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Lies Mich: Jäger, Hirten, Kritiker

Lies Mich: Jäger, Hirten, Kritiker

„Die Zukunft kommt nicht, sie wird von uns gemacht!” Unter dieser Einsicht steht Richard David Prechts Bestseller „Jäger, Hirten, Kritiker: Eine Utopie für die digitale Gesellschaft”. Precht ist ein zeitgenössischer Philosoph, der mit seiner Gesellschaftskritik auch Nicht‐Philosophen erreicht. In seinem neuesten Werk hebt er den Blick über Alltägliches und schaut in die Sterne. Was er sieht, bewegt sich zwischen Verheißung und Bedrohung, Utopie und Dystopie.
Foto: Ricarda Wingler

Precht analysiert die Entwicklungen des Jahres 2018: Digitalisierung, Automatisierung und Künstliche Intelligenz, auch bezeichnet als die Vierte Industrielle Revolution. Er spinnt diese weiter und beantwortet existentielle Fragen: Wie reagieren wir auf die Digitalisierung? Wie wird sich die Arbeitswelt verändern? Und was, wenn eines Tages tatsächlich niemand mehr arbeiten muss? Denn eines setzt Precht voraus: Die Digitalisierung wird Arbeitsplätze kosten, und zwar viele. Nun stellt sich die Frage, wie wir damit umgehen sollten.

Denn Prozesse kann man nicht aufhalten, aber man kann sie gestalten. Man muss es sogar, denn um die Zukunft zu verbessern, müssen wir jetzt etwas ändern. Doch laut Precht fehlt unserer Politik die philosophische Brille, um das zu erkennen.

Er beginnt mit einer dystopischen Vorhersage. Wenn die aktuellen Entwicklungen nicht gebremst werden, würden sie in Extreme ausarten und die Welt in einem Horrorszenario enden. Precht beschreibt eine kleine Bildungselite, die die Welt programmiert und alle Erträge einsackt, während das Gros der Bevölkerung verarmt und faul und ungeduldig darauf wartet, bespaßt zu werden. Es gäbe einen Kulturverlust und Menschen würden zu Usern verkommen, von deren Daten riesige Digitalkonzerne profitieren. Die Werte der Aufklärung würden vernachlässigt: Durch die Preisgabe von Daten wird der Einzelne manipulierbar und entfernt sich dadurch vom Ideal der Mündigkeit, selbstbestimmt und vernunftgeleitet zu leben.

Es ist eine verrückte Welt, die er beschreibt: voller Hologramme (in den Raum projizierte, dreidimensionale Lichtbilder), Tracking‐ und Überwachungssysteme. Geschäfte ändern je nach Zahlungsfähigkeit des Kunden die Preise, selbstfahrende Autos kommen gefahren, wenn man sie braucht. Die Frage, mit der Precht an uns Leser appelliert, ist, ob wir diese Dystopie wirklich wollen.

Hier stellt Precht die große Frage nach der Sinnhaftigkeit menschlichen Lebens.”

Es ginge nämlich auch anders. Prechts Gegenentwurf ist eine rosige Zukunft, die Utopie schlechthin, in der wir uns die Digitalisierung zu Nutze machen, indem wir sie bändigen. Die bürgerliche Leistungsgesellschaft, wie wir sie kennen, gibt es in dieser Utopie nicht mehr. Da Maschinen den größten Teil der Wertschöpfung übernehmen, sind die Massen arbeitslos. Das ist aber kein Problem, denn es sind nur die langweiligen, monotonen Jobs, die wegfallen. Und ist mehr Freizeit nicht das, was sich alle wünschen? Hier stellt Precht die große Frage nach der Sinnhaftigkeit menschlichen Lebens, die seit jeher darin lag, das materielle Auskommen zu sichern. Ist der Mensch überhaupt in der Lage, seinem Leben von innen heraus einen Sinn zu geben? Prechts Antwort: Ja, natürlich. Es wäre sogar die Erfüllung eines Menschheitstraums, denn bereits die Antike hat das kultivierte Nichtstun zum Ideal erhoben. Und ist das nicht ohnehin die menschlichste Form des Lebens? So könnte jeder ohne Zwang und nach Belieben Jäger oder Hirte oder Kritiker sein.

Precht deckt viele verschiedene Themen ab und lässt nebenbei staatsphilosophische Weisheiten und kluge Sprüche fallen. Er schreibt anschaulich und benutzt eine leuchtende Bildsprache, ist aber auch überdeutlich, seine Formulierungen harsch und phasenweise übertrieben. Mich hat am tiefsten beeindruckt, wie es ihm gelingt, mich zum Nachdenken über mein Handeln zu bringen. Denn: Die Zukunft kommt nicht, sie wird von uns gemacht.

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