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Willkommen im Mekka der Spießbürgerlichkeit
Dunkel Hell

Willkommen im Mekka der Spießbürgerlichkeit

  • Das kleine Domstädtchen Bamberg ist super – vielleicht wenn man ein japanischer Tourist ist oder ein katholischer Rentner, der hier einen ruhigen Lebensabend verbringen will. Aber Studenten seid gewarnt, wenn ihr hier euer Studium absitzen wollt...

Klar, die ersten Semester in Bamberg sind toll. Es gibt viel Neues zu entdecken: die Altstadt, die Bierkeller, die Sandstraße… Doch spätestens, wenn man Sonntagmorgens vom Glockenschlag einer der 47 Kirchen in Bamberg aus dem Bett geworfen wird, hört der Spaß auf. Aufstehen lohnt sich am Wochenende aber sowieso nicht. Denn die meisten Studis flüchten dann — vor den Buskolonnen voller amerikanischer Touristen in Bermuda-Shorts oder Rentnerherden, angeführt von einer hysterischen Reiseleiterin mit rotem Schirm. Als ob das einen geregelten Straßenverkehr nicht sowieso erheblich behindern würde, besteht Bamberg nur aus Einbahnstraßen. Außerdem lauert hinter jeder Ecke eine Politesse mit gezücktem Strafzettel auf Falschparker.

Mehr Qual als Wahl: Männerbeschau in Bamberg

Gewarnt sollten auch Studentinnen sein, die hoffen, im Studium den Mann fürs Leben zu finden. Vergesst es! Studiert lieber an einer Universität mit Jura‑, Medizin- oder Sportfakultät. Hier sind die Männer später wenigstens reich oder zumindest muskulös. In Bamberg kommen auf einen Studenten nämlich etwa 20 Studentinnen. Da ist die Auswahl natürlich beschränkt und die Konkurrenz groß. In der Regel hat man also die Wahl zwischen dem BWLer mit Polo-Shirt oder dem Pädagogen mit Vollbart und Strickpulli. Sorry, manche Klischees sind eben nicht aus der Luft gegriffen. Aber wie soll man(n) sich auch vernünftig kleiden, wenn Pimkie und New Yorker die Fußgängerzone dominieren?

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Öfter mal was Neues? Sicher nicht in der Domstadt!

Sicher ist zumindest, dass man nach spätestens zwei Semestern alle an der Uni kennt. Was bedeutet, dass man nicht ungeschminkt aus dem Haus gehen kann ohne gefragt zu werden, ob man gestern zuviel gefeiert hat. Das Feiern – auch so eine Sache: Nach fünf Semestern Live-Club, Morph und zahllosen participates kommt einem eine Diskothek im ostdeutschen Hinterland vor wie eine P.Diddy-Party in St.Tropez. Zumindest kennt man dort vermutlich keinen. Wer etwas Neues erwartet, ist im mittelalterlichen Bamberg falsch. Und so begegnet einem auch abends der ungekämmte Pädagoge wieder an der Bar. Da wenigstens das Bier in Bamberg gut ist, trinkt man sich die abgerissene Cordhose schön und nimmt den Typen darin mit nach Hause. Allerdings ist man, vor der Haustür angekommen, wieder viel zu nüchtern und realisiert die Fehlentscheidung. Gut, dass man nach Hause laufen musste, weil in Bamberg die Busse nach 20 Uhr nicht mehr fahren! Das gibt einem genug Zeit, Entscheidungen zu überdenken…

[Aus Ausgabe 59, 2004]

von Bianka Morgen

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