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Wenn der Mensch vergisst
Dunkel Hell

Wenn der Mensch vergisst

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  • Antigonis Großmutter hat Demenz und vergisst Tag für Tag ein weiteres Stück ihres Lebens. Bald fliegt die KoWi-Studentin zu ihr nach Griechenland. Wie sie mit der Situation umgeht.

Wie geht es dir, Oma?“, frage ich und klemme mir das Handy unters Ohr. „Naja, gut gut gut“, kommt es von der anderen Seite der Leitung zurück. „Und wie ist das Wetter bei euch?“, „Regen, Regen, Regen. Kälte, Kälte, Kälte.“ Okay. „Was werdet ihr heute zu Mittag essen?“ Nach langem Stammeln und Überlegen antwortet sie: „Bohnen. Kommt um 13 Uhr zum Essen.“ Ohje. Eigentlich wäre es das Normalste der Welt, bei ihr zu essen – würde sie nicht 2000 Kilometer entfernt wohnen. „Oma wir sind doch in Deutschland. In zwei Monaten werden wir zusammen essen“. Vorausgesetzt, du hältst es noch so lange aus, denke ich.
Meine Oma hat Demenz. Nun schon im fortgeschrittenen Stadium. Zunächst dachte meine Familie, ihre Vergesslichkeit läge „nur“ an ihrem Alter, doch ein Computertomogramm ergab, dass viele kleine Hirnschläge diesen Schaden verursacht haben. Seit ihrer Krankheit ist meine Oma eine andere. Das habe ich gesehen als ich sie im Frühjahr in Griechenland besuchte. Kaum vorstellbar, dass diese Frau, die im März still, regungslos und mit leerem Blick vor mir saß, einmal die Frau gewesen ist, die rund um die Uhr die ganze Großfamilie versorgt hat.

Seit ich denken kann, war meine Oma in Bewegung: Arbeiten, Einkaufen, Kochen oder Putzen – immer gab es etwas zu tun und immer musste alles perfekt bei ihr sein. Wenn wir sie und meinen Opa in den Sommermonaten besuchten, gab es nichts, was sie nicht für uns tat. Ihre Liebe zu uns, ihrer Familie, war unendlich. Vor allem liebte sie es, uns zu bekochen und tat dies mit der Leichtigkeit einer Sterneköchin. Wenn sie jetzt die Küche betritt, räumt sie nur verwirrt Geschirr und Töpfe raus und weiß nichts mehr damit anzufangen. Früher rief sie nahezu jeden Tag an und redete wie ein Wasserfall. Sie erkundigte sich nach ihren Enkelkindern und vergaß nie auch nur ein Ereignis. Diesen Winter rief sie nicht einmal zu Weihnachten an. Und als ich im März neben ihr saß und ihre Hände hielt, konnte sie mir nur sagen, dass diese kalt seien – einen anderen Satz brachte sie nicht zustande. Die Neurologin meinte, wir müssten uns darauf vorbereiten, dass sie keinen weiteren Sommer erleben und uns davor eventuell nicht einmal mehr erkennen wird. Aber wie bereitet man sich darauf vor, seine Großmutter zu sehen, die all die bunten, lauten Sommertage mit uns vergessen hat? Die ihre Familie vergessen hat? Darauf kann man sich nicht vorbereiten. Es ist, als hätte sie uns jemand weggenommen und eine leere Hülle zurückgelassen – ohne die Möglichkeit eines Abschieds.

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Das Telefon klingelt, meine Mutter geht ran. Ihr Gesichtsausdruck verheißt nichts Gutes. „Oma hat heute Tante zunächst nicht erkannt“. Es ist nun also soweit – sie vergisst auch uns. Meine Mutter fliegt bereits nächste Woche für ein paar Tage zu meiner Oma, bevor ihr Zustand sich noch verschlechtert. Was mich angeht: Ich muss nun darauf hoffen, dass meine Großmutter mich bis zum Sommer nicht vergessen hat.

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