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„Jetzt übertreib doch nicht!“ – Die Abwertung der Kritik von FLINTA* als lebensfeindliche Haltung

„Jetzt übertreib doch nicht!“ – Die Abwertung der Kritik von FLINTA* als lebensfeindliche Haltung

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Eine Mindmap mit verschiedenen Begriffen zum Thema Kritik
FLINTA* müssen immer damit rechnen, dass ihre Kritik abgewertet, ihr Inhalt als Übertreibung, nicht angemessen oder einfach für nichtig erklärt wird. Doch woher kommt diese vernichtend- kritische Haltung gegenüber der Kritik? Weshalb wird die Kritik von FLINTA* anders bewertet als die Kritik des weißen Mannes? Und warum ist diese Haltung lebensfeindlich? Der folgende Essay  versucht, Antwort zu geben.

Dieser Artikel ist Teil der Reihe „Wutentbrannt – FLINTA zwischen Ärger und Antrieb”, in der wir Wut und die unterschiedliche Wahrnehmung von Wut bei Frauen*, Lesben und intersexuellen, nicht binären, trans und agender Personen (FLINTA*) im Vergleich zu cis Männern beleuchten.

Eine Anekdote zum Einstieg…

Einst saß ich im ICE und lauschte dem Gespräch zwei junger Männer. Vielleicht war es die Langeweile, die mich dazu trieb. Vielleicht hat es aber auch an der Lautstärke des Gesprächs und an der zu mir herüber schwappenden Atmosphäre der Aufgebrachtheit gelegen, die mich zum Spitzel werden ließ. Die Vehemenz ihrer Ansichten und das Hin und Her der gegenseitigen Bestätigung faszinierte mich. Mit erstaunlicher Virtuosität steigerten sie sich in ihren Hassreden über eine Arbeitskollegin, die ihrer Meinung nach „einfach immer übertreibt.“ Ihre Kritik am Umgang miteinander auf dem Arbeitsplatz wurde als eine Nörgelei dargestellt, die keinen ersichtlichen Grund habe, außer vielleicht der diabolischen Eigenart eines “Frauenzimmers”, allen in ihrer Umgebung die Laune verderben zu müssen. Das Gespräch machte mich stutzig. Wie kommt es, dass die Übertreibung, die angeblich unangemessene Kritik ihrer Arbeitskollegin, also das Falsche, ja eigentlich dann doch Irrelevante, so sehr die Aufmerksamkeit zu erregen schien, dass die Herrschaften eine geschlagene halbe Stunde damit zu brachten, ein Paradebeispiel für Lästerei abzuliefern? Für mich folgt daraus, dass die Kritik der Arbeitskollegin etwas berührt haben muss. Aber was?

Kritik als lebendiges Prinzip

Ehe ich darauf eingehe, möchte ich auf den paradoxen Umgang der Herren mit der Sichtweise ihrer Arbeitskollegin eingehen. Sie kritisieren die Kritik. Ihre Haltung ist anti-kritisch: Sie wollen nicht, dass jemand sie kritisiert. In dem sie kritisieren, sprechen sie sich gegen das Kritisieren aus, das ist das Paradoxe daran. Es ist auch äußerst ignorant gegenüber sich und Welt. So ist Kritik an etwas zu üben oder diese zu erfahren eine alltägliche Erfahrung. Insbesondere wenn es um ihren Anfangspunkt geht: Das Bemerken eines Widerstandes. Man merkt, dass man mit etwas nicht einverstanden ist, dass es nicht passt. Etwas reibt sich aneinander. Manchmal steigert sich diese Erfahrung in ein Sich-über-etwas-Aufregen und ist mit dem Gefühl der Wut verknüpft. Gerade heutzutage scheint es, als würden wir in einer besonders wütenden Gesellschaft leben, wenn man Plattformen wie Twitter betrachtet, die einstweilen wie wahre Schlachtfelder wirken. Man muss sich aber nicht erst in die Gefilde der digitalen HB-Männchen, (eine Figur aus der Zigarettenwerbung, die vor lauter Aufregung förmlich explodiert, Anm.d.R.) begeben, um das Phänomen des Kritisierens zu entdecken. Es reicht ein Blick in die eigene Vergangenheit, eine Erinnerung an die Momente des Trotzes. Das Kind, welches unfairerweise in die Schule muss, statt spielen zu dürfen.  Das Aufbegehren im Teenageralter gegen die elterlichen Vorschriften. Die Kritik gehört zum Leben wie die Luft zum Atmen. Leben ist Veränderung und die Kritik, deren Ausgangslage es ist, von etwas angeregt zu werden, indem man einen gewissen Widerstand erfährt, ist ihr Motor. Veränderung bedeutet auch, dass es anders sein kann, als es gegenwärtig ist. Dies ist der Kern der Kritik. Damit ist Kritik zu üben auch eine Art zu wachsen. Es macht uns zu lebendigen Wesen. Würden wir davon ausgehen, dass alles bleibt, wie es ist, käme es einem starren Nichts gleich. Wenn wir uns von nichts mehr anregen ließen, würden wir blind, taub und stumm gegenüber der Welt werden, den Bezug zum Außen und damit auch zu uns selbst verlieren. Es wäre kein Leben, es wäre der Tod.

Wer darf kritisieren?

Und doch kommt es vor, dass es Menschen gibt, die gegen das Kritisieren sind. Personen, die wollen, dass andere Personen doch bitte ihre Klappe halten. Insbesondere dann, wenn es sich dabei um FLINTA* handelt. Dies führt zur Frage, wer kritisieren darf und wer nicht. Wer darf wütend sein? Wer übertreibt nur? Auch hierzu möchte ich eine Anekdote erzählen, diesmal jedoch aus dem Leben Siri Hustvedts. In ihrem Essay „Keine Konkurrenz“ schildert sie eine Situation während eines Meetings: Während einer Diskussion über einen Beitrag wird eine Wissenschaftlerin mehrmals von ihren männlichen Kollegen unterbrochen, bis sie schließlich „eine entschiedene, aggressive Kritik an dem Beitrag“ äußert. Danach verließ Hustvedt (…) den Raum mit einem Kollegen, der über die Frau sagte: ‚Sie war richtig gemein.‘ “. Ist nicht das ständige Unterbrechen das eigentlich Gemeine? Daran wird nicht gedacht. „Die Wahrnehmung ist ihrem Wesen nach konservativ und voreingenommen, eine Art Rollenfestlegung, die uns hilft, aus der Welt schlau zu werden. Meistens, wenn nicht gerade Gorillas an unser Küchenfenster trommeln, sehen wir, was wir zu sehen erwarten.“ Damit erklärt sich Hustvedt, warum die männlichen Kollegen ihre weibliche Kollegin zunächst ignorierten. Es wird von Männern erwartet, dass sie geradeheraus ihre Meinung sagen, dass sie diese verteidigen, ohne Rücksicht. Von Frauen hingegen wird Rücksicht erwartet, gelten sie in unserer Kultur doch als sensibel, fürsorglich, auf die Emotionen anderer achtend. Zu diesem Bild der Frau passte die Kollegin nicht, wodurch ihr Verhalten einerseits missachtet, andererseits in der nachfolgenden Betrachtung des Geschehens umso deutlicher als ein gemeiner, unangemessener Angriff wahrgenommen wurde. Das Verhalten der männlichen Kollegen verschwand hingegen unter den Mantel des Selbstverständlichen im Unbewussten. Das Beispiel zeigt: Wer den Erwartungen nicht entspricht, erhält Sanktionen, sei es in Form von Ignoranz oder in Form von Empörung.

Die Illusion des Unbedingten: Das Wesen

Die angebliche Berechtigung dieser Sanktionen ergibt sich aus der Annahme, dass es ein Unbedingtes gebe. Das Unbedingte ist in Anlehnung an Aristoteles Bestimmung des Wesens, etwas, was für alle und zu jeder Zeit Gültigkeit besitzt. Etwas, was über die Zeit hinweg gleich bleibt, und keine weitere Ursache hat, außer sich selbst. Es ist damit etwas, was nicht mehr hinter-fragt werden kann, denn dahinter steht nichts mehr. In diesem Fall ist das Unbedingte eine angenommene wesentliche Beschaffenheit von Geschlecht. Es wird angenommen, dass es binär, (Einteilung in Mann/Frau, männlich/weiblich), komplementär und/oder hierarchisch strukturiert ist. Das Männliche gilt als aktiv, das Weibliche als passiv. Auch das Streben nach Glück wird als wesentlich betrachtet und ist mit Annahmen über das Geschlecht verknüpft. Folgt man Sara Ahmed in „Das Glücksversprechen“ wird das Glück mit dem Guten gleichgesetzt und erscheint dabei als plan-, und klar erkennbares Faktum sowie als Ursache und Ziel des Handelns zugleich, welches für alle Gültigkeit besitzt. Glücklichsein ist Selbstzweck. Auf die Frage hin, warum man glücklich sein wolle, folgt keine andere Antwort als das Streben nach Glück selbst.

Die feministischen Spaßverderber*innen

Damit wird aber das Verständnis von Glücklichsein wieder zu einer Erwartung, deren Nichtbefolgung, Sanktionen nach sich zieht. Interessant ist nun, dass die oben genannten Zuteilungen auch in vielerlei Hinsicht dem entsprechen, was bei Männern und Frauen angeblich zu einem Glücklichsein führen soll. Dies ist nicht überraschend. Wenn ich damit rechnen muss, sanktioniert zu werden, weil ich den Erwartungen darüber, was wesentliche Eigenschaften eines Mannes oder einer Frau seien, nicht entspreche, kann es tatsächlich dazu kommen, dass ich unglücklich werde. Umgekehrt ist es möglich, dass es Glücksgefühle auslöst, Erwartungen zu entsprechen, weil man entsprechende Privilegien wie Sicherheit oder Anerkennung bekommt. Diejenigen, die bestimmten Vorstellungen widersprechen, werden durch die Sanktionen zu Unglücklichen gemacht. Und da das Glück als Ursache und Zweck jedes Handelns gelten soll, wird die Kritik von FLINTA*, die nicht den gängigen Erwartungen entspricht, für Verbitterung erklärt: „Es gibt eine Tendenz, (…) [dass] Situationen des Konflikts, der Gewalt und Macht so dargestellt werden können, als würden sie vom Unglück/lichsein der Feminist*innen handeln und nicht selbst der Grund sein, worüber Feminist*innen unglücklich sind.“ Der springende Punkt ist, dass es sich bei all diesen Annahmen, sei es über das Wesen von Mann und Frau oder der damit gekoppelten Annahme des Glücklichseins, um Annahmen handelt, die eine Kritik verhindern und ihren Inhalt verschleiern wollen. Damit sind wir wieder bei den Herren im Zug angelangt. Die Kritik ihrer Arbeitskollegin löste Empörung aus. Sie erscheint als Störung, bricht mit den Erwartungen: ein unglückliches Subjekt, welches miese Laune fabriziert, also auch andere unglücklich macht. Denn die Arbeitskollegin hat es mit ihrer Kritik gewagt, die Herren an das Prekäre zu erinnern. Das ist es, was berührt wurde.

Abwertung der Kritik von FLINTA* als Abwehr des Prekär-Seins

Prekär-Sein aus der Perspektive der Philosophie und im Sinne Judith Butlers meint „(…) jene Verletzlichkeit und Abhängigkeit, die alle Lebewesen, einschließlich der nicht-menschlichen Tiere, (…) erfahren (…)“. Wir als Lebewesen sind verletzlich durch unsere Endlichkeit: Nichts bleibt für immer. Früher habe ich andere Meinungen vertreten als heute. Ich bin auch älter geworden. Unsere Körper verändern sich. Irgendwann kommt der Punkt, wo sie gebrechlich werden. Außerdem stehen Lebewesen in Beziehungen zueinander: Ich kann mit meinem Handeln nie ganz für mich bleiben. Was ich mache, beeinflusst auch den Anderen und umgekehrt. Wir bedingen uns damit gegenseitig. Wir brauchen auch den Anderen. Jeder musste irgendwann mal von jemandem erzogen, gefüttert und gepflegt werden. Menschen sind prinzipiell abhängig, verletzlich und angreifbar. Dadurch wird die Erfahrung des Widerstands erst möglich. Die Ausgangslage jeder Kritik geschaffen. Ich kann keinen Widerstand erleben, wenn ich unverletzlich bin, wenn ich gar nicht fähig wäre, mich in irgendeiner Form zu verändern. Die Annahme, dass es ein Wesen von etwas gibt, bedeutet anzunehmen, dass etwas  unveränderlich und unhinterfragbar ist. Es wird sogar der Anspruch erhoben, diesem Wesen, also auch diesen Eigenschaften, zu entsprechen, andernfalls wird man sanktioniert. Doch dies steht im Widerspruch zu unseren Eigenschaften als etwas Lebendiges. Wer das Unhinterfragbare verteidigen will und sich gar damit identifiziert, muss auch das Prekär-Sein leugnen. Wenn ich aber eine generelle Verletzlichkeit zu leugnen versuche, erscheint eine durch gesellschaftliche und politische Prozesse erzeugte Verletzlichkeit (Prekarität), wie die alltäglich erfahrene Diskriminierung von FLINTA*, an die sich ihre Kritik und ihre Wut schließlich richtet, umso unwahrscheinlicher. Auch diese muss ich dann leugnen, als unangemessen abwerten. Ich muss dann aber auch mich selbst leugnen und alles, was das Lebendige ausmacht. Im Resultat kann diese Haltung nur zerstörerisch sein: „Da niemand wirklich unverletzlich ist, kippt diese Fantasie unweigerlich in (…) Gewalt um, wann immer sie von der Realität bloßgestellt wird – wenn zum Beispiel (…) marginalisierte Gruppen ihre Rechte lautstark einfordern oder geltend machen.“

Prekär-Sein annehmen, Prekarität bekämpfen!

Statt also der Illusion einer Unverletzlichkeit, eines Unbedingten nachzueifern, sollten wir das Prekär-Sein annehmen, die Bedingtheit des Seins respektieren und mit ihm agieren. Die Annahme des Prekären macht Kritik, die Erfahrung des Widerstands denkbar und sichtbar. Die Kritik von FLINTA* an diskriminierenden Denk- und Verhaltensweisen erscheint dann nicht mehr als belanglose Übertreibung, sondern wird zu einer Kraft. Eine Kraft zur Veränderung, zur Bewegung, zum Leben.

Quellen

Ahmed, Sara; „Das Glücksversprechen – Eine feministische Kulturkritik“; UNRAST Verlag; 2010

„Keine Konkurrenz“ aus: Hustvedt, Siri; „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen – Essays über Kunst, Geschlecht und Geist“; Rowohlt Verlag; 2019

Srinivasan, Amia; „Die Dialektik der Safe Spaces“ in: philosophie Magazin; Sonderausgabe Nr.20; Januar/April 2022

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