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Fast echt

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  • Er trägt Mullet und ein Septum. Seine Worte wirken tief, seine Nähe sanft. Zwischen echter Anziehung, moderner Romantik und der Frage nach Authentizität, muss Marlis erkennen: Der Schmerz liegt darin, nicht zu wissen, ob man neben einem Menschen oder nur einem Konzept liegt. Eine Kurzgeschichte über performative males und die Sehnsucht nach echter Verbindung.
Wie es ist mit einem performative male zu schlafen

Der Schwof war brechend voll, die Musik höllisch laut und die Turbomate stark genug, um sich für ein paar Stunden ein wenig selbst zu verlieren. Marlis versuchte, sich zur Bar durchzuquetschen. Gerade als sie dachte, sie könne als Nächstes an den Tresen, rempelte sie jemand von hinten an. Dann spürte sie, wie etwas Kaltes, Klebriges über ihre linke Schulter und ihren Arm floss. Sie war klitschnass. “Waaahhhh, das kann doch wohl nicht wahr sein!”, ekelte sich Marlis und wünschte sich nichts lieber als eine Dusche.

Sie drehte sich um und stand einem fremden Typ gegenüber. Weißes Tanktop, Ohrring links, silbernes Septum, lockiger Mullet und Schnauzer. Seine rechte Augenbraue durchzog ein fein säuberlich rasierter Cut. “Alles okay?“, fragte er. Seine Stimme war überraschend sanft. “Er klingt erstaunlich nüchtern und ruhig, dafür, dass er gerade sein ganzes Bier über mich gekippt hat”, schoss es Marlis durch den Kopf. Sie brauchte kurz eine Sekunde, um sich zu sortieren, bevor sie ihm antwortete: “Kommt drauf an, wie du ‚okay‘ definierst.” Eigentlich wollte sie wütender klingen, aber irgendetwas an ihm ließ ihre Stimme weich werden.


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“Darf ich dir zur Entschuldigung was ausgeben?” fragte er. Marlis überlegte. So einfach funktioniert das nicht. “Von Fremden sollte man sich doch nichts andrehen lassen.”, gab sie schnippisch zurück. Er schmunzelte und hielt ihr seine Hand hin: “Luis, 5. Semester BWL“

Mit ihrem neuen Getränk in der Hand stieg sie hinter Luis die Treppen zur Tanzfläche hinauf. Irgendwo dort sollten ihre Freundinnen stehen. Oben angekommen, fand sie ihre Freundesgruppe natürlich direkt neben seiner. Sie tanzten, Rücken an Rücken. Marlis schaute sich öfters um und bemerkte, wie selbstsicher er sich bewegte. Fast als hätte er seine Rolle perfekt einstudiert und würde sie jetzt nur noch aufführen. Doch hin und wieder ertappte sie ihn dabei, wie auch er ihren Blick suchte. Jedes Mal war da mehr Knistern, mehr Flirten, mehr Anziehung zwischen ihr und dem, der für ihre klebrige Schulter verantwortlich war. “Wollen wir eine Rauchen gehen?”, flüsterte er ihr über seine Schulter zu. Wie hätte sie nein sagen können.

Es blieb nicht nur bei einer Zigarette. Die beiden verloren sich in Gesprächen, zuerst Smalltalk über das Studium und das Leben in Bamberg, dann darüber, wie sich Freundschaften verändern und wie viel man in seinen 20ern über sich selbst lernt. Später, als die Musik verstummte und alle den Raucherbereich überrannten, um ihre Jacke runter zu fischen, fragte er: “Soll ich dich nach Hause bringen?”

Sie gingen die Untere Sandstraße entlang, über die Markusbrücke in Richtung Erba. “Sag mal, wo wohnst du eigentlich genau?”, fragte er. “Regensburger Ring”, antwortete Marlis. “Nein, wirklich?!”, Luis war verblüfft. “Ich wohne fast daneben in der Schlüsselstraße!”

Auf Höhe der Konzerthalle blieb er stehen. “Ich liebe Bamberg bei Nacht. Es ist so friedlich. Als würde uns die Stadt Raum zum Atmen geben”, philosophierte Luis. Ein Satz, der genau so in den Büchern über Achtsamkeit stehen könnte, die Marlis Mutter so gerne las.

Dann kramte Luis schon fast etwas zu lang in seinen Jackentaschen. Er zog einen Lippenbalsam heraus. “Willst du auch?” Sie musste lachen: “Hast du den zufällig oder strategisch dabei?” Er tat überrascht. “Ich wollte nur nett sein“, grinste er etwas ertappt.

Sie redeten über alles Mögliche und gleichzeitig nichts Bestimmtes. Seine Worte wirkten wohlüberlegt, aber nicht steif. Doch manchmal kamen die Antworten auf ihre Fragen nur so aus seinem Mund gepurzelt. Es kam Marlis so vor, als würde er antworten, ehe sein Gehirn überlegen konnte, wie er dadurch wirkt. Diese kleinen rohen Momente mochte sie am meisten.

Fast am Regensburger Ring angekommen verlangsamten sich ihre Schritte. Keiner von beiden wollte so recht, dass die Nacht endete. Dann blieb Luis stehen und drehte sich zu Marlis. “Komm mit zu mir. Nur wenn du willst natürlich. Kein Druck.”

Genau darauf hatte Marlis gehofft. Auf dem Weg hoch in seine Wohnung erzählte er ihr von irgendeiner Podcast-Folge, die ihn angeblich sehr geprägt hatte. Doch Marlis fragte sich eher, ob er das wirklich so meinte oder ob er es einfach mochte, wenn Menschen dachten, er sei tiefgründig. Aber er erzählte so voller Freunde davon, dass sie den Gedanken schnell beiseite schob.

Sein Zimmer war warm beleuchtet und es roch leicht nach Kaffee und frisch gewaschenen Klamotten. Er ließ seinen Schlüssel – er hatte ihn an einem Karabiner befestigt – neben den Schallplattenspieler auf die Kommode fallen. Marlis ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Er hatte viele Pflanzen. Auf dem Fensterbrett lag, neben zwei leeren Mate-Flaschen, aufgeschlagen “Die Vegetarierin” von Han Kang. Fast so, als hätte er es dort zufällig liegen lassen. Doch kaum etwas an diesem Zimmer war zufällig. Es wirkte eher wie ein Bühnenbild, das vorbereitet war, für den Fall, dass er heute Abend noch jemanden mitbringt. Bereit für ihn, seine Rolle zu spielen.

Er deutete aufs Bett. “Hab leider keine Couch. Möchtest du was trinken?”, fragte er. Die Frage klang routiniert. Als sie nebeneinander lagen, sagte keiner von beiden etwas. Da war nur dieses ruhige, gleichmäßige Atmen. Wurde es automatisch so synchron oder atmete er extra im gleichen Rhythmus wie sie?

Marlis lag da und spürte, wie angespannt die Stimmung doch plötzlich war. Sie drehte sich zu ihm. Er lag auf dem Rücken, Hände hinter dem Kopf gefaltet. “Wieso sieht er so gezwungen nachdenklich aus?”, schoss es Marlis durch den Kopf.  “Du denkst so laut”, murmelte sie. Er atmete lange und laut aus. “Wie meinst du?” “Du liegst da als würde der ganze Weltschmerz auf deinen Schultern liegen” Er lachte leise. “Tut er das nicht irgendwie?”

Sie rutschte näher an ihn heran, wollte seine Nähe spüren. Luis zog die Decke über die beiden, etwas ungeschickt, aber doch liebevoll. Sein Arm legte sich um sie und seine Hand fand ihre, so selbstverständlich, als würde sie schon immer dorthin gehören.

Marlis spürte seinen Atem an ihrem Haar, warm und sanft. Er roch nach Rauch vom Schwof und ein klein wenig holzig, vermutlich von seinem Deo. Er erzählte ihr, dass er seit ein paar Wochen einmal die Woche zur Therapie geht und wie sehr er die Veränderung merke. Doch immer, wenn Marlis ihren Blick hob, sah er nicht wirklich nahbar aus. Eher als würde er das gerade nur erzählen, um ihr zu gefallen. Sein Blick war einen Tick zu prüfend.

Die wenigen Fragen, die er Marlis stellte, wirken wie Stichpunkte auf einer Liste und kamen so unmittelbar und aus dem Nichts, dass Marlis oft erstmal nachdenken musste, was sie überhaupt antworten sollte. Immer wenn sie etwas zu lange zögerte, streichelte er ihr über die Wange und sah ihr tief in die Augen, als wollte er sagen: „Ich bin da und ich verstehe dich.”

Aber Marlis sah seine Augen jedes Mal aufflackern, wenn er merkte, dass er einen guten Moment geschaffen hatte. Und er zögerte immer leicht, bevor ein Lächeln aufsetzte. “Macht er das nur, damit er bei mir gut ankommt, oder ist ihm grad wirklich nach Lachen zumute?”, dachte sich Marlis mehr als einmal.

Doch Marlis ließ seine Nähe zu, weil es sich gut anfühlte. Es fühlte sich vertraut an, in seinen Armen zu liegen, aber trotzdem wurde sie das Gefühl nicht los, dass ein unsichtbares Timing seine Gesten lenkte.

Seine Sanftheit fühlte sich für sie nicht echt, sondern einstudiert an. Er log bei keinem Wort, aber trotzdem zeigte er ihr nicht sein wahres Ich. “Er war gut darin, sich zu verkaufen. Unheimlich gut.”, musste Marlis feststellen. “Genau das machte ihn ungreifbar.” Luis war nicht böse oder falsch. Er hatte lediglich gelernt, wie er wirken muss. Und er hatte nie gelernt, einfach nur er selbst zu sein.

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„performative male“

Sie trinken Matcha Latte, lackieren ihre Fingernägel und ihre Füße schmücken Loafer: Performative Males inszenieren sich selbst als so feministisch und politisch links, dass sie auf progressive Frauen attraktiv wirken. Ihr Ziel ist es, dem “Female Gaze”, dem weiblichen Blick auf die Welt, zu entsprechen und dadurch Frauen ins Bett zu bekommen.

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