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Aussteigen wo es gefällt

Aussteigen wo es gefällt

Über 6000 Kilometer. 17,5 Kilo. Schlechter Schlaf, keine Privatsphäre und Tütensuppen. Backpacken ist nicht komfortabel und doch so beliebt, besonders in Studentenkreisen.

Auch ich ziehe diesen Sommer wieder los. Eine 23‐tägige Interrail‐Tour durch Frankreich, Spanien und Portugal steht an. Allein, als Frau, mit zwei Rucksäcken. Außenstehende teilen sich bei der Beobachtung von mir in zwei Lager: die einen finden es normal, kennen es von sich selbst nicht anders, doch andere, vor allem ältere Generationen, bekunden ihren Respekt, loben den Mut oder aber halten einen für zu unbedacht.

Doch sonderlich mutig bin ich nicht, stark ebenso wenig. Vielmehr bin ich schmal, untrainiert und schließe nachts die Tür ab, wenn meine Mitbewohner außer Haus sind. Und doch traue ich es mir zu, alleine durch die Welt zu ziehen. Denn eigentlich gehört nicht viel dazu, außer anfängliche Überwindung. Ansonsten gilt es, auf das eigene Bauchgefühl zu vertrauen. Fühlt man sich an einem Ort nicht wohl, verlässt man ihn. Nachts zieht man besser in Begleitung, als alleine los. Und sucht man neue Kontakte, ist es keinerlei Problem, eben jene zu finden. Hostels eignen sich hier eindeutig am besten. In Frankreich gibt es leider viele Orte, in denen es keine Hostels zu finden gibt. Dort sind Jugendherbergen verbreiteter, wobei ich die Erfahrung machen musste, dort nur sehr selten auf junge Menschen zu treffen. Die zelten in Frankreich vermutlich eher.
Neben Hostels stellen airbnb‐Zimmer/Wohnungen für mich die attraktivste Variante der Unterkunft dar. So hat man auch die Möglichkeit, Einheimische unkompliziert kennenzulernen.
Ich will nicht lügen: Das Backpacken und auch das allein Reisen ist nicht immer leicht und spaßig. Häufig ist es wahnsinnig anstrengend, ermüdend. Nicht nur für den Körper. Manchmal hat man einfach keine Lust mehr auf Smalltalk, oder darauf, Menschen, die man gerade gern gewonnen hat, direkt wieder zu verlassen. Manchmal, da hat man auch einfach keine Lust mehr aufs Zug/Bus/Minivan Weitergefahre. Oder darauf, wieder eine schlaflose Nacht im Hostelbett zu verbringen, da manche Reisende wirklich unnatürlich laut schnarchen. Vielleicht hat man auch Pech und ist an einem Ort, in dem sich gerade niemand geselliges finden lässt und die Unterkunft ist wie ausgestorben.

Foto: Jil Sayffaerth
Bei anhaltendem miesem Wetter kann einem schon mal die Lust aufs Reisen vergehen. Foto: Jil Sayffaerth

Doch all das nehme ich in Kauf, denn das wirklich Tolle ist, sich überraschen zu lassen. Im Vorfeld nicht zu wissen, in welchen Städten oder gar Ländern man sein wird. Nicht zu wissen, welchen Menschen man begegnen wird und wozu man in der Lage ist. Und nicht zu wissen, mit welchen neuen Gedanken man zurückkehrt.
Nach dieser Reise kam ich vollkommen platt, aber trotzdem gestärkt zurück. Und ich stelle häufig erst im Rückblick fest, dass ich auf einmal voll neuer Ideen und Motivation zurückkomme. Und mit Vorfreude auf meinen Alltag! Denn auch das ist wichtig. Es ist schön wieder in Bamberg zu sein, Leute um sich zu haben, mit denen man nicht nur zwei Tage verbringen wird und sich wieder halbwegs ausgewogenes, selbstgekochtes Essen zubereiten zu können.

Die für mich wichtigsten Reiseaccessoires sind übrigens Ohropax und ein paar dicke Socken. Das ist häufig das Einzige, was für Wohlbefinden sorgt, wenn man nach stundenlangem Laufen durch den Regen noch für einige Zeit im Zug sitzen muss.

Orte, die ich bei dieser Reise interessant fand:

Straßburg:
Wunderschönes Münster, mit fesselnder Lichtshow zum 1000‐jährigen Jubiläum, die auf die Fassade projiziert wird. Durch die vielen Brücken erinnert es vor allem in der Dämmerung an Bamberg.

L’Étretat:
Kleinstadt an der Küste im Norden Frankreichs. Raue Klippen, sehr viel Wind. Die Möwen kreischen, der Regen peitscht durch das Gesicht. Man fühlt sich lebendig, ist von den Elementen beeindruckt. Wunderschöne Ausblicke von hoch oben und zudem eine alte kleine Kirche. Danach schadet es nicht, sich eine heiße Schokolade zu gönnen.

Foto: Jil Sayffaerth
L’Étretat. Foto: Jil Sayffaerth

Granville:
Eine sehr kleine Stadt, am Meer gelegen, ein bisschen verschlafen, ein bisschen fancy. Recht nah an Le Mont‐Saint Michel. Eignet sich, um Meeresfrüchte zu essen und runterzukommen.

Le Mont‐Saint‐Michel:
Liegt recht weit vom Bahnhof (Ponterson) entfernt, den schönsten Blick auf das alte Kloster hat man aber sowieso aus der Entfernung. Innerhalb finden sich süße kleine Gassen, es ist sehr touristisch und dem entsprechend teuer. Bei gutem Wetter ist bestimmt eine Wattwanderung ein tolles Erlebnis.

Nantes:
Eine Studentenstadt und dementsprechend jung. Nett, um draußen das ein oder andere Gläschen Wein zu trinken. Eignet sich, um shoppen zu gehen. Zudem lässt sich eine wunderschöne, weiße Kathedrale mit bordeauxroten Türen, sowie ein Schloss finden.

Bordeaux:
Hier sollte man einfach durch die Straßen schlendern und dabei in jedem Fall beim Place de la Bourse vorbeischauen.

Dune du Pilat:
Eine riesige, kräftezerrende Sanddüne. Unbeschreiblich. An heißen Tagen wirklich anstrengend, doch auf der gegenüberliegenden Seite erwartet einen das Meer. Der größte Sandkasten, in dem ich je gespielt habe.

Foto: Jil Sayffaerth
Dune du Pilat Frankreich. Foto: Jil Sayffaerth

San Sebastian:
Als Notwendigkeit auf dem Weg betrachtet, dann spontan in Stadt verliebt. Wie Sylt, nur schöner. Wirkt wohlhabend. Man kann eine Menge Surfer und wundervolle Natur bestaunen. Der Jakobsweg führt hier vorbei. Wenn man mit der alten Bahn den Monte Igueldo hochfährt, landet man bei einem romantischen historischen Freizeitpark, von dem aus man den Blick über ganz San Sebastian und die Bucht genießen kann. In der Stadt gibt es lebendige Hostels und die besten Tapas‐Bars. Das Risotto bei Borda Berri ist himmlisch.

San Sebastian, Spanien. Foto: Jil Sayffaerth
San Sebastian, Spanien. Foto: Jil Sayffaerth

Porto:
Meine liebste Stadt der Reise. Wunderschön. Viele tolle Cafés, kleine Gassen, blauweiße Kacheln, Balkone, von denen die Wäsche hängt, Meer, Fluss und einen phänomenalen Ausblick über die Stadt. Die Studierenden dort erinnern durch ihr Outfit an Harry Potter und ganz Porto versprüht Magie. Es scheint, als wäre hier alles schön: der Bahnhof, die Barockkirchen und selbst die heruntergekommenen Häuser. Nicht zu vergessen die belebten Kneipenstraßen und der Portwein.

Lissabon:
Große Stadt mit kleinen Straßen. Bergauf und bergab. Bergauf und bergab. Romantisch und anstrengend. Alte Straßenbahnen fahren durch die Stadt. Hier wird ordentlich gefeiert und es gibt zahlreiche Pub Crawls. Darüber hinaus ist Street Art hier sehr verbreitet und schön anzusehen.

Valencia:
Die futuristischen Bauwerke von Santiago Calatrava sind ein Muss bei einem Besuch. Es gibt zahlreiche schöne Pflasterstraßen, gute Paella und Tapas. Stierkampf ist leider noch immer erlaubt. In der Stadtmitte gibt es eine Markthalle, mit allerlei heimischen Lebensmitteln. Der Bahnhof ist fabelhaft anzusehen und einen Abstecher wert.

Barcelona:
Kunst und Street Art, eine lebendige Stadt. Ist in unterschiedliche Viertel geteilt, die alle sehr verschiedenen sind. Überall lassen sich Plazas finden, bei denen man gut entspannen kann. Neben Gaudis Werken sollte man sich auch nicht den Park entgehen lassen, sich die Markthalle ansehen und durch die unterschiedlichen Viertel spazieren. Zur Olympia hat man Sand für Strände herangeschafft und auch Palmen eingeflogen. Das hat sich bezahlt gemacht. Es ist interessant, sich hier mit der Lage zwischen Spaniern und Katalanen vertraut zu machen. Das Black Swan Hostel ist eines der besten, in dem ich je war.

Carcassonne:
Carcassonne ist berühmt für seine mittelalterliche Festung, die oben über der Stadt Carcassonne liegt, aber auch ein eigenes kleines Stadtleben mit Restaurants und einer Jugendherberge hat. Im Kern ist allerdings alles sehr touristisch ausgelegt. Man kann die Festung besuchen und sollte am späten Abend zwischen den Burgmauern umher laufen. Der Blick von den Brücken im Tal ist toll und vor allem im Dunklen lohnenswert. Der Canal du Midi läuft hier entlang; man kann einen Kirchturm erklimmen. Mehr als 24 Stunden braucht man hier aber wirklich nicht.

Die Calanques bei Marseille:
Vom Süden Frankreichs aus sollte man unbedingt die Calanques besuchen. Hierbei handelt es sich um einen Küsteneinschnitt, bei dem tolle Kalkgesteinklippen zu sehen sind. Die Landschaft ist einzigartig, wirkt rau und wild. Häufig gibt es keine richtigen Wanderwege, man muss sich seinen Weg irgendwie bahnen und braucht festes Schuhwerk. Es ist trocken und gibt keinen ebenerdigen Boden. Doch irgendwann wird man nach einem Abstieg mit dem Meer belohnt. Ein kühles Bad sollte man sich gönnen, bevor man sich auf den Trek zurück wagt.

Das Meer bei den Calanques. Foto: Jil Sayffaerth
Das Meer bei den Calanques. Foto: Jil Sayffaerth

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