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Warum ich liebe was ich tue: Der Sexshop-Besitzer
Dunkel Hell

Warum ich liebe was ich tue: Der Sexshop-Besitzer

  • Warum ich liebe was ich tue: Teil 15 unsere Serie über Menschen, die wenig zu klagen haben. Dieses Mal: Baldur Hickl, 72, Besitzer zweier Sexklusiv-Sexshops in Bamberg und Coburg.

Seit knapp 20 Jahren bin ich nun schon im Geschäft. Einiges hat sich in dieser Zeit geändert, anderes ist gleich geblieben. Immer wieder bekommt man die gleichen Fragen gestellt, beispielsweise wie ich überhaupt zu einem Sexshop gekommen bin. Meine Antwort: Wie die Jungfrau zum Kinde. Geplant war da gar nichts. Eigentlich hatte ich eine Ausbildung zum Drogisten gemacht, eröffnete 1984 meine eigene Drogerie in Helmbrechts, einer bayerischen Kleinstadt. Doch durch die Konkurrenz ging der Laden pleite. 1996 übernahm ich dann den Sexshop meines Bruders. Nicht alle waren mit dieser Entscheidung glücklich. In einer Stadt mit 10 000 Einwohnern, in der jeder jeden kennt, wird eben auch viel geredet. Besonders meine Frau hatte daran zu knabbern.

Wegzoll im Sexshop

Heute sind die Zeiten anders. Die Leute sind offener. Das merkt man zum Beispiel daran, dass ich mich früher regelrecht erschrocken habe, wenn eine Frau den Laden betrat. Heute hingegen ist das Geschlechterverhältnis zum Großteil ausgeglichen.

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Dennoch wird die Sexsparte ihr Schmuddel-Image nie ganz verlieren, was mir auch Beate Uhse persönlich versicherte. Natürlich leiden wir sehr unter der Konkurrenz durchs Internet. Mittlerweile kann man dort fast alles günstiger bekommen. Ich habe sogar schon überlegt, fünf Euro Eintritt von jedem Kunden zu verlangen, der sich bei uns beraten lässt und Waren abfotografiert, um letztendlich doch im Internet zu bestellen. Auch das Kontaktanzeigengeschäft hat sich aufs Internet verlagert. Vor einigen Jahren haben wir von unseren Kontaktanzeigenkatalogen wöchentlich 300 Stück verkauft, heute sind es vielleicht noch zehn. Aber obwohl es unzählige Pornoseiten im Internet gibt, sind unsere DVDs und VHS-Kassetten immer noch ein Dauerbrenner. Der vielbeschworene Aufschwung durch Fifty Shades of Grey ist bei uns aber ausgeblieben. Die haben das Rad ja auch nicht neu erfunden und Bondagezubehör ging immer schon gut. Letztendlich ist das, was da erzählt wird auch nur 08/15 und in vielen Groschenromanen geht es wesentlich härter zu.

Ein Vibrator für Oma

Der Abzug der amerikanischen Soldaten erschwert uns zusätzlich das Überleben. Sie waren unsere Hauptkundschaft und haben gerne mal für mehrere hundert Euro eingekauft. Seitdem verirrt sich nur noch selten ein Kunde in unsere Läden, von denen wir schon zwei schließen mussten. Über Wasser hält uns der Außenhandel meiner zwei Söhne, die in ganz Bayern Wäsche an die Damen des Gewerbes vertreiben.

Solange dieses Geschäft gut läuft, haben auch wir eine sichere Einnahmequelle. Viagra würde theoretisch auch gut laufen, da immer danach gefragt wird. Leider sind wir nicht berechtigt, es zu verkaufen, da es nur in Apotheken erhältlich ist. Aber nicht nur Apotheken und das Internet machen uns Konkurrenz, sondern auch Drogeriemärkte wie beispielsweise Müller. Von Kondomen über Pornos bis hin zu Vibratoren ist dort ebenfalls alles erhältlich, und das zu einem Preis, der oft noch unter dem Einkaufspreis liegt. Es fehlt natürlich die persönliche und professionelle Beratung in einem intimen Umfeld. Aber genau das ist es, was ich an meinem Beruf so liebe: Der Kontakt zu meinem Kunden und die persönliche Beratung, auch wenn das sehr trivial klingen mag. Das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb auch 85-jährige Frauen kein Problem damit haben, in meinen Laden zu kommen, um nach einem Vibrator zu fragen. Und deswegen bereitet mir mein Beruf trotz allem auch mit meinen 72 Jahren noch so viel Freude, dass ich so lange weitermachen möchte, wie es mir möglich ist.

[Aus Ausgabe 95, 2015]

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