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Istanbul – Zwischen zwei Welten

Istanbul – Zwischen zwei Welten

Fünf Tage Istanbul: ein bisschen Abwechslung, ein bisschen Erholung vor dem Semester, ein bisschen Sonne vor dem Winter, und dabei die größte und wohl auch spannendste Stadt der Türkei kennen lernen, das war der Plan für den Kurzurlaub mit meiner Schwester.

Das erste, was wir nach einem Blick auf den Stadtplan lernten, war, dass man Istanbul nicht in fünf Tagen kennenlernen kann. Nicht einmal für einen Besuch im asiatischen Teil der Stadt hat die Zeit gereicht. Nichtsdestotrotz hatten wir großartige Tage und die Gelegenheit, einige wunderbare Orte zu besuchen. Die Hagia Sophia, fast 1500 Jahre alt, erst byzantinische Kirche, dann osmanische Moschee und heute ein Museum. Die blaue Moschee mit ihren sechs Minaretten, riesengroß und überreich geschmückt. Den Topkapi-Palast mit seinem prachtvollen Blick über den Bosporus und dem verwinkelten Harem, in dem früher gerne 500 Frauen und Kinder des Sultans abgeschieden von der Außenwelt lebten. Der Dolmabahçe-Palast direkt am Meeresufer, der von außen betrachtet auch in Frankreich stehen könnte, während man innen vom Glanz des osmanischen Thronsaals geblendet wird.

Touristenidyll Hagia Sophia. Foto: Jana Vogel
Touristenidyll Hagia Sophia. Foto: Jana Vogel

Zwischen all diesen Monumenten haben wir uns durch die Straßen und Gassen der Stadt treiben lassen und dabei gelernt, wie sehr Istanbul doch eine Stadt zwischen zwei Welten ist, der muslimisch-orientalischen und der westlich-okzidentalen. Fünf Mal am Tag erklingen die singenden Rufe der Muezzins mit Lautsprechern verstärkt von den Minaretten herab, während man sich selbst zwischen verschleierten Frauen und teetrinkenden Männern durch die engen Gassen der Basare in der Altstadt schiebt. Dann steht man plötzlich auf dem weiten Taksim-Platz, wo 2013 tausende Menschen gegen die zunehmend autoritäre Regierung von Präsident Erdogan und für mehr Demokratie demonstrierten. Oder man schiebt sich von dort die breite Einkaufsstraße hinunter, wo europäische und asiatische Markenläden sich mit Bars und Kneipen abwechseln und kaum eine Frau auch nur ein Kopftuch trägt. In wenigen Vierteln der 14-Millionen-Einwohnerstadt sieht man unzählige Facetten der modernen Türkei vereint.

Foto: Jana Vogel
Istanbul Skyline. Foto: Jana Vogel

Istanbul ist allerdings auch eine sehr touristische Stadt – und keine für schwache Nerven. Gerade als Europäerin (idealerweise mit blonden Haaren), kann man nicht durch die Straßen gehen, ohne von jedem einzelnen Kellner der unzähligen Lokale mit ihren immer fast gleichen Speisekarten angesprochen zu werden: „Hello, how are you? Where are you from? Here’s your table, sit down. How can I help you?“, schallt es einem entgegen und manchmal möchte man den Männern nur noch empfehlen, dass einzig ihr Schweigen hilfreich wäre. Das bizarrste Erlebnis passierte an unserem letzten Tag mittags, als uns in einer belebten Gasse zwei junge Männer mit den Worten „I love you“ abrupt in den Weg traten. Manchmal können all diese Ansprachen aber auch recht nützlich sein: Wenn man sich tatsächlich überreden lässt, die Karte anzusehen und etwas kritisch die Preise beäugt, bekommt man ganz schnell großzügige Vergünstigungen oder Tee und Desserts aufs Haus. Das Essen in Istanbul ist ohnehin nicht besonders teuer – auch wenn wir keine einzige der in jedem Reiseführer gerühmten Lokantas mit ihrem Mittagstisch für die Einheimischen finden konnten – für sechs Euro ist fast immer ein Hauptgericht zu bekommen. Nur Vegetarier sollte man nicht unbedingt sein.

Neben den Restaurants sind auch die Basare eine Fangstätte für unsichere Touristen, die dort Gewürze, Tees, Schals und osmanische Lampen von tausend Händlern erwerben können. Die Preise ebenso wie die Produkte sind auf wundersame Weise an jedem Stand die gleichen, und angesichts der Masse an interessierten Touristen kann man selbst mit Feilschen kaum Nachlass erreichen. Hier sind es aber nur ein paar Schritte in die sich außen anschließenden Gassen, um im türkischen Teil des Basars zu stehen. Plötzlich werden nicht mehr Schmuck und Souvenirs, sondern Handtücher, Elektrogeräte und Kleidung verkauft. Die Häuser wirken heruntergekommen, ein Netz aus losen Kabeln spannt sich über die Gassen und provisorische Dächer aus überdimensionalen türkischen Flaggen sind als Sonnen- und Regenschutz über den Köpfen befestigt. Um einen herum feilschen die Einheimischen, und man wird endlich nicht mehr von jedem Verkäufer angesprochen. Genauso angenehm ist aber manchmal auch die Ruhe vor den Touristen. Man kann in Istanbul nicht mehr durch die Stadt gehen, ohne irgendwem im Weg zu stehen, der verzweifelt und fünf Minuten lang die perfekte Pose für das Selfie mit dem Selfie-Stick sucht. Selbst Araberinnen in Burka, bei denen man kaum die Augen sehen konnte, beteiligten sich am neuen Volkssport der Touristen. Als wir abends nach fast einer Stunde Warteschlange endlich oben auf dem Galata-Turm ankamen, um von dort die Aussicht über die ganze Stadt zu genießen, wurde man in den Bemühungen um das beste Gruppenselfie mit Hagia Sophia im Hintergrund fast schon brutal gegen das Geländer gepresst. Mehr als eine halbe Stunde brauchten wir, um den wenige Meter dicken Turm einmal zu umrunden.

Wem das alles nach ein paar langen Tagen mit wunden Füßen zu viel wird, dem sei ein Ausflug auf die Prinzeninseln ans Herz gelegt. Kaum zwei Euro kostet die gut eine Stunde dauernde Überfahrt mit der Fähre auf die kleine Inselgruppe, die vor der asiatischen Küste Istanbuls liegt. Autos sind dort verboten, und so bewegt man sich plötzlich in einem kleinen Paradies mit Kiefernwäldern, Pferdedroschken, viktorianischen Villen und atemberaubender Aussicht auf Istanbul, die Inseln und das Marmara-Meer. Auf der Insel Büyükada haben wir dann auch eine der gastfreundlichsten Begegnungen des Urlaubs gemacht: Abends auf dem Rückweg zum Hafen spazierten wir durch das wunderschöne Villenviertel und fotografierten die prachtvollsten Häuser, als uns plötzlich ein freundlicher älterer Herr herbeiwinkte. Er öffnete das Gittertor zum Garten, damit wir ohne störende Stangen fotografieren konnten, lächelte und gestikulierte in Türkisch und drückte uns noch eine Blume aus dem Garten in die Hand, bevor er im Haus verschwand. Auch so kann Istanbul sein, wenn man sich die Zeit nimmt, die Stadt kennen zu lernen.

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