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Ja, ich will — nicht mit 21 heiraten
Dunkel Hell

Ja, ich will — nicht mit 21 heiraten

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  • Ich telefoniere nicht gerne. Schon gar nicht vor meinem ersten Kaffee. Meinen Opa scheint das aber nicht sonderlich zu interessieren. Ein reflektierender Bericht.

Es ist acht Uhr. Mein Wecker klingelt zum dritten Mal. Ich bin einer dieser Menschen, die ihren Handywecker eine halbe Stunde, bevor man tatsächlich aufstehen muss, im Zehnminutentakt stellen. Leider hilft das heute alles nichts. Meine Acht-Uhr-Vorlesung kann ich vergessen.
Als ich es um halb zehn endlich halbwegs wach aus dem Bett schaffe, sehe ich eine SMS meiner Mama. Angekommen um 6:52 Uhr. Super, jetzt weiß sie, dass ich verpennt habe, wenn ich ihr um halb zehn auch mal antworte. Wie war es mir bitte zu Schulzeiten möglich, jeden Morgen um sechs Uhr aufzustehen? Ich bin genervt. Morgens ist ohnehin nicht meine Zeit. Erstmal Kaffee, ohne Kaffee geht nichts. Während ich mit schläfrigem Blick auf die Maschine schaue, klingelt das Telefon.

„Ja, hallo?“ „Hallo Schiara [Ja, so spricht mein Opa meinen Namen tatsächlich seit 21 Jahren aus.] Ich wollte mal hören, wie es dir geht?“ Ich schaue auf die Uhr. 9:42 Uhr. Ich hatte noch keinen Kaffee. Überlege mir, wie schön es wäre, mir jetzt die Kugel zu geben. „Hallo, schön von dir zu hören! Hier ist alles gut. Stress in der Uni – wie immer. [Lüge] Wollte mich gerade schminken und mich dann auf den Weg machen.“ [Auch gelogen — ich hatte mit mir selbst noch nicht hinreichend diskutiert, ob es Sinn machen würde um zehn Uhr in die Uni zu gehen, jetzt, wo ich schon die Acht-Uhr-Vorlesung verpasst habe.] „Ach ja, die Uni. Bist du nicht auch bald fertig? Die drei Jahre sind ja bald rum. Hast du schon ein Angebot für einen Job?“ Danke. Genau das ist es, was ich morgens um kurz vor zehn brauche. Eine taktlose Erinnerung an die für mich mittlerweile vollkommen unmachbare Regelstudienzeit.

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Wieder wird mir bewusst, warum ich Morgenstunden hasse, wenn ich sie nicht gerade betrunken auf dem Heimweg verbringe.

Immer noch kaffeelos antworte ich: „Ja, das dauert noch. Ne, Job hab ich noch keinen. Muss erstmal Praktika machen.“ „Stimmt, das braucht man ja heute alles. Hättest du mal was Richtiges gelernt, da würdest du jetzt schon dein eigenes Geld verdienen und verheiratet wärst du auch schon.“ Okay. Das war zu viel. Ich nuschle ein schnelles „Ja, hast Recht“ in den Hörer und nutze Trick 17 der ungeliebten Telefonate: „Du, es hat geklingelt. Ich muss mal auflegen und gucken. Tschüüüüüss.“ Bevor er die Möglichkeit gehabt hätte mir zu antworten, liegt das Telefon schon neben mir auf dem Tisch. Meine Laune ist dahin. Ohne, dass sie die geringste Chance gehabt hätte, überhaupt aufzukommen.

Verheiratet – als ob. Man könnte denken, dass ich diesen Satz schnell wieder vergesse. Aber nein. Tatsächlich ist er in meinem Kopf präsenter als ich es gerne hätte. Ich meine, Recht hat er. Zumindest in seiner Welt, in der es wahrscheinlich so verankert ist früh zu heiraten, dass eine andere Priorität für ihn unvorstellbar ist. In seiner Welt gab es wahrscheinlich auch keine andere Möglichkeit, war man wahrscheinlich froh, jemanden Nettes zu finden, der heiraten wollte. Aber 2016?

Heutzutage ist doch ein flapsiges „Lieb‘ dich“ das anerkannte Pendant zu „Ich liebe dich“.

Und wenn ich Facebook öffne, denke ich mir oft genug, dass einige Paare wohl mehr damit beschäftigt sind, ihre Beziehung in sozialen Netzwerken zur Schau zu stellen, als sich in der Realität damit zu befassen. Manchmal habe ich das Gefühl, nicht mehr das Internet ist für uns Neuland, sondern das reale Leben. Facebook bringt uns dazu, das Erlebte sofort zu benennen und mit einem Emoji zu versehen. Tinder lehrt uns, welche Art von Partner wir auf gar keinen Fall wollen. Und Instagram zeigt uns, wieviel besser das Leben der Anderen ist.
Wie soll man da bereit sein zu heiraten? Wie soll das gehen, wenn ich mein Essen zwar wunderbar von oben fotografieren kann [Insta-Filter richten auch die schlechtesten Fotoskills], aber nicht in der Lage bin, was „Richtiges“ zu kochen [nein, Nudeln, Tiefkühlpizza und Salat sind wohl nichts „Richtiges“, nach meinen Großeltern]. Keine vernünftige Basis für eine Ehe – außer mein Partner liebt Chicken Nuggets genauso sehr wie ich.

Kennt ihr das: Ihr kauft euch ein Kleid, freut euch mega darüber, alles ist toll und ihr würdet es am liebsten nie wieder ausziehen? Dann, Tage später, seht ihr, dass es reduziert ist und ihr ärgert euch, dass ihr es nicht abwarten konntet. Ich glaube, so ist es in gewisser Weise auch mit Beziehungen. Man hat immer das Gefühl, es kommt was Besseres.

Man könnte noch mehr bekommen. Aber in Beziehungen läuft das nicht. In Beziehungen passt es oder eben nicht. Das muss jeder selbst entscheiden. Ich muss jetzt nicht heiraten, um mich abgesichert zu fühlen. Wenn andere das wollen, bitte. Ich kann mich auch ohne Hochzeit sicher fühlen — wenn nur der Rest stimmt.

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