ist stein-reich.
Als ich am Mittwochabend mit meinem kaputten Fahrrad zur Werkstatt der Bicycle Liberation Front Bamberg, kurz BLF, komme, herrscht bereits reger Betrieb. Am Ende eines Hinterhofs am Markusplatz ist der Eingang nicht zu übersehen. Das Werkstatttor ist mit einem Banner und Lichterketten geschmückt und rundherum stehen Fahrräder. Dahinter werde ich mit einem freundlichen Lächeln und einem „Wie kann ich dir helfen? Was gibt’s zu reparieren?“ begrüßt.
Platter Reifen, ausgebremst
Mein Fahrrad findet an einem der fünf Reparaturständer Platz und kurz darauf inspiziere ich mit einem der 14 Ehrenamtlichen meinen Fahrradlenker, der seit einer Weile schief ist. Das Werkzeug, das ich zur Reparatur bräuchte, besitze ich nicht, ebenso fehlt mir das nötige Know-how. Wegen so eines Problems mein Fahrrad in die Werkstatt zu geben und reparieren zu lassen – das kostet. „Keine Ahnung, kein Geld, kein Werkzeug und niemand der dir helfen kann. So geht es vielen, die zu uns kommen. Dieses Gefühl, dass man machtlos ist“, erklärt mir Robin. Er ist einer der längsten Mitglieder bei BLF und hat sich, wie viele in der Werkstatt, sein Wissen rund um Fahrräder selbst angeeignet.
Diese Machtlosigkeit ein kleines Stück zu minimieren, ist der Grundgedanke hinter der offenen Fahrradwerkstatt. Was 2012 als utopische Idee in einer privaten Werkstatt begann, ist mittlerweile zu einem echten Vorzeigeprojekt herangewachsen. Erst im Mai letzten Jahres hat der Verein einen Förderbescheid vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz erhalten.
Hilfe, Reparaturbedarf!
Ich nehme mir auf Anweisung das Spezialwerkzeug von der Wand, an der jederlei Werkzeug hängt – ordentlich sortiert und beschriftet, sodass alle wissen, wo etwas seinen Platz hat.

Wenn man in die Werkstatt kommt, wird man idealerweise von einer Person betreut, die einem alles zeigt und beim Reparieren hilft. „Für viele ist das hier Neuland. Viele waren noch nie in einer Werkstatt oder haben noch nie mit Werkzeug gearbeitet“, erzählt Robin.
Besonders zu Beginn sind die Hürden groß: „Etwas Reparieren zu lernen, ist schwierig und einschüchternd. Es ist endlos frustrierend: Man hat ein kaputtes Rad, steht davor und ist total hilflos“, erzählt mir Sophia. Auch sie hilft in der Werkstatt und hat zuletzt mit zwei weiteren weiblichen Vereinsmitgliedern einen FLINTA* Workshop organisiert. Hierdurch wurde FLINTA* Personen ein geschützter Raum gegeben, sich ans Schrauben heranzuwagen. „Mit der Zeit lernt man, auf ein Problem zu schauen und durchs Schauen zu verstehen, wie’s geht. Ich denke, das gibt enorm viel Selbstvertrauen“, ermutigt sie.

Endlich wieder auf Pump leben
Mit einer letzten Umdrehung löse ich die Schraube an meinem Lenker und mit einem kräftigen Ruck ist dieser wieder gerade. Das ging einfacher als gedacht. Doch damit nicht genug: Gemeinsam überprüfen wir meinen Reifendruck – der natürlich viel zu niedrig ist – und meine Kette wird ordentlich gefettet. „Mit Luft und Kette ist das Meiste an Wartung schon getan“, erklärt Robin, „Viele kommen wegen platten Reifen, Bremsen, die nicht funktionieren und Schaltungen, die eingestellt werden müssen. Jetzt im Winter auch immer mehr mit Problemen an den Lichtern und der Elektrik.“

Ersatzteile, wie Schläuche oder Bremsen, sind in Schränken und Regalen sortiert. Sie sind entweder neu oder aus anderen Rädern ausgebaut und stehen allen zur Verfügung. Wer kann, bezahlt in Form einer Spende. Neben den Mitgliedsbeiträgen halten genau diese Spenden den Verein am Laufen.
Schrauben schweißt zusammen
Nun läuft mein Fahrrad wieder wie geschmiert und während ich mein Werkzeug aufräume, schaue ich bei den anderen Reparaturplätzen vorbei. Mittlerweile hat sich die Werkstatt richtig mit Leben gefüllt. In jeder Ecke wird geschraubt, gefachsimpelt oder an der Bar mit einem Bier in der Hand über den letzten Urlaub gequatscht. Zwischen Studis und Kolleg*innen treffen sich hier auch alte Freund*innen und Nachbar*innen. Die Werkstatt ist nicht nur ein Ort, um sein Fahrrad zu reparieren, sondern auch zum Beisammensein. „Mir gefällt, dass die BLF eine funktionierende Gemeinschaft ist, dass es ein vertrauensvoller Umgang miteinander ist“, erzählt mir Sophia.
Voller Reifen, volle Fahrt
Nach einer kurzen Probefahrt, ob auch wirklich alles passt, fahre ich glücklich aus dem Hinterhof in die Nacht. Mein Fahrrad fährt so gut, wie schon länger nicht mehr. Mit ordentlich Luft im Reifen und einem kräftigen Tritt in die Pedale sause ich davon. Die Machtlosigkeit lasse ich hinter mir. Nur mein Akkulicht leuchtet rot auf und signalisiert mir einen niedrigen Akkustand, während die Kabel meines Dynamo-Scheinwerfers funktionslos und verrostet am Schutzblech hängen. Nächsten Mittwoch lerne ich dann, wie ich das repariere.

Bicycle Liberation Front Bamberg
Adresse: Ende des Hinterhofs, Weide 2, 96047 Bamberg, Deutschland
Öffnungszeiten: Jeden Mittwoch, von 18:00 bis 22:00 Uhr.
Am letzten Mittwoch des Monats geschlossen.
Aktuelle Termine und Veranstaltungen auf Instagram
@bicycleliberationfront
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