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Wie wird man Aktivist?

Wie wird man Aktivist?

Luca Rosenheimer ist 20 und eigentlich Student. Doch seine Hauptbeschäftigung ist eine andere: Er ist Aktivist bei Fridays for Future. Jeden Tag hat er Termine und bereitet Treffen vor. Mit Politikern wie dem bayerischen Umweltminister diskutiert er so selbstsicher wie mit Freunden. Wie wird man so?

Foto: Rebecca Ricker

Es ist Freitag kurz nach zwölf. Die Sonne knallt. Über 1000 Schüler ziehen mit Plakaten durch die Bamberger Luitpoldstraße – mit dabei Luca. Er ist fast zwei Meter groß, trägt ein schwarzes Hemd und hat sich eine Regenbogenflagge umgebunden. Auf seiner Nase sitzt eine Brille, deren Rahmen er schon mehrmals mit Kleber repariert hat. Er brüllt in ein Megafon. Seine tiefe, laute Stimme übertönt die anderen Rufe: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“. Lucas Stimme bricht, er räuspert sich kurz und schreit weiter. Woher kommt dieses Durchhaltevermögen?

Die Anfänge: Flüchtlingshilfe

Luca erzählt seine Geschichte so: Vor 2015 guckte er Nachrichten, diskutierte mit Freunden über Politik, mehr machte er politisch nicht. Stattdessen engagierte Luca sich als Jugendleiter bei Konfirmations‐Wochenenden und war Schülersprecher. Als Flüchtlinge in der Turnhalle seiner Schule unterkamen, gab es ein Koordinierungstreffen mit Vertretern des Landrats, der Stadt und der Schule. Ein Sportlehrer regte sich darüber auf, dass die Schüler nicht mehr in die Sporthalle konnten. Die Menschen in der Turnhalle waren vor Krieg geflohen und Traumatisches hatten erlebt, doch das war kein Thema mehr. Luca war schockiert, dass nur noch die, aus seiner Sicht, eigenen, banalen Probleme diskutiert wurden. Er war wütend und habe das nicht akzeptieren können. Luca wollte etwas tun. Von da an begleitete er Flüchtlinge zum Arzt, organisierte Freizeitangebote und koordinierte die Hilfe der Schüler.

Ein Lernprozess: Grüne Jugend

Im November 2017 trat er in die Grüne Jugend in Fürstenfeldbruck bei München ein. Besonders einprägsam waren die Workshops auf den Landesjugendkonferenzen. Statt betagten Professoren waren es junge Grüne, die sie leiteten. Statt PowerPoint Präsentationen gab es weiße Plakate, die in Zusammenarbeit mit den etwa 25 Teilnehmern, meist zwischen 16 und Anfang 20 Jahre alt, gefüllt wurden. Luca hatte auch davor Grundwissen über die Klimakrise, aber beschäftigte sich nur mit aktuellen Problemen, nicht mit den Ursachen oder langfristigen Folgen. Dort lernte er Zukunftsszenarien kennen, die ihm Angst machten. Wie wird die Erde aussehen, wenn wir einfach so weiterleben? Statt nur aktuelle Probleme zu bekämpfen, so verstand er, müsste man die Probleme im Kern angehen und die Ursachen beheben.

Und genau davon will er heute sprechen. Der Bahnhofsplatz ist gefüllt mit Schülern mit selbst gemalten Plakaten, Studenten und einigen älteren Leuten, Greenpeace Aktivisten. Dort beginnt wie immer die Fridays‐for‐Future‐Demonstration. Früher bekam er Schnappatmung, wenn er nervös wurde. Heute merkt man ihm die Aufregung nicht mehr an. Er hat keinen Stichwortzettel.

Bei der Grünen Jugend lernte Luca politische Techniken wie das sogenannte Framing kennen: „Es ist wichtig, dass es nicht nur eine Bewegung für Klimagerechtigkeit gibt, sondern man auf verschiedenen Ebenen arbeitet. Ende Gelände zum Beispiel geht radikaler vor, mit Forderungen wie dem sofortigen Kohleausstieg und der Besetzung von Tagebaustätten. Wir von Fridays for Future begehen durchs Schule Schwänzen zivilen Ungehorsam und fordern den Kohleausstieg bis 2030. Wenn es Ende Gelände nicht gäbe, würde das als unrealistisch abgestempelt werden. Und durch Gruppen wie Fridays for Future werden die Forderungen der Grünen als realistisch akzeptiert.“

Selber aktiv: Volksbegehren Artenvielfalt

Luca engagiert sich seit seinem Studiumsbeginn auch in Bamberg politisch und wand sein neues Wissen an. Er gründete mit Anderen die Grüne Jugend Bamberg. Sie unterstützten die Partei im Landeswahlkampf und verteilten Flyer. Luca hatte einen oder zwei Termine pro Woche. Mit dem Volksbegehren Artenvielfalt „Rettet die Bienen“ wurde der Aufwand mehr. Zuvor war Luca oft mitpolitischem Aktivismus frustriert. Viele Gruppen wollen den Klimawandel bekämpfen, meist seien sie aber untereinander zerstritten. Bei dem Volksbegehren Artenvielfalt war es anders: Allein in der Bamberger Ortsgruppe waren über 100 Menschen. Sie kamen aus unterschiedlichen Gruppen und Parteien und arbeiteten zusammen, ohne ihre Organisation in den Vordergrund zu drängen. Das Volksbegehren war erfolgreich. Das motivierte Luca. Er hatte Banner aufgehängt und Aufrufe zum Volksbegehren mit Kreide auf die Straße gemalt. Und er wollte mehr machen.

Nach seiner Rede heizt Luca die Menge für den Zug durch Bamberg auf und singt ins Mikro: „Wer nicht hüpft der ist für Kohle, hey oh hey“. Die Menge auf dem Platz singt und hüpft, jeder unterschiedlich hoch und fast keiner im Takt. Luca ruft ins Mikro und auch die letzten Demonstranten hören seine Stimme. Er bittet darum, den Anweisungen der Polizei und der Ordner zu folgen. Die Menge setzt sich in Bewegung. Die Demonstranten laufen durch die Luitpoldstraße, die lange Straße über den Grünen Markt zum Maxplatz. Viele Passanten und Anwohner beobachten den Zug. Luca stimmt einen neuen Gesang ein: „Leute lasst das Glotzen sein, reiht euch in die Demo ein.

Tim‐Luca Rosenheimer ist der Leiter der Fridays‐for‐Future‐Gruppe in Bamberg. Foto: Rebecca Ricker

In einer Führungsposition: Fridays for Future

Zu diesem Zeitpunkt, Anfang Januar, trat Luca in die neu gegründete WhatsApp Gruppe von Fridays for Future Bamberg ein. Es gab nur fünf andere Teilnehmer, später wurden es 30. Luca schlug vor, eine Demo zu organisieren, aber nur wenige reagierten.  Doch plötzlich wuchs die Gruppe schlagartig. Innerhalb von drei Tagen traten fast 600 weitere Mitglieder ein. Jetzt schlugen viele vor, eine Organisationsgruppe zu bilden und Demonstrationen zu veranstalten. Anfangs bildeten sich etwa sechs Leute als Leitung der Ortsgruppe heraus. Nach einigen Demonstrationen lag aber immer mehr Verantwortung bei ihm.

Ein Mädchen aus der Orga‐Gruppe kommt zu Luca. Er beugt sich weit runter, um sie zu umarmen. Er lacht. Luca ist der Typ Mensch, der auch über eine langweilige Anekdote lacht, damit sich der andere wohl fühlt. Das Mädchen fragt ihn nach den Lautsprechern, die nicht laut genug sind. Luca hievt den Lautsprecher auf seine Schulter, während die nächste Rede beginnt.

Diese neue Position war für Luca ein großer Lernprozess: Wie designt man Flyer? Wie organisiert man eine Bühne? Was muss man machen, damit eine Demo cool wird?

Fast jeden Tag sitzt Luca mittlerweile in der Glasbibliothek oder zu Hause um zu arbeiten. Im Hintergrund läuft fast immer eine Doku. Er meldet die neuen Demos an, schreibt Pressemitteillungen, erstellt Statistiken und Tagesordnungen oder postet auf dem Instagram Account der Bamberger Fridays‐for‐Future‐Gruppe.

Eine wichtige Erkenntnis war, dass man möglichst viele Teilnehmer in die Organisation miteinbeziehen muss. „Am Anfang waren nur zwei oder drei Leute für eine Demo verantwortlich, aber die Orga‐Treffen wurden langweilig. Dann kommen die Leute nicht mehr. Wenn sie aber, wenn auch nur niedrigschwellig, mit einer Aufgabe eingebunden sind, dann fühlen sie sich als Teil der Bewegung.“

Diese Erfahrungen haben Luca viel Selbstsicherheit gegeben. Luca berichtet, er habe gesehen wie Jugendliche durch ihr Wissen Diskussionen mit Politikern gewannen. „Das fand ich einfach witzig und dachte, dass ich das dann auch können müsste.“ Bei der Jugendklimakonferenz, einer Veranstaltung des bayerischen Umweltministeriums, Ende März in Erlangen sah er seinen Eindruck bestätigt. „Man muss keine Angst haben, die Politiker haben oft viel weniger Ahnung als wir von dem Thema. Der bayerische Umweltminister konnte bei der Konferenz mit unseren Fragen gar nicht umgehen“, sagt Luca.

Getrud Leumer ist seit den 80er Jahren bei den Grünen aktiv. Foto: Rebecca Ricker

Aktivismus früher und heute

Die 56‐jährige Bio‐Gärtnerin und Grünen‐Aktivistin Gertrude Leumer hat ähnliche Erfahrungen wie Luca gemacht: „Man rutscht automatisch in Positionen mit mehr Verantwortung.“ Leumer half Anfang der 80er Jahre im Alter von 17 Jahren bei der Gründung der GAL (Grüne Alternative Liste) in Bamberg mit. Seitdem ist sie durchgängig politisch aktiv. Leumer hat ähnlich wie Luca zunächst Flugblätter verteilt und ist später in Führungspositionen gekommen. Sie war im Vorstand der Grünen in Bamberg und mehrere Male im Stadtrat. „Selbst im Vorstand kann man gar nicht so viel falsch machen, man lernt es eben dabei.“

Leumer hat wie Luca vieles aus Verantwortungsbewusstsein gemacht. Es gehe nicht um Selbstverwirklichung, es müsse einfach so viel getan werden. „Wer macht es, wenn nicht man selbst?“

Gleichzeitig leben die heutigen Klimaaktivisten in einem anderen Gesellschaftsklima als zu ihrer Jugend. „Man wurde als ‚grüner Spinner‘ oder ‚Kommunist‘ bezeichnet. Ich habe oft ‚Geh doch nüber‘, also in die DDR, hören müssen.“, berichtet Leumer. „Wir haben uns anders angezogen und äußerlich schon erkannt.“ Luca hingegen trägt schwarze Hemden. In Leumers Jugend grenzten sich die Aktivisten bewusst ab, Luca benutzt Worte wie „Systemabwandel“.

„Frühere Demonstrationsbewegungen wie die 68er wandten sich fundamental gegen frühere Generationen und deren Gesellschaftsbild. Den Fridays for Future Aktivisten geht es um ein spezielles Thema und um den Vorwurf, dass die Älteren nicht genug machen.“, erklärt Jürgen Helbling, Professor für politische Soziologie an der Universität Bamberg. Die heutige Protestbewegung sei mehr in der Mitte der Gesellschaft zu finden. „Jede Genration nach dem zweiten Weltkrieg hatte mehr Wohlstand und war damit auch postmaterialistischer geprägt als die vorherige Generation. Auch bei den Eltern der heutigen Demonstranten war Umweltschutz schon ein Thema.“

Das Internet hat die Formen von Aktivismus fundamental geändert. Zum einen gibt es das Phänomen des Clictivism, die Demonstranten machen nur einen kleinen Teil der Sympathisanten aus. Laut Helbling bestehe der Aktivismus der meisten darin, sich zu informieren und Online‐Petitionen zu unterzeichnen. Die Demonstranten selbst nutzen das Internet als Influencer. Einen Hype zu erzeugen, ist eine Methode des modernen Aktivismus. Mit Hilfe des Internets können sich die Gruppen besser koordinieren. Die Gegner machen aber das Gleiche. Anders in Leumers Jugend: „Diskussionen um Atomkraft waren nicht oft in den Medien, für viele war das nur ein Randthema. Unsere Gegner waren vor allem die Politiker. Wir mussten nur selten mit Leugnern der Gefahren von Atomkraft kämpfen.“

Eine Besonderheit der Fridays‐for‐Future‐Bewegung ist das Alter der Aktivisten. „Ich war mit 17 schon eine der Jüngsten und die wirklichen Macher waren dann noch zehn Jahre älter“, erzählt Leumer. Luca erklärt das mit den neuen Möglichkeiten des Internets: „Man kann sich einfach ein paar Stunden hinsetzen, Fakten zum Klimawandel und Wissen, wie man mehr Leute erreicht, anlesen.“

Für die Zukunft sind Leumer, Helbling und Luca skeptisch. Wird der Hype anhalten? Entwickelt sich aus Fridays for Future eine langfristige soziale Bewegung? Werden in der Politik schnell genug Änderungen beschlossen? Dennoch ist Luca für sich zufrieden: „Fast meine ganze Energie stecke ich gerade in das Thema Klimagerechtigkeit. Ich tue so viel, wie ich kann.“

 

 

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