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„Veggie Bratwurst“ und „Soja Schnitzel“ sind schon lange keine Seltenheit in den Regalen deutscher Supermärkte mehr. Deutschland stellt den größten Absatzmarkt für pflanzliche Ersatzprodukte in Europa dar. Im Jahr 2024 wurden hierzulande etwa 121.600 Tonnen Fleischalternativen produziert. Doch bald soll Schluss mit „Wurst“ oder „Schnitzel“ sein. Zumindest, wenn es nach 355 Abgeordneten des EU-Parlaments geht. Die haben nämlich dafür gestimmt, Begriffe wie diese für nicht tierische Produkte zu verbieten. Die Zustimmung kam, oh Wunder, überwiegend aus den Fraktionen rechts der Mitte, aber auch einzelne Abgeordnete der sozialdemokratischen S&D-Fraktion sowie der Liberalen stimmten dafür. Dem Ganzen liegt ein Antrag der französischen Konservativen Céline Imart zugrunde, die „ein echtes Verwechslungsrisiko“ beklagt.
Klar, was würde man denn auch erwarten, wenn man im Discounter seines Vertrauens nach veganer Wurst und plant-based Schnitzel greift? Fleisch natürlich! Der/die fleischfressende Verbraucher*in, der nicht die kognitiven Fähigkeiten hat, mehr als ein einziges Wort auf dem Etikett zu lesen, wird damit hinterlistig in die Falle gelockt. Man muss unbedingt vor der Abscheulichkeit veganer und vegetarischer Produkte geschützt werden! Wer weiß schon, wie viel Antibiotikarückstände in diesem gefährlichen Grünzeug stecken? Und glücklich war das Soja vor der Verarbeitung ja wohl auch kaum.
Wir können lesen! Wirklich!
Liebe Abgeordnete, denkt ihr, wir sind blöd? Traut ihr uns nicht zu, Wörter wie „Soja“, „Veggie“, „Vegan“ oder „Tofu“ zu kennen und einzuordnen? Ihr haltet uns für fähig, bei der Fortbewegung in tonnenschweren Stahlkästen, selbst eine angemessene und sichere Geschwindigkeit zu wählen, aber nicht eine vegane Bratwurst von einem Tierqualprodukt in Zylinderform zu unterscheiden? Dann hätte ich da noch einen anderen Vorschlag, wofür ihr eure Kapazitäten aufwenden könntet: das Bildungssystem. Wenn ihr unseren Intellekt so infrage stellt, dann sollten wir lieber dieses Problem angehen.
Bevor die Regelung in Kraft treten kann, müssen auch die 27 EU-Mitgliedstaaten zustimmen. Der Beschluss des Parlaments geht nun in Gespräche mit den Staaten über, um eine gemeinsame Linie zu erreichen. Die Bundesregierung hat sich bislang nicht zu dem Votum des Parlaments geäußert, doch unser allerliebster Bundeskanzler hat eine klare Meinung: „Eine Wurst ist eine Wurst. Wurst ist nicht vegan“, sagte er erst kürzlich in der ARD-Sendung Caren Miosga. Keine wirklich überraschende Aussage von einem Mann, der einen gelernten Metzger zum Bundesminister für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat gemacht hat. Dabei hat er nicht mal recht: Laut Duden ist eine Wurst auch “etwas, was wie eine Wurst aussieht, die Form einer länglichen Rolle hat” und kann damit ganz gewiss auch vegan sein.
Bratwurst statt Stange, Schnitzel statt Platte
Doch es gibt noch Hoffnung. Die meisten deutschen EU-Abgeordneten der Union lehnten den Antrag ab. Auch die Abgeordneten der Sozialdemokraten, Grünen und Liberalen gehörten zum größten Teil zum elitären Kreis der 247 Gegenstimmen. Es besteht also noch die Chance, dass die deutsche Regierung den Entwurf ablehnen wird und wir in Zukunft keine „Veggie Stangen“ und „Soja Platten“ essen müssen. Die Sprachpolizei muss vorerst nicht ausrücken.
Auf den Tag, an dem die Tiere eine so starke Lobby wie die Fleischindustrie haben, müssen wir wahrscheinlich noch lange warten. In der Zwischenzeit können wir den Politiker*innen dabei zusehen, wie sie sich den wirklich wichtigen Problemen widmen. Wir leben ja zum Glück in einer so friedlichen und harmonischen Welt und müssen uns um CO₂-Emissionen keine Sorgen machen. Lehnen wir uns einfach zurück und genießen unsere leckere Portion Hackschnitzel mit einem großen Glas Scheuermilch.
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