fast in einem Kinofilm wieder. Die ersten Szenen erinnern an 2001, als plötzlich an den drei Bildschirmen im Studio im als „adult entertainment“ gekennzeichneten Macbeth-Porno eine Bezahlschranke erscheint und um die Daten der Kreditkarte gebeten wird. Die absichtlichen Parallelen zur Realität sind im Stück direkt erkennbar, insbesondere durch das markante Auftreten von CEO und COO auf der Bühne. Dank der digitalen Helfer war eine Abrechnung innerhalb von 30 Sekunden kein Problem. Und statt „adult entertainment“ wies die Kreditkartenrechnung beispielsweise unproblematische Einkäufe in Blumengeschäften aus.

Dann beginnt das Spiel. Wortwörtlich, denn ein an die Lebenswirklichkeit der Oberschicht angepasstes Monopoly-Brett liegt auf dem Tisch. Jedoch gibt es statt regulärer Straßen nur die Schlossalleen des Spiels. Mitspielen darf natürlich nur, wer Geld und kein Skrupel besitzt. Statt ins Gefängnis zu gehen, kann man einfach die bekannte Regel brechen und die Welt nach dem eigenen Rechtsempfinden gestalten – also zerreißt die Ereigniskarte kurzerhand. Das Publikum im Studio wird mitgenommen auf die Startup-Reise von einer Finanzierungsrunde zur Nächsten. Als Alexander und Sascha weiter expandieren und Kapitalgeber benötigen, springt Investor Reinhard ein. Im Laufe der Zeit nimmt die Unternehmung Fahrt auf, doch bei so viel Erfolg tauchen auch Kritiker auf.

„Wir taumeln durch die Wirklichkeit.“

Die Männer verlieren im Laufe des Stücks Stück für Stück ihren Verstand und Realitätssinn. So auch Alexander in seiner Verwandlung zu „Alexander dem Besessenen“, als er es sich bereits bequem auf seinem Thron macht, Fernglas in der Hand und Weitblick für mögliche Feinde. Währenddessen wird die Komplexität des Wirecard-Skandals in mundgroßen Häppchen serviert, an der Tafel die Übernahme der nicht fiktiven „ECP“, „E-CreditPlus“ erklärt, was jedoch mehrheitlich nur ein Schein- bzw. Kreisgeschäft darstellen soll. Millionen fließen, um andere Millionen fließen zu lassen. Schein- und Kreisgeschäfte bis ins Weltall.

V.li. Leon Tölle, Wiebke Jakubicka-Yervis. Copyright: Martin Kaufhold

Es wirkt abstrus, doch es ist alles traurige Realität. „Musil und DAX-Kurven sind toxisch.“, verkündet Sascha, während CEO Alexander auf Kissen liegend Musils „Den Mann ohne Eigenschaften“ liest und sich dabei die aktuellen Kurse seines Unternehmens ansieht. Reinhard verkörpert neben seiner Rolle als Investor auch zwischen den Zeilen die Seele der viele Kleinanleger und Shortseller in einer Person. Er erkennt die Misere und sieht ein, dass alles hin ist, denn die Kurse steigen, statt zu fallen und die Shortseller bluten: „Ihr Aufschwung ist unser Untergang.“ Ein Untergang, der wie in der Realität mit dem Tod von Reinhard endet.

„Alles stimmt, solange es geglaubt wird.“

Im Stück spiegelt sich die ausführliche Recherche von Jan Böttcher und Clemens Bechtel im Vorfeld wider. Böttcher feierte neben der Uraufführung des Stücks auch Premiere mit seinem ersten Theaterstück. Bisher veröffentlichte Böttcher vor allem Romane, jüngst im August sein sechstes Werk „Das Rosen-Experiment“ (Aufbau Verlag). Regie führte Clemens Bechtel, ein bekanntes Theatergesicht. Er wirkte bei „Kick & Kollaps“ auch inhaltlich mit und stellte seine Stärken bereits bei Inszenierungen wie „Staatssicherheiten“ – ehemalige Stasi-Häftlinge berichteten über die Stasi-Gefängnisse – oder bei „Cargo Fleisch“ – Doku-Theaterstück zum weltweiten Lebensmittelhandel – unter Beweis. Die Namen der Protagonisten und erwähnten Firmen wurden im Rahmen des Stücks verändert. Jedoch lassen sich, wer die letzten Monate und Jahre etwas aufmerksam verfolgte, schnell die Ähnlichkeiten zum Wirecard-Skandal erkennen. Einiges wirkt irr und abstrus, doch mit der Zeit wird klar: Das meinen die ernst.
Schauspielerisch wurde die Premiere der Uraufführung sehr gut umgesetzt und durch die jungen Talente gut besetzt. Text- und stilsicher spielten insbesondere das Macht-Trio um Alexander (Philine Bührer), Reinhard (Antonia Bockelmann) und Sascha (Wiebke Jakubicka-Yervis) ihre Rollen und die Dialoge authentisch und realistisch Anders als auf den ersten Bildern zum Stück, trugen nicht alle Businesswomen den schwarzen Anzug und Krawatte oder zogen die Zigarre aus dem Sakko. Das Stück umschiffte so klassische Klischees aus so manchen Spielfilmen zur Börse. Die Doppelrollen von Stefan Herrmann (Helga/Reinigungskraft) und Leon Tölle (Journalistin/Nova) erfüllten die Erwartungen in Bezug auf die Konzeption der jeweiligen Rollen. Wenngleich die gerade in der Wirecard-Thematik wichtige Rolle der Journalisten zu wenig Beachtung geschenkt wurde und stattdessen Leon Tölle auch die Doppelrolle mit Nova auslebt, statt eine noch stärkere Kritikerin zu spielen.

Der Textsprech wirkt für nicht wirtschafts- und börsenaffine anfänglich etwas abschreckend, wenn es mit Begrifflichkeiten wie CEO, COO, Shortseller und Ähnliches hagelt. das Publikum taucht schnell darin ein und gerät sofort ins Haifischbecken der Konflikte und Machenschaften und denkt sich: Das darf alles nicht wahr sein. Während in der realen Welt die Männer die Imperialisten, Eroberer, Vorstände im DAX (Frauenquote nur knapp zweistellig) stellen, sind im Stück die Rollen vertauscht. Männer sind Hausfrauen oder Reinigungskraft, während die Frauen fest im Spiel sind und das große Geld verdienen.

Das Bühnenbild passt zum Startup-Vibe und vieles erscheint neonmäßig. Es fehlen nur noch Kicker und Spielekonsole und man könnte sich wie in einem Startup fühlen. Die Bildschirme an den Wänden zeigen den frustrierten Porno-Betrachter und helfen mit Übersetzung der persischen und russischen Dialoge im Stück aus. Die Macbeth-Einbauten, ob am Anfang mit dem Porno oder der Darstellung Alexander als Wirecard-Heerführer Macbeth, wirken anfänglich etwas künstlich und gestellt. Warum ein Macbeth-Porno? Ernsthaft? Fließen dann jedoch mit Zitaten wie „Fair is Foul, and Foul is Fair“, sozusagen im Wirecard-Kontext als „Gerecht ist ein Verbrechen und ein Verbrechen ist gerecht“, in die Handlungen mit ein: der Aufstieg von Alexander und Sascha, ihrem Wandel zu Wirtschaftsmördern und weiteren Mordtaten sowie ihrem abrupten Fall.

V.li. Wiebke Jakubicka-Yervis, Philine Bührer. Copyright: Martin Kaufhold

Die Verwebung der Tragödie mit der Börsentragödie um Wirecard sind schlussendlich großartig kombiniert worden. Zumal auch Wirecard-Whistleblower Pav Gill, Hausjurist des Unternehmens in der Asien-Pazifik-Region, mit genau diesen Zeilen „Fair is Foul, and Foul is Fair“ zitiert wird. Zufall?

Fazit

Die Erwartungen an Wirtschaftsstücke sind hoch und noch höher, wenn das Stück derartigen Bezug zur Realität nimmt, wie es „Kick & Kollaps“ in den Beschreibungen im Vorfeld, sowie in den Dialogen das Publikum spüren lässt. Das Stück spielt dabei auch mit der Unwissenheit und Komplexität der Wirtschaftsgeschichten um Merckle, Schlecker und Wirecard – bekommt diesen Spagat, auch mit Blick auf die zeitliche Dimension der vier Männer und ihrer jeweiligen Wirkstätten sehr gut hin. Die Rolle von Reinhard als Investor für Alexander und Sascha ist zwar erfunden, aber nicht zu künstlich konstruiert, sondern passt sich harmonisch in den wilden, deutschen und bayerischen Startup-Kontext ein.
Und auch für den Theaterbesucher ohne wirtschaftlichen Hintergrund ist das Stück geeignet. Kein Interesse an der Oper Alessandro? Keine Sorge, das Werk ist auch (leider?) kein Umerziehungskurs für Hardcore-Kapitalist*innen. Denn statt dem erhobenen politischen Finger anderer Stücke, setzt das Stück mehr wichtige wirtschaftsethische Fragen auf die Tagesordnung. Was ist Ehrlichkeit, Vertrauen und Wissen in der Wirtschaft noch wert? Was dürfen Männer? Wie hat die Gesellschaft mit den persönlichen Kicks und der Gier umzugehen? Wie sollte mit dem (gesellschaftlichen) Kollaps von Unternehmen umgegangen werden? Der Gewinn wird privatisiert – Verluste soll der Sozialstaat abfedern (Beispiel „Schleckerfrauen“). Das Stück wirkt und sollte nicht nur für (angehende) Betriebswirt*innen zur Pflichtveranstaltung werden. Auch passt „Kick & Kollaps“ in das Thema der „Verwundbarkeit“ der aktuellen Spielzeit des ETA. Hier reiht sich das Stück auch mit Blick auf die gesellschaftlich fragwürdige Männerdominanz, behandelt in den Stücken wie „Alessandro“ oder „Zerstörte Straßen“ (Russischer Angriffskrieg in der Ukraine), ein.

Wer jetzt mehr erleben möchte, kann „Kick&Kollaps“ noch an folgenden Tagen im ETA erleben:

  • Sa, 15. Oktober 2022 um 20:00 Uhr im Studio, Einführung um 19:30 Uhr
  • So, 16. Oktober 2022 um 12:00 Uhr Kinotheatertag des Films „The Big Short“ im Odeon Kino in Bamberg. Mehrfach ausgezeichneter Börsenkrimi zur Weltwirtschaftskrise 2007 von Adam McKay, basierend auf dem Buch von Michael Lewis „The Big Short: Inside the Doomsday Machine“ mit Top-Besetzung um Brad Pitt, Ryan Gosling und Christian Bale, u.a.
  • Di, 18. Oktober 2022 um 20:00 Uhr im Studio, Einführung um 19:30 Uhr
  • Mi, 19. Oktober 2022 um 20:00 Uhr im Studio, Einführung um 19:30 Uhr
  • Fr, 25. November 2022 um 20:00 Uhr im Studio, Einführung um 19:30 Uhr
  • Sa, 26. November 2022 um 20:00 Uhr im Studio, Einführung um 19:30 Uhr (letzte Vorstellung!)
V.li. Wiebke Jakubicka-Yervis, Leon Tölle. Copyright: Martin Kaufhold

Zum Hintergrund

Anton Schlecker, einst jüngster Metzgermeister in Baden-Württemberg, baute sich ab 1967 ein Imperium mit der gleichnamigen Drogeriemarktkette auf. In den folgenden Jahrzehnten begann die europäische Expansion in Österreich 1987 und 1989 in Holland und Spanien. 1994 galt Schlecker als Marktführer und sein Drogerieimperium umfasste über 1.000 Filialen. Statt organisch, von innen heraus mit Eigenentwicklung neuer Märkte zu wachsen, setzte Schlecker auf Übernahmen. Bis 2006 wurden so mehr als 300 Filialen von anderen Unternehmen, Ende 2007 sogar mit „Ihr Platz“ eine ganze Kette von den Finanzinvestoren Goldman Sachs und Fortress Investment übernommen. Finanzkrise? Sie schien Schlecker nicht zu stören. Im Gegenteil. 2008 gab es dann bereits mehr als 14.000 Filialen mit knapp 50.000 Mitarbeitern und einen Umsatz von über sieben Milliarden Euro. Zwei Jahre später geriet das Schleckerland ins Wanken. Geschäftliche Probleme machten Schlecker zu schaffen und veranlassten das Unternehmen, hunderte Filialen zu schließen. Weitere Filialschließungen wurden auch 2011 angekündigt, ehe das Imperium 2012 in die Insolvenz schlitterte. Die Folgen hatten damals vor allem zehntausende sogenannte „Schleckerfrauen“ zu tragen.

Adolf Merckle erbte, ebenfalls 1967, von seinem Vater das Pharmaunternehmen Merckle und gründete wenige Jahre später im Jahr 1973 das Unternehmen Ratiopharm. Mit unternehmerischem Eroberungsgeist baute Merckle sein Imperium Stück für Stück weiter aus, so 1994 mit der Gründung des Pharmagroßhandels Phoenix. Auch in den 90er Jahren rief Merckle die Kreissparkasse Biberach zum Duell heraus, als er sich beim Pistenraupenhersteller Kässbohrer einkaufte. Gegen 1997 erfolgte die weitere Diversifizierung von Merckles Reich mit der Übernahme des Sachsenwerks, einem Hersteller von Mittel- und Hochspannungsmaschinen und weiteren ehemals DDR-Elektromaschinenhersteller. Nach der Jahrtausendwende übernahm er 2005 die Kontrolle beim Zementhersteller HeidelbergCement und hielt gewisse Zeit mehr als 75% der Anteile des börsengehandelten Unternehmens. Der Machtanspruch wuchs und wuchs. Bis 2006 steigerte Merckle seine Anteile am Pistenraupenhersteller Kässbohrer weiter auf knapp über 50 %. Kurze Zeit später siegte Merckle bei Kässbohrer und übernahm die Anteile der Kreissparkasse. Die Gier, trotz der sich am Horizont nähernden Finanzkrise, wurde nicht schwächer. Es ließ nicht lange auf sich warten und im Mai 2007 wurde die Übernahme des britischen Baustoffkonzerns Hanson durch HeidelbergCement für 14 Milliarden Euro angekündigt. Währenddessen fielen in den USA bereits reihenweise Subprime-Kredite (Kredit für Immobilien von Kreditnehmern mit (meist) geringer Kreditwürdigkeit) aus und erreichten den höchsten Stand der letzten Jahre. Finanziert wurde die Finanzschlacht vor allem mit Fremdkapital, was Merckle später noch teuer zu stehen kam, da eigene Aktien den Deal mitbesicherten. Auch die Gier von Merckle soll fatale Folgen mit sich gezogen haben. So soll Merckle 2008 beim Spekulieren mit Volkswagen-Aktien ca. eine Milliarde Euro verloren haben. Während der Finanzkrise rauschten die als Sicherheit hinterlegten Aktien dann in den Keller. Die Banken klopften an und wollten neue Sicherheiten sehen. Adolf Merckle lieferte private Sicherheiten, die reichten aber nicht aus. Das Imperium, wie schon bei Schlecker, geriet in schwieriges Fahrwasser. Merckle fühlte sich ohnmächtig und sah keinen Ausweg mehr für sein einst imposantes Lebenswerk, womit er zum fünftreichsten Deutschen aufstieg. Er nahm sich am 5. Januar 2009 das Leben. Noch im selben Jahr einigten sich die Banken zur Stabilisierung der Merckle Unternehmensgruppe. HeidelbergCement vollzog eine Kapitalerhöhung und entlastete die Schuldenlast von Merckles Firmenreich. Von knapp über 70 % sank der Aktienanteil an HeidelbergCement auf unter 25 %. Stück für Stück zerfiel das Reich, Ratiopharm und das einstige Merckle Pharmaunternehmen wurden später an die israelische Teva verkauft.

Das dritte Unternehmen im Bunde: Wirecard. Heute unvorstellbar, dass dieser kurze Vorgang am Anfang des Stücks im „adult entertainment“ oder in vielen weiteren Bezahlvorgängen im Internet, mehrere Stunden, Tage oder gar Wochen in Anspruch nahm. In den USA war zu der damaligen Zeit PayPal bereits ein Marktakteur, Deutschland steckte, wie bei so vielem in der Digitalisierung, noch in der Steinzeit fest. Glücklicherweise gab es damals das visionäre Wirecard, ein Technologieunternehmen, welches Deutschland die digitalen Kinderschuhe auszog. Wirecard hauchte über den großen Teich den Deutschen den technological spirit aus dem Silicon Valley ein und wurde lange Zeit als vorbildliches Tech-Unternehmen gelobt. Selbst Angela Merkel sprach sich während ihrer China-Reise 2019 für das bayerische Unternehmen aus. Am Ende war jedoch alles nur heiße Luft. Umsätze waren erfunden, Bilanzen gefälscht worden und viel Vertrauen zerstört. 1,9 Mrd. € fehlten zuletzt in den Büchern, sollten auf Trauhandkonten in Asien liegen. Davon gab es jedoch keine Spur. CEO Markus Braun musste abtreten, sein Kompagnon, Jan Marsalek, ist bis zuletzt weiter auf der Flucht. Es wird gemunkelt, er halte sich in Russland auf.

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