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„Meine Schwester wurde nach Hause geschickt, weil ihr Mantel zu lang war.“

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  • Mitra Sharifi und Christine Kämpfer geben Einblicke in den Iran, seine Frauenbewegung und die Kunst immer wieder aufzustehen.
Christine Kämpfer und Mitra Sharifi vor dem Institut für Orientalistik, Quelle: privat
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Dieser Artikel wurde am 25.01.2026 verfasst. In den letzten Wochen herrschten massive Proteste gegen das Regime im Iran, bei denen Tausende von Menschen getötet wurden. Zur Zeit der Veröffentlichung ist eine Art Stillstand eingekehrt. Dieser Artikel will sich, unabhängig von den aktuellen Entwicklungen, gezielt auf die Frauenbewegung im Iran konzentrieren. Weitere Informationen und eine Einordnung der aktuellen Ereignisse im Iran findet ihr hier


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Drei Jahre ist es her

Im September 2022 wird Jina Mahsa Amini im Iran von der Sittenpolizei festgenommen. Der Grund: Sie soll ihr Kopftuch nicht richtig getragen haben. Drei Tage später ist sie tot, gestorben in Gewahrsam der Polizei. Ihr Name geht daraufhin um die Welt und wird zum Symbol der Frauenrechtsbewegung, die sich seit Jahren im Iran formt.

„Zan, Zendegi, Azadi!“ skandieren die Demonstrierenden, anlehnend an den Slogan aus dem kurdischen Freiheitskampf: „Jin, Jiyan, Azadi!“, welcher übersetzt „Frau, Leben, Freiheit“ bedeutet. Viele junge Männer schließen sich den Protesten an und es beginnt ein regelrechter Kampf auf den Straßen Irans, welcher Tausende von Todesopfern fordert. Etliche Iraner*innen werden inhaftiert, gefoltert, getötet. Doch die Frauen kämpfen weiter für ihre Rechte, verbrennen Kopftücher auf offener Straße und widersetzen sich den strengen Regeln des Mullah-Regimes.

Über drei Jahre liegt diese Entwicklung nun zurück und es bleibt die Frage: Wie geht es den Frauen im Iran heute? Wie entsteht eine Frauenbewegung unter einem frauenfeindlichen Regime? Und was können wir von Ihnen lernen? Um das herauszufinden, treffe ich Frau Sharifi und Frau Kämpfer zum Gespräch. Doch zunächst stellen sie mir eine Frage: 

Was wissen Sie denn über den Iran?

Über ihre Teetasse hinweg schaut mich Mitra Sharifi Neystanak interessiert an und wartet auf meine Antwort. Sie ist Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Ausländer-, Migrations- und Integrationsbeiräte in Bayern (AGABY), Co-Vorsitzende des Migrantinnen- und Migrantenbeirats Bamberg, Persisch-Lektorin und -Dozentin an der Uni Bamberg und selbst aufgewachsen in Teheran, der Hauptstadt von Iran. Ihr Engagement für soziale und gesellschaftliche Integration wurde 2025 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Sie hat schwarzen Tee und Kekse mitgebracht, es sind Kichererbsen-Kekse, eine typisch iranische Süßigkeit. 

Zusammen mit ihr treffe ich heute Dr. Christine Kämpfer. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin und akademische Rätin am Lehrstuhl für Iranistik in Bamberg lehrt sie unter anderem über die Geschichte und Literatur des Iran. Sie selbst studierte und forschte an der Universität Teheran, hielt bereits zahlreiche Vorträge zu persischer Literatur und hat mehrere Publikationen zu dieser veröffentlicht.

Wir treffen uns im Institut für Orientalistik, Quelle: privat

Die Anfänge der Frauenbewegung

„Ich weiß, was man eben in den Medien hört“, antworte ich und gebe einen kurzen Abriss meiner Recherche. Daraufhin erklären mir die beiden, dass die Wurzeln der Frauenbewegung allerdings weit tiefer reichen, als zum Tod Jina Mahsa Aminis. Denn der Kampf um Frauenrechte begann schon im frühen 20. Jahrhundert, wobei die islamische Revolution eine Zäsur darstellte. Das war 1979, und Mitra Sharifi war mittendrin: 

Sharifi: „Ich war 16 damals und habe auch mit revoltiert. Ich war eine Schah Gegnerin und stehe immer noch dazu.

Der Schah (persisch für König) war zu jener Zeit Mohammad Reza Pahlavi, dessen Vater in den 1920ern die Pahlavi-Dynastie begründet hatte. Die rasante Modernisierung machte Iran zu einem fortschrittlichen Staat, doch profitierten von der westlich orientierten Politik nicht alle Bevölkerungsschichten gleichermaßen. Die autoritäre Staatsführung des Schahs ging mit fehlender demokratischer Partizipation sowie Unterdrückung der freien Meinungsäußerung einher, was zu landesweiten Aufständen führte.

Sharifi: „Damals sind Millionen von Menschen auf die Straße gegangen, als große Koalition von verschiedenen Kräften. Am Ende haben die islamischen Kräfte die Oberhand gewonnen, doch das war zum Anfang noch nicht absehbar. 

Wir sind immer für die Freiheit, Demokratie und Unabhängigkeit auf die Straße gegangen.

Kämpfer: „Es war keine islamische Revolution. Es wurde eine.

Was geschah danach? 

Sharifi: „Die Rechte der Frauen wurden sehr stark eingeschränkt.

Kontrolle, Kontrolle, Kontrolle

Es sei eine schleichende Unterdrückung gewesen. Zuerst hatten die Mullahs, die jetzt an der Macht waren, Kleiderordnungen in staatlichen Organisationen etabliert, dann im öffentlichen Leben. Der rechtliche Status der Frauen verschlechterte sich massiv, insbesondere im Familienrecht, z.B. wurden sie im Scheidungsrecht und Sorgerecht für Kinder eingeschränkt. Die Durchsetzung der Kleidervorschriften wiederum repräsentierte die Macht des Regimes und es gab immer wieder neue Vorgaben und Regeln. Irgendwann wollte das Regime Frauen in den privatesten Bereichen kontrollieren. 

Sharifi: „Meine eigene Schwester wurde nach Hause geschickt, weil ihr Mantel zu lang war. Zu lang!“ 

Dabei gab es keine islamische Erklärung für diese Maßregelung. Lange Mäntel waren zu dieser Zeit einfach in Mode gewesen. Es ging einfach nur darum, Kontrolle über die Frauen auszuüben, ob über Kleidung, Essen, Trinken, die Musik, die man hörte oder sang. Frauen sollten sich nicht trauen, das zu tun, was sie wollten. 

Nicht mit uns!

Repressionen überall. Doch anstatt sich zu unterwerfen, leistet das iranische Volk Widerstand. Besonders junge Frauen gehen für ihre Rechte auf die Straße und erkämpfen sich immer wieder kleine Freiheiten, wie zum Beispiel ihre Haare nur halb unter dem Hijab zu bedecken.

Sharifi: „Trotz des massiven Drucks hat das Regime es nicht geschafft, die Frauen nach seinen Vorstellungen zu formen. Das ist aus meiner Sicht gescheitert.

In dieser Zeit entwickelt sich eine „echte Frauenbewegung“, so Sharifi, eine von unten. 

Das Besondere ist also, dass nun auch Frauen aus einfacheren Gesellschaftsschichten ihre Stimme erhoben, obwohl gerade sie es waren, die das Regime versuchte, klein zu halten und die es viel schwieriger hatten, eine Veränderung anzustoßen. 

Sharifi: „Das Regime hat durch die Repression genau das geschaffen, was sie nicht wollten: Eine Generation starker Frauen. Je mehr Unterdrückung, desto mehr Rebellion.
Ich habe Freundinnen, die sagen: Ich werde mich nicht mehr bevormunden lassen, dieses Kopftuch zu tragen, sollen sie mit mir machen, was sie wollen.

Hierbei geht es nicht um das Kopftuch als solches, denn viele Frauen wollen es sogar tragen, zum Beispiel aus religiösen Gründen. Es ist der Zwang, den die Frauen ablehnen, denn sie wollen selbstbestimmt über ihren Körper bestimmen. 

Eine Generation unter Druck

Woher kommt diese Kraft?

Sharifi: „Ich denke es ist der Leidensdruck. Irgendwann sagst du: Ne, ich mach nicht mehr mit, jetzt ist das Maß voll. 

Weitere Punkte sind Bildung und einfach Globalisierungsprozesse, die stattfinden. Durch das Internet besteht der Zugang zu einem internationalen feministischen Diskurs. Junge Menschen im Iran wollen leben, wie junge Menschen überall auf der Welt.

Auch Kämpfer erlebte das bei ihrem Teheran-Aufenthalt 2012. Ein Jahr lang studierte sie in der 15 Millionen Stadt und erfuhr trotz staatlicher Kontrolle viel Positives. Die Menschen waren sehr herzlich und freundlich. Aber dann war da diese Hoffnungslosigkeit der jungen Generation. Für einen zeitlich begrenzten Aufenthalt war das Kopftuch nicht das Hauptproblem, daran gewöhne man sich schnell. „Aber dass man es einfach nicht ablegen darf, einfach niemals! Dass dein Wert, wie Leute dich behandeln, auf einem Stück Stoff liegt, das ging nicht in meinen Kopf rein.“

Es war nicht gewünscht, dass man sich frei entfaltet...

Und trotzdem haben die Leute das gemacht.

Und jetzt?

Immer noch stehen Frauen im Iran unter großem Druck und riskieren ihr Leben, wenn sie sich den Vorschriften des Regimes widersetzen oder ihre Stimme gegen die Ungerechtigkeiten erheben. Doch ihr Mut zeigt Wirkung: Heute, 2026 ist der Hijab-Zwang praktisch nicht mehr durchsetzbar und auf den Straßen Irans und man sieht Frauen mit, sowie ohne Kopfbedeckung nebeneinander herlaufen. Eben so, wie sie es wollen. Dafür sorgte auch die Welle an Protesten, die nach dem Tod Jina Mahsa Aminis, wie ein Tsunami über das Land und die ganze Welt rollte. Durch ihren Tod ist etwas geboren, etwas, das nicht sterben kann: Der Geist des Widerstandes.

Zen, Zendegi, Azadi!

Irgendwann ist der Tee ausgetrunken und Frau Sharifi und Frau Kämpfer müssen gehen. Ich bedanke mich für das Gespräch und meine es so. Heute habe ich viel gelernt. Es bringt eben nichts, Frauen irgendetwas vorzuschreiben, sie müssen selbst entscheiden dürfen. Und egal wie viel Schmerz das Regime den Frauen im Iran zufügt, ihr Wille ist größer, das ist gewiss. Deshalb ist es sicher auch nur eine Frage der Zeit, bis man ihre Rufe wieder durch die Straßen Irans schallen hört. Sicher ist auch: Sie werden nicht allein sein, denn der Frauenkampf im Iran bedeutet Freiheitskampf für alle Menschen! 

Zen, Zendegi, Azadi!

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