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Drei Blondinen, ein Auto und die große weite Wildnis

Drei Blondinen, ein Auto und die große weite Wildnis

Was passiert, wenn sich drei Blondinen ein Auto mieten und damit eine Woche lang über eine Insel fahren? Das klingt wie der Anfang eines ziemlich schlechten Witzes. Tatsächlich ist das der Anfang eines ziemlich wunderbaren Urlaubs.
Titelbild: Marlies Härtel

Meine zwei besten Freundinnen und mich verschlägt es dieses Jahr nach Island. Schon immer hatten wir alle drei – immerhin haben wir uns an der Nordsee kennen gelernt – definitiv ein Faible für den rauen Norden. Und auch kein Problem damit Regenjacke und Gummistiefel anzuziehen. Aber Island ist für uns alle ein ganz schön großer Schritt in Richtung Polarkreis – und stellt uns schon im September vor einige wettertechnische Herausforderungen.

Allerdings fällt mir leider erst fünf Stunden vor meinem Abflug auf, dass es vielleicht eine gute Idee ist nach Spanien oder sonstige wärmere Gefilde nur mit Handgepäck zu fliegen, aber nicht unbedingt in ein Land in dem die Maximaltemperatur 17 Grad beträgt. Nachdem ich vergeblich versucht habe sieben Wollpullover, Regenhose, Daunenjacke, und Thermoleggins in einen Rucksack, der die nicht gerade großzügigen Handgepäcksbestimmungen von Germanwings erfüllt, zu zwängen, ziehe ich kurzerhand alles was nicht mehr reinpasst übereinander. Nicht gerade komfortabel — aber effizient. Bereits am Flughafen fange ich an zu schwitzen. Das soll sich in Reykjavik angekommen aber schnell ändern.

Da Island trotz seiner beschaulichen Bevölkerungszahlen flächenmäßig doch gar kein so kleines Land ist, bietet es sich an die Insel mit einem Auto zu erkunden. Ein Auto zu mieten klingt erstmal ziemlich teuer, ist aber für isländische Verhältnisse tatsächlich recht preiswert. Grundsätzlich gilt, wie wohl für die meisten nordeuropäischen Länder: Island ist einfach teuer. Für ein Bier zahlt man hier eben acht Euro und mit einer Unterkunft für weniger als 20 Euro die Nacht muss man auch nicht rechnen. Es sei denn man bringt sein eigenes Zelt mit. Davon würde ich aber, nach einer Begegnung mit sehr mitleidserregenden und noch nässeren Campern, eher abraten.

Wir holen uns also an einem Samstagmorgen – natürlich im strömenden Regen – unser Leihauto ab und starten unseren Roadtrip. Was sich der Kerl von der Leasingfirma wohl gedacht haben mag, als meine Freundin ihn fast davon überzeugt hätte, dass das Auto kaputt ist, nur weil ich zu blöd war den Schlüssel richtig ins Zündschloss zu stecken, will ich lieber gar nicht wissen.

Aber egal, wir taufen unser Auto feierlich auf den Namen Jimmy und lieben es fortan abgöttisch, da wir die nächsten sieben Tage praktisch darin wohnen. Als mich ein kleines Mädchen, nachdem wir gerade auf einem Supermarktparkplatz im Auto gepicknickt haben, besorgt fragt, ob wir uns denn kein richtiges Zuhause leisten können, kommen mir allerdings doch ein paar Zweifel an unserer Urlaubsgestaltung.

Das Erste, was wir in Island lernen: Verlass’ dich niemals auf das Wetter. Das ändert sich nämlich im Zehnminutentakt. Während zwei Stunden Fahrt mache ich im Schnitt 15 Mal den Scheibenwischer an und wieder aus, weil sich Sonne, Wolken, Regen und Wind auf der nördlichsten Insel Europas im atemberaubenden Tempo abwechseln. Deswegen besteht unser Outfit auch meistens aus Regenhose, Stirnband und drei Pullovern übereinander. Nicht gerade sexy, aber glücklicherweise begegnet man in weiten Teilen Islands nur wenigen Menschen, die das stören könnte.

Tatsache ist aber auch, dass der Regen hier überhaupt nicht stört. Er passt irgendwie zu Island. Der Nebel und die dunklen Wolken machen die sowieso schon einzigartige Natur Islands zu einem verzauberten Land voller Mythen und Legenden. Da die Wikinger vor langer Zeit auf die wenig intelligente Idee kamen, fast alle Bäume der Insel in Schiffe umzufunktionieren, besteht Island zu großen Teilen aus kargen Gerölllandschaften und die Isländer erzählen sich, dass die zahlreichen Steinbrocken, die überall in der Landschaft verstreut liegen, versteinerte Trolle sind, die es nicht rechtzeitig in ihre Höhlen geschafft haben bevor die Sonne aufging. Wenn man mutterseelenallein durch diese ewigen Steinwüsten fährt, kann man sich das auch ziemlich gut vorstellen.

Foto: Marlies Härtel

Island besteht natürlich nicht nur aus Steinen und Trollen, sondern aus unendlich viel mehr. Wir bewundern Seehunde und Papageientaucher, finden an einem Strand aus tiefschwarzem Sand drei Meter große Eisblöcke, klettern in den Kontinentalspalt zwischen der eurasischen und der amerikanischen Kontinentalplatte, stellen fest, dass Geysire ziemlich eklig riechen und gehen in einem kilometerweiten Lavafeld vom letzten Ausbruch der Hekla spazieren. Kurz: Wir kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Und vergessen ganz, dass uns eigentlich kalt ist und unsere Schuhe von einem Ausflug hinter einen 60 Meter hohen Wasserfall eigentlich immer noch nass sind.

Foto: Marlies Härtel
Foto: Marlies Härtel

Landschaftlich ist Island ein unglaublich vielfältiges Land, in dem man binnen zwei Stunden sowohl Jahrtausende alte Gletscher als auch bizarr geformte Meeresklippen bewundern kann. Die Natur scheint hier nahezu unberührt und lädt zu Abenteuern ein. Als wir aber per Videobotschaft an unsere Eltern unser Testament festhalten, weil wir uns, auf der Suche nach einer mysteriösen Höhle mit unaussprechlichem Namen, auf einer Schotterstraße, die den Namen Straße wirklich nicht verdient hat, mitten im Nichts verirren und der Nebel immer dichter aufzieht, wird es uns doch ein bisschen zu abenteuerlich und wir drehen um. Und sind irgendwie auch ein bisschen froh, als wir wieder zurück in der Zivilisation Reykjaviks mit einer Tasse Tee im Warmen sitzen.

Trotzdem sind wir alle drei uns einig, als ich wieder mit vier Pullovern übereinander im Flugzeug nachhause sitze: Das war definitiv nicht unser letzter Besuch in Island. Es gibt noch so viel zu entdecken. Vorausgesetzt die Leasingfirma vertraut uns nochmal eines ihrer Autos an.

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