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Wenn Frauen zuschlagen
Dunkel Hell

Wenn Frauen zuschlagen

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Auf einer Onlineplattform erzählt Userin Alisa94 ihren Internetfreundinnen von einem Streit mit ihrem Freund: „Stellt euch vor, Lukas hing doch gestern echt wieder den ganzen Tag mit seinen Kumpels ab, statt einen gemütlichen DVD-Abend mit mir zu verbringen! So ein Egoist! Und dann haben wir uns gestritten. Er meinte, ich würde ihm schrecklich auf die Nerven gehen. Da hab ich ihm eine geknallt.“ Die Freundinnen reagieren verständnisvoll: „Das hat er verdient. Zeig ihm, dass es bei dir auch Grenzen gibt!“

Der Teufelskreis der Scham

Wem diese Szene in keiner Weise skandalös vorkommt, der vertausche bitte einmal die Geschlechterrollen. Immer noch normal? Immer noch in Ordnung? Bei dem oben genannten fiktiven Beispiel handelt es sich bereits um häusliche Gewalt. Das ist ein Sammelbegriff für sowohl physische als auch psychische Gewalt unter Partnern oder Familien- mitgliedern, wie etwa Selbstmorddrohungen oder ausartende Sorgerechtsstreitigkeiten. Vor allem bei körperlichen Angriffen sind oft Frauen die Bedrängten. Politik und Gesellschaft haben darauf mit Hotlines, Frauenhäusern und breit gestreuten Beratungsangeboten reagiert. Mit der Unterstützung für misshandelte Männer sieht es leider deutlich schlechter aus. Dabei wäre auch hier der Bedarf groß.

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Anlaufstellen für männliche Opfer häuslicher Gewalt sind äußerst spärlich gesät. Mangelnde Angebote und eine anscheinend geringe Nachfrage bilden einen Teufelskreis, sodass viele Betroffene gar nicht aktiv nach Hilfe suchen. Ein Hauptgrund dafür ist Scham. Ein Mann als Opfer ist nicht mit unserem Rollendenken vereinbar, sondern wird schnell als Schwächling abgestempelt.

Männer haben gelernt, dass es für sie bei Beratungen nichts zu holen gibt

Hilfe jenseits der Klischees

Vor allem Familienväter erdulden Peinigungen durch ihre Partnerin oft lange, um gemeinsame Kinder zu schützen oder den Kontakt zu ihnen nicht aufs Spiel zu setzen. Denn selbst wenn ein Mann die Polizei einschaltet, ist das Risiko gegeben, dass das Sorgerecht der Mutter zugesprochen wird. Es passt einfach viel zu gut ins Klischee, dass der Mann der Täter und die Frau das Opfer ist. „Männer haben gelernt, dass es für sie bei Beratungen nichts zu holen gibt“, erklärt Wolfgang Rosenthal vom Verein Männerwohnhilfe in Oldenburg, einem der drei Männerhäuser in Deutschland. Der Verein stellt Männern in häuslichen Krisensituationen kurzfristig Wohnraum zur Verfügung, um durch eine räumliche Trennung die Lage zu entschärfen.

Eine weitere Initiative ist der Gewaltschutz für Männer der Sozialberatung Stuttgart e.V., der durch ein aufklärendes Pilotprojekt im März 2015 große mediale Aufmerksamkeit erfuhr. Die Verantwortlichen hoffen, künftig die stark beschränkten finanziellen Mittel erhöhen und so das Angebot ausbauen zu können. Jedoch soll es dabei nicht nur um Männer gehen. „Stereotype führen zu ungleichen Beratungsangeboten“, meint der Erziehungswissenschaftler Jürgen Waldmann.

Hilfe in Bamberg

In Bamberg und Umgebung gibt es keine Angebote, die speziell auf misshandelte Männer ausgerichtet sind. Aber wer genauer sucht, stellt fest: Hilfesuchende Männer werden an typischen Anlaufstellen für Frauen nicht abgewiesen. Natürlich können sich Betroffene auch an allgemeine Beratungsstellen wie den Weissen Ring wenden. Speziell in Bamberg gibt es aber noch eine andere Möglichkeit. Wer die Nummer 0951/986 8730 wählt, landet bei Marlies Fischer. Die Diplomsozialarbeiterin ist zusammen mit Kollegin Ute Staufer beim Notruf bei sexualisierter Gewalt für die Beratung zuständig. Das Angebot richtet sich nicht ausschließlich an Frauen. Vier Männer suchten im vergangenen Jahr Hilfe bei der Beratungsstelle, so Fischer. Die Dunkelziffer der von Gewalt Betroffenen sei aber sicherlich höher. Der Vorteil bei dieser Anlaufstelle: Telefongespräche und persönliche Beratungssitzungen sind auf Wunsch des Betroffenen anonym und die Beratung ist kostenlos.

Die mögliche Dunkelziffer an schweigenden Opfern stimmt nachdenklich. Es wird Zeit, mit den Vorurteilen aufzuräumen. Wenn Männer Opfer von Gewalt werden, sind sie deshalb weder schwach, noch sollten sie sich schämen müssen. Erst recht nicht, wenn es darum geht, sich Hilfe zu suchen.

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