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Unter freien Himmeln
Dunkel Hell

Unter freien Himmeln

Es ist schön morgens: Wenn du die Vögel zwitschern hörst, den Sonnenaufgang siehst, aus deinem Schlafsack kriechst und der Tau ist neben dir.“ Was für den normalen Bürger nach Campingurlaub klingt, ist für Eric Koppe – „Koppe, wie Schneekoppe, nur ohne Schnee“ – Alltag. Der 52-Jährige gehört seit einem halben Jahr zu den etwa 120 Obdachlosen Bambergs. Sein Leben spielt sich auf der Straße ab. Alles, was er braucht, passt in circa 60x30x20 Zentimeter Stoff. Zum Schlafen geht er in den Hain. Wenn er Glück hat, kommt er auch mal bei Bekannten unter. Essen kriegt er in der Wärmestube. Eric weiß, wie man auch ohne geregeltes Einkommen und ohne Namen auf einem Klingelschild überlebt. Einfach ist das nicht. Trotzdem hat er sich sein Gefühl für die Schönheiten der Welt bewahrt: Fast romantisch spricht er von zwitschernden Vögeln, taubedeckten Wiesen und Sonnenaufgängen. Dabei haben verregnete Februarnächte im Freien bei Temperaturen knapp über Null wenig mit Romantik zu tun.

Eric weiß, wie man auch ohne geregeltes Einkommen und ohne Namen auf einem Klingelschild überlebt

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Aber Eric weiß auch, wie es ist, ein warmes Bett und eine eigene Wohnung zu haben: Nach seinem Schulabschluss führt der gebürtige Düsseldorfer als gelernter Koch und zweiter Geschäftsführer die Kneipe Alt Berlin auf Sylt. Die vier Jahre dort gehören zu den besten seines Lebens: „Es war ’ne geile Zeit. Man lernt, wie man Verantwortung übernehmen und weitergeben kann.“ Er hat geregelte Arbeitszeiten und ein sicheres Einkommen, eine Wohnung. Was ihn von dort nach Bamberg und später auf die Straße bringt, ist die Liebe: Im Alt Berlin lernt er eine Touristin kennen. Sie kommt aus der Bamberger Region, wird seine Freundin und sagt: „Pack’ deine Klamotten. Wir fahren jetzt nach Bamberg. Ich hab’ einen Job für dich und ’ne Wohnung auch.“ Als sie nach einigen Jahren stirbt, beschließt er dennoch zu bleiben – Bamberg ist jetzt seine Heimat. Es folgen weitere Beziehungen, aber keine ist für die Dauer gemacht. Eine seiner Exfreundinnen zeigt ihn an und wirft ihn aus der gemeinsamen Wohnung. Es braucht nicht viel für den sozialen Absturz: Eric fängt an zu trinken, verliert seine Arbeit und findet keine neue. „Ohne Wohnung kein Job, ohne Job keine Wohnung“, meint er. Ein Teufelskreis, der nur schwer zu durchbrechen ist.

So führt sein Weg zum Treffpunkt Menschen in Not – einer Wärmestube in Bamberg. Hier bekommt er eine warme Mahlzeit und Proviant für den Tag, hier kann er duschen und sich an kalten Tagen aufwärmen. Außerdem trifft er auf Leute mit ähnlichem Schicksal. Denn die Wärmestube ist auch ein Ort, um die Einsamkeit zu vertreiben. Viele der Leute, die dort zusammenkommen, sind laut Peter Klein, dem Leiter des Treffpunkts, aufgrund psychischer Probleme in die Wohnungslosigkeit gerutscht. Doch nicht jeder besitzt die Kraft und den Mut, etwas an der eigenen Situation zu ändern. Je länger die Obdachlosigkeit andauert, desto unwahrscheinlicher ist es, dass die Betroffenen wieder in ein geregeltes Leben zurückfinden. Und je länger ein Mensch auf der Straße lebt, desto schlechter entwickelt sich sein gesundheitlicher Zustand. Die meisten Obdachlosen werden nicht viel älter als 60 Jahre. Wenn sie nicht ins Pflegeheim kommen, findet auch das Sterben auf der Straße statt.

Doch Eric ist optimistisch, dass er den Absprung weg von der Straße rechtzeitig schafft. Eine Wohnung, sagt er, habe er bereits in Aussicht. Und vielleicht klappt es dann auch mit einer festen Anstellung: „Ich hab’s immer geschafft. Es gibt Höhen und Tiefen. So ist das Leben.“

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