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Mit kleinen Schritten viel bewegen

Mit kleinen Schritten viel bewegen

Titelbild: Bianca Taube

Mit Christina sitzen wir im zweiten Stockwerk der Feki, dort wo man vom Audimax aus über das Geländer schauen kann. Aus der Vogelperspektive blicken wir auf Lerngruppen, die ihre halb leeren Kaffeebecher und dicht bedruckten Blätter wild über die Szenerie verteilt haben. Während unten die Köpfe rauchen, ist Christina tiefenentspannt. Ihre Taschen sind gepackt, am 14. Mai wird sie den Alltag hinter sich lassen und auf Wanderschaft gehen. Zu Fuß von Bamberg nach Berlin, ohne Karte, ohne Zelt und Unterkunft – aber nicht ohne Begleiter. Denn mit ihr machen sich zahlreiche andere Menschen – größtenteils Schüler und Studierende – auf, um von verschiedenen Startpunkten aus in die Hauptstadt zu laufen und dort eine Woche zu verweilen. Die Website enthüllt, dass sich diese Bewegung „Funkenflug“ nennt und grundsätzlich für Veränderungen im Bildungssystem eintritt. Die Wanderer gehen beispielsweise in Schulen, um die Wünsche und Kritikpunkte der Schüler einzusammeln. Zu konkreten Forderungen findet man aber nichts: „Der Weg ist das Ziel“, orakelt die Website nur. Wenig aufschlussreich. Höchste Zeit mit Christina zu sprechen.

Als letztes Jahr einige Funkenflieger aus Stuttgart in Christinas WG übernachteten, war sie absolut fasziniert. Die Wanderung hatte die jungen Studierenden inspiriert, zuhause eine freie Uni zu gründen. Was und wie man lernt entscheidet man selbstständig. Die Einen suchen den Kontakt zu Uni-Dozenten, die Anderen begeben sich zwei Jahre lang auf Reisen. Alle haben dabei gemeinsam, dass sie nicht für ECTS-Punkte, sondern nur für sich selbst lernen. Diese Idee ist der Kern der Funkenflug-Bewegung, wie sie von Krishna Saraswati und Jan Reiber ins Leben gerufen wurde.

„Ich bin jetzt schon seit mehr als 13 Jahren in einem Bildungssystem gefangen, in dem ich mich nicht wohlfühle“, erzählt Christina. An der Uni lerne sie oft stur für die Prüfung, ohne dabei nachzudenken – und habe danach alles wieder vergessen. Und schon in der Schule habe sie nie das lernen können, was sie wirklich interessierte. „Ich wünschte, es gäbe mehr Optionen sich frei zu bilden. Keinen Lehrplan, der nur die breite Masse anspricht und von oben herab anordnet: “Damit beschäftigst du dich jetzt”. Ihr Geographielehrer habe sie bis heute besonders geprägt. Anstatt sich an den Lehrplan zu halten, habe er mit Begeisterung über verschiedenste Themen gesprochen – und so ihr Interesse für Entwicklungspolitik entfacht und sie zu einem Auslandsjahr in Malawi inspiriert. „In unserem Schulsystem fehlt es an Reflexion, an Weitblick, an der Förderung von Kompetenzen, die außerhalb der klassischen Schulfächer liegen“, sprudelt es aus Christina hervor und man merkt, dass sie sich schon oft über diese Probleme Gedanken gemacht hat.

Wir fragen sie danach, worüber sie sich am meisten ärgert und erhalten die Antwort prompt: „Die Prüfungen!“ Sie habe das Gefühl, dass viele ihr Selbstbild nur über Prüfungsergebnisse definieren – und das sei auch nicht verwunderlich, solange man auch in der Arbeitswelt danach bewertet wird. „Dabei sagt eine universitäre Note so gut wie gar nichts über eine Persönlichkeit aus.“ In ihrer Stimme liegt keine Frustration, als sie diese Missstände anspricht, sondern der pure Tatendrang. „Ich bin Optimist, vielleicht weil ich mich selbst engagiere und sehe, dass sich viele, kleine Dinge in Bewegung setzen.“ Am Donnerstag möchte sie vor allem aus zwei Gründen loslaufen. Einerseits, um sich selbst weiterzubilden, in einem Gruppenprozess Meinungen auszutauschen und zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Aber andererseits, um diese Erkenntnisse später im Beruf einzusetzen. Ein Studienausflug ohne ECTS-Punkte sozusagen. „Ich finde, man sollte sich seine Meinung aufgrund der eigenen Lebenserfahrung bilden.  Auf dem Weg werden mir viele Schüler und Lehrer mit unterschiedlichsten Standpunkten begegnen – auf diesen Input kann ich aufbauen“, sagt Christina. „Und wenn sich danach auch nur eine Schule oder ein Schüler überlegt, etwas zu verändern, haben wir schon viel erreicht.“

„Ich finde, es erfordert wahnsinnig viel Mut, sich nicht unter dieses System zu stellen, sondern selbst kreativ zu werden.“

Wovon Christina eben noch schwärmte, ist für Marie bereits Realität. Ihre Freunde sind jetzt in der Oberstufe am Gymnasium und bereiten sich auf das Abitur vor. Doch Marie hat die Schule abgebrochen. Nicht, weil sie eine schlechte Schülerin war oder sich mit den Lehrern nicht verstand. Nein, die 17-Jährige hat die Schule abgebrochen – um zu lernen, so wie sie es für richtig hält. „Die Lehrer waren sich sicher, dass ich in mein Verderben renne. Meine Mitschüler hingegen haben mich bewundert.“ Wie schon zu Schulzeiten klingelt Marie’s Wecker um 6.30 Uhr, doch im Gegensatz zu früher, steht sie gerne auf. „Ohne Struktur funktioniert es nicht“, erzählt sie uns am Telefon. Deswegen geht sie jeden Tag zuerst joggen, lernt dann eineinhalb Stunden Englisch und anschließend zwei Stunden Französisch. Ihre Klassenkameraden, die das Fach seit der 10. Klasse belegen, hat sie innerhalb von fünf Monaten überholt. Den restlichen Tag gestaltet sie sich flexibel: Sie näht und strickt Kleidung, spielt Klavier oder besucht Ausstellungen, die sie interessieren.
„An der Schule vermisse ich ehrlich gesagt gar nichts“, sagt Marie. In den 10 Jahren, die sie dort verbrachte, habe sie ihren Lerndrang  fast vollständig verloren. Jetzt versuche sie, sich diese natürliche Begeisterung zurück zu erobern. Die, die man als Kind hat, wenn man beim Spielen ganz von alleine lernt. „Einen Lehrer gibt es, zu dem würde ich sogar nochmal freiwillig gehen“, lacht sie. „Er war eher ein Philosoph. Anstatt sich am Lehrplan zu orientieren, hielt er jede Stunde inspirierende Vorträge.“

Für Marie kam der Stein ins Rollen als ein junger Mann bei ihrer Mutter Schuhe kaufte – für die Funkenflug-Wanderung. Nach kurzer Recherche stand fest, dass sie mitlaufen würde. Sie möchte sich überraschen lassen, glaubt aber fest daran, dass eine solche Reise ganz viel mit einem anstellt. Besonders interessant ist die Frage, ob sie ihr Abitur extern nachholen und studierenden sollte. „Ich kann nicht einschätzen, wie eingeengt man im Studium ist – deswegen bin ich gespannt, was mir die Studierenden auf der Wanderung erzählen werden.“

Während Marie und Christina dieses Jahr zum ersten Mal am Funkenflug-Lauf teilnehmen, hat Fabian bereits Erfahrung. Im letzten Jahr wanderte er mit Funkenflug von Coburg bis nach Jena. Auf die Bewegung aufmerksam wurde er durch zwei Funkenflieger, die auf ihrer Wanderung in Bamberg Halt machten. Als er die beiden – mit ihren Rucksäcken und Wanderschuhe –  im Gras sitzend sah, wurde Fabian neugierig und fragte nach. Sie erzählten ihm von Funkenflug und Fabian war so begeistert, dass er sich ihnen anschloss.

Dass Fabian dieses Jahr wieder mitläuft steht für ihn außer Frage. „Der Lauf bringt einen persönlich viel weiter. Man ist so langsam, aber man kommt für sich selbst so weit voran“, resümiert er. Dabei gehe es vorrangig gar nicht um die zurückgelegte Strecke – von A nach B – vielmehr gehe es um die Erfahrung und die Erlebnisse, die man auf dieser Wanderung sammelt. Auf der letzten Wanderung, so erzählt Fabian, hat er ausschließlich fantastische Menschen getroffen, sodass er sich schon fragen musste, wo denn „all diese schlechten Menschen sind, von denen man immer im Fernsehen und in den Nachrichten hört“. Auch ansonsten hatte Fabian nur Positives zu berichten: „Uns hat nichts gefehlt — alles was man gebraucht hat, hat man bekommen“. Von kostenlosem Obst bis hin zu Schlafplätzen, welche den Funkenfliegern zur Verfügung gestellt wurden – auf die Gastfreundschaft der Menschen war Verlass.

Aber nicht nur die Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft, die man während so einer Wanderung erlebt, sind für Fabian Gründe auch dieses Jahr wieder mitzulaufen. Der Lauf ist eine gute Möglichkeit sich bewusst zu machenm, wie man eigentlich lebt und mit wie wenig man auskommt. „Beim Wandern merkt man, wie viel wirklich wenig ist“, so Fabian. Und natürlich bietet der Lauf auch die Gelegenheit, sich mit anderen auszutauschen und über verschiedene Themen – wie beispielsweise den nachhaltigen Umgang mit Lebensmittel oder die bestehenden Strukturen in Bildungseinrichtungen – zu diskutieren. Durch die neuen Orte und unterschiedlichen Menschen erhalte man ständig neuen Input. Viele der Ideen, die auf der Wanderung entstehen, werden anschließend in Workshops umgesetzt. Der Lauf ist ein Ausdruck dafür, einfach mal einen anderen Weg zu gehen. Sich zu bewegen, damit sich was bewegt!

Dieses Jahr werde Fabian die ganze Strecke mitlaufen – von Bamberg bis nach Berlin. Allerdings nicht durchgehend, sondern immer nur am Wochenende. Aufgrund der Anwesenheitspflicht in seinen Uni-Sportkursen kann er unter der Woche leider nicht dabei sein. Ein paar Praxistipps für die Wanderung hat Fabian auch: „Einfach nicht so viele Gedanken machen“. Mitnehmen kann jeder was er mag, aber Schlafsack, Isomatte, einen Rucksack und ein paar gute Schuhe sollte jeder dabei haben.

Falls es unter unseren Lesern Kurzentschlossene gibt, die nun mit dem Gedanken spielen, sich anzuschließen: Am Donnerstag, den 14. Mai startet der Funkenflug in Bamberg. Jeder der Lust hat mitzulaufen, ist herzlich Willkommen. Weitere Infos findet ihr auf der Funkenflug-Facebookseite.

Am Ende der Wanderung, wenn sich alle Funkenflieger in Berlin treffen, findet eine „Berlin-Woche“ statt. Dort werden die auf der Wanderung gesammelten Ideen ausgetauscht und Workshops veranstaltet. Anschließend findet vom 26. – 28.06 das Funkenflug-Festival auf dem FEZ-Gelände statt.

Weitere Infos hierzu findet ihr auf der Funkenflug-Homepage.

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