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Im Kampf gegen den Müll: Unverpackt für Bamberg

Im Kampf gegen den Müll: Unverpackt für Bamberg

Titelbild: Maximilian Krauss [Symbolbild]

Kunststoff überlebt einen Menschen mit Leichtigkeit. Er zersetzt sich schnell in kleine Stücke, aber er verschwindet nicht. Die Folgen sieht man vor allem im Meer: Bilder von Seevögeln und Fischen, die an versehentlich gefressenen Plastikpartikeln verendet sind, kursieren schon seit Jahren im Fernsehen und Internet.
Plastik jedoch zu vermeiden, ist oft schwerer als gedacht. Fast jedes im Supermarkt erhältliche Produkt ist wenigstens zum Teil darin verpackt oder eingeschweißt, viele Hygiene- und Kosmetikartikel enthalten sogar Plastikpartikel. Abgesehen von der Gemüseabteilung scheint es unmöglich, eingepackte Ware zu umgehen.

Nudeln? Plastikverpackung.
Schinken? Plastikverpackung plus Plastikabtrennungen.
Wasser? Plastikflaschen eingeschweißt in Plastik.
Auch 63 % des Obstes und Gemüses werden in deutschen Supermärkten vorverpackt angeboten.
Auf Basis dieses Dilemmas entstand die Idee der ersten Unverpacktläden. In größeren Städten, wie Kiel, Mainz und Berlin, haben sich die kleinen Lokalitäten bereits etabliert. Nun soll auch eine in Bamberg entstehen.  

Aber ein Unverpacktladen – was genau soll das sein?
Unverpacktläden sind Lebensmittel- und Gemischtwarengeschäfte, die ihre Ware komplett unverpackt anbieten. Hier werden die Lebensmittel oft in Spendersystemen oder Mehrwegverpackungen angeboten, um so unnötigen Müll zu vermeiden. Um die Waren dann nach Hause transportieren zu können, müssen die Kunden ihre eigenen, am besten Mehrweg-,  Behältnisse mitbringen – seien es Stofftaschen, Jutebeutel, Weckgläser oder Brotzeitdosen.
Wie genau das funktioniert kann man an den Planungen für den Unverpacktladen in Bamberg sehen: Die beiden Initiatorinnen des Projekts, die Schwestern Alina und Theres Gerischer, werden mit Großhändlern zusammenarbeiten, die ihnen die Lebensmittel in 25 kg-Säcken liefern, so Alina im Interview mit Ottfried.

Alina und Theres, Foto: Unverpackt Bamberg
Alina und Theres,
Foto: Unverpackt Bamberg

Im Laden werde es dann Spendersysteme geben, die ein Fassungsvermögen von ca. 10 bis 15 l haben. Hiermit wäre das Problem des Verpackungsmülls zwar noch nicht komplett gelöst, da die Großverpackungen laut Alina auch aus Plastik oder zumindest beschichtetem Papier bestehen werden; dennoch würde die Müllproduktion gesenkt werden. Einfacher vorzustellen ist das Ganze am Beispiel der beliebten schwarz-weißen Kekse, die neben der äußeren Schachtel zusätzlich in vier Plastikhüllen verpackt sind. Wie bei einer Matrjoschka, der verschachtelten russischen Holzpuppe, scheint das Innenleben der Keksverpackung kein Ende zu nehmen. Statt nun über 600 Einzelverpackungen wegschmeißen zu müssen, gäbe es bei einer 25 kg-Großverpackung nur eine einzige.
Eine wichtige Frage ist natürlich auch die Art der Lebensmittel, die in einem Unverpacktladen, wie ihn Alina und Theres gründen wollen, angeboten wird. Vor allem Hülsenfrüchte, Getreide, Obst und Gemüse, Reis, Nudeln, aber auch Kuh- und Getreidemilch in Mehrwegflaschen und verschiedene Käsesorten an einer separaten Käsetheke sollen angeboten werden, so Alina. „Wir werden ziemlich alles, was man halt so braucht, haben. Eben alles, was man im Supermarkt auch bekommt.“ Zudem ist den beiden Initiatorinnen eine ökologische Produktion der von ihnen angebotenen Lebensmittel wichtig, um die Umwelt vor unnötiger Chemikalienverschmutzung zu bewahren. Dabei geht es nicht nur um die Belastung des Bodens mit künstlichem Dünger, sondern auch um die giftigen Schadstoffe, die bei der Herstellung und Verbrennung von Plastik entstehen. Tatsächlich werden sechs von zehn Plastikverpackungen verbrannt statt recycelt. Bei der Menge an Verpackungen, die in Deutschland pro Jahr verbraucht werden, ist das eine erhebliche Anzahl. So fallen pro Deutschem durchschnittlich 36 kg Plastikmüll pro Jahr an, was etwa dem Inhalt von 30 gelben Säcken entspricht.
Doch ist das Prinzip der Unverpacktläden bei den strengen Hygienevorschriften in Deutschland überhaupt möglich umzusetzen? Ja lautet die Antwort der beiden Schwestern. Die Spendersysteme seien luftdicht verschlossen und gäben nur so viele Lebensmittel aus, wie der Kunde auch kaufen wolle. Selbst für die gewünschte Käsetheke in Theres und Alinas künftigem Laden, seien die Vorschriften kein Problem. Solange die mitgebrachten Verpackungen nicht hinter die Theke gelangen und sich ihre hypothetischen Keime so nicht auf die restliche Ware ausbreiten können, sei alles gesetzeskonform, so Alina.
Aber was verhindert die Anhäufung von Müll durch abgelaufene Produkte im neuen Laden der beiden? Alina betont, dass sämtliche unnötige Müllproduktion vermieden werden soll. Um das Wegschmeißen zu verhindern, wollen sie und ihre Schwester die abgelaufenen Lebensmittel verschenken oder im eigenen Haushalt gebrauchen. Über die Gesetzeslage in diesem Fall hätten sie sich noch nicht erkundigt, jedoch könne sich Alina dafür eine Kooperation mit der Bamberger Organisation Lebensmittelretten vorstellen.

Unverpackt Bamberg – wann geht es los?
Noch dauert es, bis der Unverpacktladen von Alina und Theres öffnen wird. Für die beiden Flechtwerkgestalterinnen ist die Unternehmensgründung Neuland. Ohne betriebswirtschaftliche Vorkenntnisse, aber mit viel Enthusiasmus und Motivation wollen die Schwestern ihren Laden auf die Beine stellen. Vom Traum eines Unverpacktladens mit kulturellem Angebot, Wohnzimmeratmosphäre und einer großen Auswahl an Lebensmitteln sind die aktuellen Vorstellungen der beiden Schwestern jedoch etwas abgekommen. Es habe sich bald bemerkbar gemacht, dass es gar nicht so einfach ist, sich selbstständig zu machen, so Alina.
Neben den bürokratischen Angelegenheiten – Gewerbeanmeldung, Hygienevorschriften, Ladenmietung, Erstellung eines Businessplans – stellt sich den beiden ebenfalls die Frage der Finanzierungsmöglichkeiten. In den nächsten Wochen wollen die Schwestern ihren Unverpacktladen daher als Start-Up auf die Crowdfundingseite Startnext stellen. Hier kann jeder Einzelne auch nur einen Teil der Gesamtsumme finanzieren, indem er einen von ihm selbst frei gewählten Betrag „spendet“. Wird die Gesamtsumme nicht vollständig gedeckt, bekommen alle Spender ihr Geld zurück und das Projekt ist „gescheitert“. Obwohl sich der Betrag für Unverpackt Bamberg auf 60 000 Euro belaufen wird, sind Alina und Theres zuversichtlich: Auf Facebook und über ihren Blog (www.unverpackt-bamberg.de) habe sich schon eine große Unterstützer- und Interessentengemeinschaft gebildet. Und sollten doch alle Stricke reißen, folgen sie ihrem Plan B: Ein Kredit bei der Bank.

Seit acht Monaten arbeiten Alina und Theres mittlerweile an der Verwirklichung ihres Traums. Selbst wenn sich die Vorbereitungen als schwieriger als gedacht herausgestellt haben, so sind die Schwestern dennoch fest entschlossen, den Grundstein für ein „unverpacktes“ Bamberg zu legen. Und sofern alles nach Plan verläuft, wird der Laden im August 2017 eröffnet, so Alina.

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