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Sex mit Hilfestellung
Dunkel Hell

Sex mit Hilfestellung

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Alf und Ursel haben sich bei der Arbeit kennengelernt. Sie trafen sich bei einer Zusammenkunft ihrer Werkstätten. „Bei mir hat es eigentlich eher gefunkt als bei ihm“, erinnert sich Ursel lächelnd. Doch auch Alf war bereits beim ersten Date „hin und weg“, verspürte ein fremdes Gefühl und konnte nicht schlafen. Im Bauch kribbelte es. Ursel und Alf lieben sich. Sie kennen sich seit fast 15 Jahren, sind seit zehn verheiratet. Sie unterstützen einander, wo es nur geht. Sie führen eine glückliche Beziehung. Doch ihre Sexualität können sie nicht so leben, wie wir es gewohnt sind. Ursels und Alfs körperliche Behinderungen binden sie an den Rollstuhl. Wollen sie miteinander schlafen, muss ein Betreuer sie zuvor ausziehen, waschen und ins Bett legen. Man will sich ja auch attraktiv fühlen. Spontan ist das aber nicht.

Langsames Umdenken

Häufig existieren Mauern in unseren Köpfen, wenn es um Sex bei Menschen mit körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung geht. Doch der Diskurs hat sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt. Früher sprach man Menschen mit Behinderung einfach die Sexualität ab, denn solange man nicht darüber redete, musste man sich auch keine Gedanken darüber machen.

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Wie funktioniert Selbstbefriedigung?

Auch Hardy, ein tougher Mittfünfziger, sitzt im Rollstuhl. Vonseiten der Familie musste er sich in seiner Jugend Sätze anhören wie: „Du bist behindert. Du musst damit fertig werden, dass du eh keine Frau bekommst.“ – Sätze, die keine besondere Boshaftigkeit, sondern das damals übliche Denken zum Ausdruck brachten. „Mittlerweile, momentan, betrachte ich die Situation als relativ gut. Heutzutage gibt es kaum noch Eltern, die ihren Kindern die Sexualität einfach absprechen würden“, so Michael Seiller, Psychologe der Lebenshilfe Bamberg.

Assistenz versus Prostitution

Auch Professorin Annette Scheunpflug, Lehrstuhlinhaberin der Allgemeinen Pädagogik in Bamberg, beobachtet ein langsames Umdenken seit den 70er Jahren, ausgelöst vor allem durch die Selbstbestimmungsbewegung der Menschen mit Behinderung selbst. „Die Frage, die im Moment diskutiert wird, ist: Wie viel Assistenz kann man, soll man, möchte man Menschen mit Behinderung in ihrer Sexualität ermöglichen? Welche Form von Assistenz? Wo laufen da genau die Grenzen zwischen Assistenz und beispielsweise Prostitution?“ Stefan Kornherr, Ansprechpartner bei der Bezirksstelle der Diakonie in Coburg, ist dagegender Ansicht, dass man Menschen mit Behinderung ein Recht nicht verweigern könne, das auch jedem anderen zugestanden werde. Letztlich sei es eine persönliche Entscheidung der Betroffenen, ob man Sexualassistenz in Anspruch nehme. „Ein Bekannter von mir meinte mal: Im Zuge der Inklusion besuche ich eine normale Prostituierte, keine Assistenz“, erinnert er sich lachend.

Verkrampftes Deutschland

Hardy hat schon Erfahrungen mit professioneller Assistenz gesammelt. „Ich wäre vermutlich Jungfrau geblieben, wenn es diese Form der Sexualität nicht gäbe“, erzählt er. Nichtsdestoweniger ist da die Sehnsucht nach einer Partnerin, die ihn liebt, mit der er Sexualität auf einer emotionaleren Ebene erleben könnte. In einer festen Beziehung war er noch nie. Er befürwortet deshalb sexuelle Unterstützung, auch wenn er sie nur selten in Anspruch nehmen kann. Seiner Meinung nach geht Deutschland noch sehr verkrampft mit dem Thema um.

Etwa 300 Euro muss er für zwei Stunden bezahlen, natürlich aus eigener Tasche. In den Niederlanden hingegen gibt es teils sogar staatliche Zuschüsse. Gut so, findet Alf, denn gerade für Menschen mit Spastik ist Sexualität auch aus einem anderen Grund wichtig: Sex hilft ihnen, den ganzen Körper zu entspannen. Im Alltag stehen ihre Nerven unter ständiger Anspannung. Vor Gericht für die Liebe In der Partnerschaft stehen Menschen mit Behinderung hingegen vor den gleichen Problemen wie alle anderen auch. „Es gibt überall Zoff, egal ob das nun eine ‚normale‘ Beziehung ist oder nicht“, sagt Ursel. Beziehungen zwischen einem Menschen mit Behinderung und einem Partner ohne sind dennoch selten. Häufig, weiß Stefan Kornherr, ist es einfach eine Frage der Begegnung: „Die Menschen leben in Parallelwelten.“ Egal ob bei der Arbeit, in der Schule oder während der Freizeit, meist bleiben Menschen mit Behinderung unter sich. Hinzu kommen die Ängste der Partner ohne Behinderung, ob sie eine gleichberechtigte Beziehung eingehen oder Hoffnungen wecken, die sie nicht erfüllen können.

Die Menschen leben in Parallelwelten

Eine glückliche Beziehung, egal in welcher Konstellation, kann häufig durch das Umfeld erschwert werden. Auch Ursels Familie hat ihre Beziehung mit Alf nicht akzeptiert. Ihre Eltern konnten nicht verstehen, dass sie zusammen mit Alf ihren eigenen Weg gehen wollte. Ihr Bruder, zugleich ihr Betreuer, wollte gar sein Einverständnis verweigern. „Ich bin dann hier in Coburg aufs Gericht und habe dort gesagt, dass ich meinen Bruder nicht mehr als Betreuer möchte, der kümmert sich eh nicht um mich, der guckt nur, dass er das Geld bekommt.“ Der Richter gestattete ihr daraufhin, sich eine neue Betreuerin zu suchen, die das Paar bei den Heiratsplänen und der Wohnungssuche unterstützte.

Das Recht auf Kinder

Neben dem Recht auf Sexualität und Beziehung wird im Falle von Menschen mit Behinderung häufig auch das Recht auf Kinder kontrovers diskutiert. Während Ursel sich durchaus hätte Nachwuchs vorstellen können, war Alf von Anfang an der Meinung, dass er einem Kind nicht unbedingt alles bieten könnte, was es braucht. Auch Stefan Kornherr weist darauf hin, dass es manchmal ein Spannungsverhältnis zwischen dem Kinderwunsch der potenziellen Eltern und dem Recht eines Kindes auf sein eigenes Wohl gebe. Gerade dafür gebe es aber auch Hilfsformen, zum Beispiel die begleitete Elternschaft, welche Menschen mit Behinderung bei der Erziehung ihrer Kinder unterstützt. Grundsätzlich, findet er, „ist der Wunsch nach Kindern nicht von vornherein abzulehnen“.

Eltern unter Zugzwang

In der Schul- und Tagesstätte der Lebenshilfe in Bamberg kommt Psychologe Michael Seiller vor allem in Kontakt mit jungen Menschen. Damit einher geht das Thema Aufklärung. In der Schule wird Sexualkunde gelehrt, simpel und mit vielen Wiederholungen. Bei Menschen mit geistiger Behinderung steht man häufig vor der Schwierigkeit, dass sich der Körper schneller als der Geist entwickelt, sodass die Kinder mit eben dieser Körperlichkeit nicht umzugehen wissen. Da ist es Aufgabe der Eltern, zu erklären. „Wir unterstützen die Eltern, was sie nun anleiten können. Zum Teil müssen die Eltern in Diskussionen einsteigen, die ansonsten Jugendliche untereinander klären können. Ganz konkret etwa die Frage: Wie funktioniert Selbstbefriedigung?“ So versucht man gemeinsam, eine angemessene Unter- stützung zu finden, die die Kinder nicht überfordert. Nicht immer ging man mit Aufklärung so offen um: Früher schnitt man das Thema in Schulen höchstens an, offen darüber geredet wurde nie. Auch viele Eltern versuchten, die Reifung der Sexualität ihrer Kinder auszublenden. Sie schafften es häufig nicht, aus ihrer Elternrolle auszubrechen und dem Heranwachsen ihres Kindes gerecht zu werden. Laut Seiller ist es oft hilfreich, externe Personen einzubeziehen. Oft falle es den Schülerinnen und Schülern dann leichter, auch über persönliches Empfinden zu sprechen.

Das Thema der Sexualität bei Menschen mit Behinderung ist so komplex, wie die Gruppe der Betroffenen divers ist: Es gibt Schwerstbehinderte mit hohem Assistenzbedarf und Menschen, die in ihrem Alltag kaum eingeschränkt sind. Und selbst wenn sie im Rollstuhl sitzen, bietet ihnen das Leben noch viele Möglichkeiten. Ursel und Alf haben mittlerweile gemeinsam Edinburgh, Ungarn und Rumänien bereist. Einen Betreuer brauchen sie nicht mehr, meinen sie. Seit sie sich kennen, können sie alles gemeinsam stemmen.

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