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Wie ein Himmel voller Sterne
Dunkel Hell

Wie ein Himmel voller Sterne

Es ist schon dunkel, aber dennoch höchstens neun Uhr. Hier geht die Sonne jeden Tag um halb sieben unter. Das ganze Jahr. Ich treffe mich mit einem einheimischen Freund am Eingang zum Nationalpark in Borivali. Natürlich ist der schon geschlossen, aber der Eingang liegt auf einer Anhöhe, von der aus man über einen beträchtlichen Teil der Megastadt Bombay (heute Mumbai) sehen kann. Außerdem lässt sich hier die Polizei selten blicken, weswegen es für die einheimischen der ideale Platz ist, um Autofahren zu lernen, oder ein (in der Öffentlichkeit eigentlich verbotenes) Feierabendbier zu trinken. Hier ist es stockdunkel, außer wenn ein Bus kommt und mit seinen Scheinwerfern die Nacht für einen Augenblick verdrängt. Wir packen unser Bier aus den unauffälligen braunen Papiertüten und machen es uns gemütlich. Vor uns liegt die Baustelle für ein neues Hochhaus. In dem glatten Beton hat sich Wasser des Monsunregens gesammelt und man könnte sich ebenso gut vorstellen an einem See zu sitzen. Dahinter erstreckt sich die Stadt.

Wenn es Tag ist, ist Bombay alles. Reich und bettelarm, schicke Bürogebäude und Slums, britische Straßen mit britischen Taxis und arabische Märkte mit Kühen, Hühnern und unzählbar vielen Motorrädern und Menschen. Bombay ist jedes Extrem und nichts dazwischen. Eine Stadt voller schwarz und weiß, ohne einen einzigen Grauton. Es ist jede Kultur, eine Weltreise über England, Indien, Israel und das persische Reich. So findet man neben der größten jüdischen Gemeinde – die wiederum mitten im muslimischen Viertel gebaut worden ist – auch Heiligtümer sämtlicher anderer Religionen wie die der Zoroastrier, der Jain und selbstverständlich auch der Hindus. Doch vor allem ist Bombay eins: laut. Millionen Menschen, die Millionen Gespräche auf verschiedenen Sprachen führen. Geschäftsmenschen, die wichtige Informationen für wichtige Menschen in ihre Smartphones brüllen. Local Trains die auf alten Gleisen durch die langgezogene Stadt rauschen und zur Rushhour mehr Menschen aufnehmen, als nach deutschen Maßstäben in ihnen Platz finden würden. Tausende Hupen, die alle anderen Verkehrsregeln ersetzen. Marktschreier, Touristen, Tiere, religiöse Gesänge, spielende Kinder, Polizei, Ventilatoren. Eine Symphonie, die nie verstummt.

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Doch jetzt ist es Nacht. Der Himmel ist schwarz und Bombay ist nicht mehr, als ein Haufen kleiner Lichter. Manche stehen still und andächtig, andere eilen geschäftig die überfüllten Straßen entlang. Hier oben hört man das Hupen nur noch aus ganz weiter Ferne. Manchmal raschelt etwas im Gebüsch des Nationalparks, sonst ist es still. Und niemand von uns sagt etwas, jeder genießt den Moment und sein Kingfisher Beer. Nach einer Weile bricht Swapnil das Schweigen: „Nachts ist sie schön“, sagt er, „wenn Müll und Dreck verschwinden und die Dunkelheit die Unterschiede verschluckt, dann ist Bombay nur noch ein Himmel voll glitzernder Sterne. Dann ist sie schön.“

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