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Wie geht die Uni mit Kritik um, Herr Fischbach?
Dunkel Hell

Wie geht die Uni mit Kritik um, Herr Fischbach?

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  • Die Uni Bamberg hat 4,2 Sterne bei den Google-Rezensionen und 3,9 Sterne beim studycheck-Hochschulranking. Bewertungen, Kritik und Verbesserungsvorschläge sind oft zu finden – aber wie geht die Uni damit um? Ein schriftliches Interview mit Kai Fischbach, dem Präsidenten der Uni Bamberg.
Herr Fischbach, welche Bedeutung haben solche offiziellen Bewertungen überhaupt für Universitäten?

Kai Fischbach: Rankings und Bewertungen sind für Universitäten von hoher Bedeutung. Angesichts der Vielzahl von Bewertungsportalen und Rankings weltweit müssen wir allerdings auswählen, welchen davon wir unsere Aufmerksamkeit widmen. Für uns sind insbesondere die Rankings relevant, die methodisch transparent arbeiten und uns gesicherte, verwertbare Informationen liefern. Deshalb nehmen wir beispielsweise jedes Jahr an der Studierendenbefragung für das CHE-Hochschulranking teil, dem detailliertesten und umfassendsten Ranking deutscher Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Erfreulich ist, dass wir dort regelmäßig Bestnoten in den bewerteten Fächern erzielen. In einigen Fächern nehmen wir sogar deutschlandweit die Spitzenplätze ein, beispielsweise in der Wirtschaftsinformatik oder Psychologie. Bewerten die Studierenden ihr Fach bei manchen Kriterien nicht so gut, können die Studiengangsbeauftragten sich dieser Kritik annehmen und positive Veränderungen anstoßen.

Google-Rezensionen sind mit Vorsicht zu genießen, weil häufig die Kriterien, die der Bewertung zugrunde liegen, nicht ersichtlich sind, insbesondere, wenn kein Kommentar dazu verfasst wurde. Auf konstruktive Kritik in den Google-Rezensionen gehen wir aber gerne ein.


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Generell ist die Meinung der Studierenden für uns äußerst wichtig, weshalb sich in den letzten Jahren auch innerhalb der Universität die Anforderungen an die Evaluation von Studium und Lehre stetig weiterentwickelt haben. Die Lehrveranstaltungsevaluation ist für uns ein zentrales Instrument der Qualitätssicherung und -entwicklung in der Lehre. Durch die systematische Rückmeldung zu Stärken und Schwächen der Lehrveranstaltungen kann sie einen konstruktiven Dialog zwischen Lehrenden und Studierenden über gute Lehre anstoßen und somit zur kontinuierlichen Weiterentwicklung der Lehre beitragen. Gleiches gilt für die Studiengangsevaluation. Ab dem Sommersemester 2023 findet auch wieder die zentral organisierte Studienbedingungsevaluation in einem zweijährigen Turnus statt. Alle Studierenden der Bachelor-, Master- und Lehramtsstudiengänge erhalten die Möglichkeit, über eine Online-Befragung die Studienbedingungen in Bamberg zu bewerten.

Inwieweit entsteht denn zwischen den Universitäten eine Art „Wettkampf“ um die besten Bewertungen?

Ich empfinde es als großes Glück, dass die bayerischen Universitäten partnerschaftlich arbeiten. Zu behaupten, sie stünden miteinander nicht bis zu einem gewissen Grad im Wettbewerb, etwa um Studierende oder um die Zuteilung von finanziellen Mitteln, wäre unaufrichtig. Gleichwohl setzen die bayerischen Universitäten explizit auf Kooperation statt Konkurrenz: Die bei „Universität Bayern e.V.” zusammengeschlossenen Universitäten sind sich einig, dass sie zum Prinzip des Wettbewerbs stehen. Sie sind sich jedoch auch darin einig, dass die nationalen und internationalen Rahmenbedingungen es umso notwendiger machen, sich in allen für bayerische Universitäten relevanten Handlungsfeldern gemeinsam zu positionieren. Das zeigte sich in beeindruckender Weise unter anderem während der Corona-Pandemie und bei den Verhandlungen zum Bayerischen Hochschulinnovationsgesetz.

Innerhalb Oberfrankens ist die TechnologieAllianzOberfranken (TAO) ein gutes Beispiel: Die vier Hochschulen Oberfrankens, also die beiden Universitäten Bamberg und Bayreuth sowie die Hochschulen für angewandte Wissenschaften Coburg und Hof, arbeiten unter dem Dach der TAO zusammen, um den Wissenschaftsstandort Oberfranken auszubauen und die Wirtschaft fit für die Zukunft zu machen.

Was sind die häufigsten Kritikpunkte oder Verbesserungsvorschläge, welche die Uni erhält?

Das ist so pauschal kaum zu beantworten, da sich die Kritikpunkte oder Verbesserungsvorschläge häufig an generellen und aktuellen gesellschaftlichen Problemen orientieren – und da stehen natürlich immer wieder unterschiedliche Themen im Fokus. Ein gutes Beispiel ist die Corona-Pandemie, in deren Kontext wir vermehrt mit Wünschen wahlweise nach mehr oder weniger Präsenzlehrangeboten konfrontiert waren. Da mussten wir umsichtig abwägen und vielfach dynamisch auf sich ändernde Rahmenbedingungen reagieren. In der jüngeren Vergangenheit wurde von Seiten der Studierenden zudem die Schaffung einer Antidiskriminierungsstelle angeregt, die inzwischen eingerichtet ist.

Welche Vorschläge und Wünsche wurden im Zusammenhang mit der Pandemie denn besonders häufig geäußert?

Strukturell und organisatorisch standen wir vor der Herausforderung, ein Studium unter sich oftmals kurzfristig ändernden und immer wieder schwierigen Bedingungen realisieren zu müssen. Ein großer und wichtiger Wunsch vieler Universitätsangehörigen war, über Änderungen oder neue Regelungen möglichst umfassend und schnell informiert zu werden. Diesem Wunsch sind wir mit ausführlichen Rundschreiben an Studierende, Lehrende und Beschäftigte nachgekommen. Wir haben zudem eine Corona-Webseite mit eigenem FAQ-Bereich eingerichtet, die tagesaktuell aktualisiert wird, sobald es Neuerungen gibt. Dort sind auch die Rundschreiben zu finden. In der sogenannten Corona-Taskforce unter der Leitung von Vizepräsident Stefan Hörmann konnten Lehrende, Studierende und Universitätsbeschäftigte offene Fragen klären und Probleme besprechen, die sich im Universitätsalltag beispielsweise bei der Umsetzung der ministeriell geforderten Corona-Maßnahmen ergaben. Nach wie vor ist es der Universitätsleitung wichtig, die Sorgen und Nöte von Studierenden, Lehrenden und Beschäftigten ernst zu nehmen und gemeinsam Lösungen zu finden. Die Corona-Taskforce wird daher in regelmäßigen Abständen als Runder Tisch für Themen rund ums Studium fortgeführt.

Über welche Wege erhalten Sie häufig Kritik?

Da es keine zentrale Beschwerdestelle gibt, gelangt Kritik vor allem über die Vertreter*innen der einzelnen Statusgruppen und Einrichtungen an die Universitätsleitung, also zum Beispiel über die Fakultätsräte, den Mittelbau-Konvent oder die Frauenbeauftragten und Dekan*innen, die zur erweiterten Universitätsleitung gehören. Kritik aus der Studierendenschaft erhalten wir dementsprechend am häufigsten über die studentischen Vertretungen in den verschiedenen Gremien der Universität.

In der Gesellschaft sind derzeit Diskussionen über Klimaschutz und Gendern allgegenwärtig – inwieweit beschäftigen Sie sich intern mit diesen und anderen gesellschaftlichen Diskussionen, um auf möglicherweise aufkommende Kritik vorbereitet zu sein?

Gesellschaftliche Diskussionen beschäftigen uns natürlich: Universitäten sind Teil der Gesellschaft und begleiten diese zugleich kritisch. Durch wissenschaftliche Bildung und Weiterbildung, Wissens- und Technologietransfer und gesellschaftliches Engagement wirken Universitäten in die Zivilgesellschaft hinein und stehen mit ihr in einem Wechselverhältnis. Gerade die von Ihnen beispielhaft genannten Themen Klimaschutz und Geschlechtersensibilität liegen uns als Universität selbst sehr am Herzen, sodass wir Kritik dahingehend sehr ernst nehmen, aber uns auch proaktiv dafür einsetzen. Bereits seit 2016 gibt es etwa die Steuerungsgruppe Nachhaltigkeit, die von der Kanzlerin Frau Dr. Steuer-Flieser geleitet wird und sich unter anderem mit der Dimension des Klimaschutzes auseinandersetzt und Nachhaltigkeit in allen Bereichen der Universität – Lehre, Forschung und Infrastruktur – vorantreibt. Hier können sich übrigens auch Studierende engagieren und ihre Ideen einbringen.

Dass wir Kritik dahingehend ernstnehmen zeigte sich beispielsweise erst Ende des letzten Jahres, als Studierende der Gruppe „Endfossil: Occupy! Bamberg“ einen Hörsaal belegt hatten. Für die Forderungen der jungen Menschen hat die Universität Bamberg großes Verständnis und duldete daher die Belegung des Hörsaals. Ein weiteres Gesprächsangebot für alle interessierten Studierenden soll es gleich Anfang 2023 geben: Gemeinsam mit der Steuerungsgruppe Nachhaltigkeit stellt das Nachhaltigkeitsbüro der Universität die bisherigen Aktivitäten zum Umwelt- und Klimaschutz vor, informiert über Möglichkeiten, sich zu engagieren, nimmt Ideen und Vorschläge entgegen und steht für Rückfragen zur Verfügung. Im Bereich der Geschlechtersensibilität ist in den vergangenen Jahren ebenfalls einiges passiert: Die Frauenbeauftragten und die Universitätsleitung haben gemeinsam Empfehlungen zum gendergerechten Sprachgebrauch herausgebracht. Seit mehr als zwei Jahren ist das Thema durch die Vizepräsidentin für Diversität und Internationales, Christine Gerhardt auch explizit in der Universitätsleitung verankert: Es gibt beispielsweise ein Vorlesungsverzeichnis „Gender und Diversity“ und 2022 konnte das Strukturprojekt „GENIAL forschen“ starten, das bei den Frauenbeauftragten angesiedelt ist und sich das Ziel gesetzt hat, geschlechtersensible Forschung zu stärken und nachhaltig an unserer Universität zu verankern. Denn exzellente Forschung muss die Dimension Geschlecht im Blick haben.

An der Uni gibt es keine*n zentrale*n Kritikbeauftragte*n: Wie sehen die internen Abläufe aus, wenn Sie Kritik oder Verbesserungsvorschläge erhalten?

Alle Nachfragen, Kritik, Anregungen und Forderungen etwa aus dem Studierendenparlament werden in der Universitätsleitung besprochen und dann jeweils an ein Mitglied der Universitätsleitung gegeben, das verantwortlich damit umgeht. Um jede Kritik, die an uns herangetragen wird, kümmern wir uns als Universitätsleitung, nehmen Bewertungen vor und wägen Handlungsoptionen ab. Es fällt also nichts unter den Tisch. Übrigens gibt es für Kritik oder auch weitere Anliegen und Sorgen das sogenannte Konfliktleitsystem (www.uni-bamberg.de/studium/im-studium/beratung-fuer-studierende), in dem für die unterschiedlichen Fragen die richtigen Ansprechpartner*innen zu finden sind. Hier geht es vor allem um niedrigschwellige Angebote, die auch anonym genutzt werden können.

Wie viele Kritikpunkte bzw. Verbesserungsvorschläge werden denn prozentual ungefähr umgesetzt?

Wir bemühen uns, jede Kritik ernst zu nehmen und nach Möglichkeit Verbesserungen vorzunehmen. Eine valide Aussage über die Umsetzungsquote in Form einer Prozentzahl kann ich allerdings nicht nennen – zumal die Universitätsleitung nur mit einem kleinen Ausschnitt der Prozesse befasst ist. Das Gros wird in unserer leistungsfähigen Kritikkultur bereits in den Fakultäten und der Verwaltung aufgenommen, bewertet und geeignet umgesetzt.

Gibt es besonders positive Beispiele, was sich durch Kritik/Verbesserungsvorschläge an/in der Uni geändert hat?

Wie bereits angesprochen wurde die Antidiskriminierungsstelle insbesondere auf Wunsch der Studierendenschaft hin geschaffen. Eine Antidiskriminierungsstelle ist ein wesentlicher Bestandteil von Gleichstellungs- und Diversity-Arbeit, weshalb wir uns als Universitätsleitung sehr über diese Neuerung freuen. Im laufenden Wintersemester ist die Bitte der Studierenden endlich umsetzbar, die Notendurchschnitte von Klausuren bei FlexNow auszuweisen – Kriterium ist dabei aber, dass die Zahl der Teilnehmenden groß genug ist, sodass die Anonymität gewahrt werden kann. Seit der Senatssitzung im Dezember 2022 ist nach dahingehenden Verbesserungsvorschlägen die digitale Abgabe von Hausarbeiten und Portfolios an allen Fakultäten der Regelfall. Dafür wird nun auch die Allgemeine Prüfungs- und Studienordnung der Fakultät Sozial- und Wirtschaftswissenschaften geändert.

An welchen Projekten zur Verbesserung wird derzeit gearbeitet?

In allen Bereichen des universitären Alltags arbeiten wir kontinuierlich daran, uns weiterzuentwickeln sowie Strukturen und Prozesse zu verbessern. Wir haben in den letzten Jahren schon viel erreicht, aber es gibt natürlich auch in Zukunft einiges zu tun und das betrifft Forschung, Lehre und Verwaltung gleichermaßen. Einen Einblick möchte ich Ihnen mit Beispielen aus den letzten Monaten geben: Jüngste Neuerung im Bereich Lehre ist das Leitbild Lehre, das in einem partizipativen Prozess mit Beteiligung aller Statusgruppen der Universität entstanden ist (www.uni-bamberg.de/lehre/leitbild). Es enthält handlungsleitende Werte und Normen und definiert, welche Ziele wir im Bereich Lehre verfolgen und wie wir diese erreichen wollen. Wichtige Themen sind darin unter anderem Nachhaltigkeit und Diversität. Im Projekt „Digitale Kulturen in der Lehre entwickeln“ (DiKuLe) arbeiten derzeit über 30 Lehrende aller vier Fakultäten in drei Maßnahmen zusammen, um die Präsenzlehre sinnvoll um digitale Elemente zu erweitern.

Auch die Steuerungsgruppe Nachhaltigkeit hat ein Leitbild entwickelt, das seit November 2022 veröffentlicht ist (www.uni-bamberg.de/nachhaltigkeit/leitbild-nachhaltigkeit). Es basiert auf den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen, den sogenannten Sustainable Development Goals (SDG) und erläutert das Nachhaltigkeitsverständnis der Universität sowie Maßnahmen, mit denen wir unsere selbstgesteckten Ziele erfüllen wollen. Wenn Sie Lust haben, sich in der Steuerungsgruppe zu engagieren oder Vorschläge einbringen wollen, dürfen Sie sich gerne an unser Nachhaltigkeitsbüro wenden. (https://www.uni-bamberg.de/nachhaltigkeit/steuerungsgruppe/nachhaltigkeitsbuero/)
Unsere Antidiskriminierungsstelle hat im November 2022 die sogenannten „Talk Times“ ins Leben gerufen. Die monatliche Veranstaltungsreihe richtet sich an alle Universitätsangehörigen und bietet einen geschützten Raum des Erfahrungsaustauschs und des Wissenserwerbs zu verschiedenen Dimensionen und Themen der Diversität wie Geschlecht und Geschlechtsidentität oder gendergerechter Sprachgebrauch. (www.uni-bamberg.de/antidiskriminierung/veranstaltungen/talk-times) Wir freuen uns über jede*n Teilnehmer*innen, die vorbei kommt!

Welche Ziele hat die Uni für die Zukunft mit Blick auf Hochschulrankings und Rezensionen?

Rankings sind für uns natürlich bedeutsam. Vordringlich ist aber, immer wieder eine ausgewogene Balance zwischen den Kräften zu finden. Wir haben anspruchsvolle Ziele, etwa hinsichtlich Forschungsexzellenz, Nachhaltigkeit, internationaler Profilierung oder der Zukunft der Lehre, und klare Ideen, wie wir diese erreichen wollen. Wir haben eine Vision, wie unsere Universität in der Zukunft gestaltet sein soll, um im nationalen und internationalen Wettbewerb zu bestehen und zugleich wichtige Beiträge für die Gesellschaft zu leisten. Die Kriterien für diesen Weiterentwicklungsprozess können deckungsgleich mit denen sein, die entsprechenden Rankings zugrunde liegen, sie können sich aber auch widersprechen.

Vielen Dank für das Interview!
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