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Abschiebung statt Ausbildung?
Dunkel Hell

Abschiebung statt Ausbildung?

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  • Es klingt beinahe spießig, wenn Iman Qasemy darüber redet, was er die letzten beiden Jahre gemacht hat: Nämlich lernen, lernen und nochmals lernen, um seine Träume zu verwirklichen. Jetzt steht er aber, genau wie andere Geflüchtete mit geringer Bleibeperspektive, vor einer ungewissen Zukunft.

Egal was du machst, man hat das Gefühl, es bringt nichts, wenn du Afghane bist.“ Iman klingt frustriert, als er mit uns spricht. Ein bisschen wütend vielleicht auch, aber nicht hoffnungslos. Die Situation, in der er sich momentan befindet, hält ihn oft nachts wach. Sein Blick ist freundlich, aber wandert unruhig umher und verharrt dann kurz auf einer Stelle, wenn er weiterredet. Iman kommt ursprünglich aus Afghanistan und lebt seit zwei Jahren als Asylsuchender in Deutschland. Er spricht flüssig deutsch, ist offen, kommunikativ und vor allem engagiert. „Weil mich die deutsche Sprache sehr interessiert, habe ich meine Lehrerin gebeten, mir einige Sprichwörter beizubringen. Eines davon, welches es auch in meiner Sprache gibt, habe ich mir sehr zu Herzen genommen: ‚Ohne Fleiß kein Preis.‘“ Nach diesem Sprichwort habe er seit er hier ist gehandelt und konnte deshalb in der Berufsschule gleich in der elften Klasse einsteigen, machte sogar zusätzlich als externer Schüler seinen Qualifizierenden Hauptschulabschluss. Seine Ausbildung zum Fachpflegehelfer an der Bamberger Akademie mache ihm große Freude, er lernt viel, seine Noten sind gut. Anfang des Jahres bewarb er sich für eine Ausbildung zum Altenpfleger — mit Erfolg, die Zusage ist da. „Ich habe mich über diese Chance sehr gefreut“, sagt er. „Ich habe mich immer bemüht, fleißig zu sein und habe meine Freizeit dafür geopfert.“

Iman will nicht nur herumsitzen, er will arbeiten, will Altenpfleger werden. Gleichzeitig sucht die Pflegebranche händeringend nach Personal. Der demographische Wandel prophezeit einen noch viel größeren Fachkräftebedarf in der Zukunft. „In Bayern fehlen 21.000 Stellen allein in den Krankenhäusern, davon 10.000 Pflegekräfte, da sind die Altenpfleger noch gar nicht eingerechnet“, verrät Doris Stadelmayer, Bezirksgeschäftführerin von ver.di in Oberfranken-West. „Es ist tatsächlich so, dass es uns schwerfällt, alle Ausbildungsplätze zu besetzen. Es fehlt insgesamt an jungen Menschen, die bereit sind, anzupacken.“ Eigentlich ideal, dass es gleichzeitig arbeitswillige Interessierte wie Iman gibt.

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Doch ganz so einfach ist die Situation nicht. Iman wurde die Erlaubnis zum Antritt dieser Ausbildung von den Behörden verweigert, da er keine Tazkira, das afghanische Identitätsdokument, mehr besitzt. Die bräuchte er aber, um eine Chance auf die Ausbildungserlaubnis zu haben. Das Problem: Die afghanische Auslandsvertretung in Deutschland darf keine neue Tazkira ausstellen, das geht nur direkt in Afghanistan. Iman müsste also entweder selbst in das kriegsgebeutelte Land reisen oder dort lebende Familienmitglieder um Hilfe bitten, um das Dokument zu besorgen. Aber Imans Familie floh vor 15 Jahren in den Iran. Die Situation scheint aussichtlos.

Hinzu kommt, dass Iman befürchten muss, nicht mehr lange in Deutschland bleiben zu dürfen. Da Afghanistan lange als sicheres Herkunftsland eingestuft war (Anm. d. Redaktion: Stand 02. Juli 2017, Redaktionsschluss) und die Schutzquote trotz gesunkener Sicherheitseinschätzungen nicht erhöht wurde, ist seine Abschiebung nicht unwahrscheinlich. Während einer Ausbildung aber könnte er bleiben, jedenfalls vorläufig. Mitte Juni nahm Iman wie gewohnt seinen vierteljährigen Termin zur Ausweisverlängerung bei der Zentralen Ausländerbehörde in Bamberg wahr. „Bei der Gelegenheit habe ich mich noch einmal erkundigt, was ich dafür tun kann, um diese Erlaubnis zur Ausbildung zu erhalten“, erzählt er. „Neben den Hinweisen zur Klärung meiner Identität hat mir der Mitarbeiter gesagt, dass ich bei der aktuellen Situation als Weihnachtsgeschenk wahrscheinlich meine zweite Ablehnung des Asylverfahrens erhalten, damit ausreisepflichtig und Anfang 2018 im Flugzeug nach Afghanistan sitzen werde.“

Dass dort jedoch nach wie vor Krieg herrscht und immer wieder bereits aus Bayern abgeschobene Asylbewerber Opfer von Anschlägen werden, sei ein großes Problem, betont auch Riccardo Schreck. Er arbeitet beruflich mit Geflüchteten, mit OTTFRIED spricht er aber als Privatperson. So wie die derzeitigen Zustände in der Politik sich darstellen, könne es nicht weitergehen. Innerhalb des Netzwerks Bildung und Asyl, wo er sich im Privatleben einsetzt, rede man von einer Art „Wende in der Gesellschaft“, die vor allem in Bayern zu einer Handhabung der Asylpolitik geführt habe, die nicht mehr gemeinwohldienlich sei. „Deswegen haben wir uns organisiert. Zum Beispiel auch im März durch die Demo gegen die Abschiebungen nach Afghanistan, welche jetzt zumindest vorerst ausgesetzt wurden.“ Während er spricht, lächelt Riccardo immer wieder zwischendurch. Etwas verlegen, die Augen lachen nicht mit. Ab und zu streicht er sich müde durch die Haare. Es wird deutlich, wie wichtig ihm das Thema ist. Wie sehr es ihn auf menschlicher Ebene beschäftigt und auch mitnimmt. „Das zweite Problem, das wir sehen, ist, dass in Bayern den Leuten verwehrt wird, eine Ausbildung zu beginnen. Das betrifft nicht nur Menschen aus Afghanistan, sondern auch aus anderen Ländern, bei denen die Bleibeperspektive gering ist. Es betrifft allerdings auch Menschen, denen es nicht möglich ist, ihre Identität nachzuweisen. Das ist zwar eine nachvollziehbare Anforderung, in manchen Fällen jedoch sehr schwer oder sogar unmöglich. Zum Beispiel für Menschen, die in UNICEF-Camps aufgewachsen sind. Das ist eine sehr problematische Sache, weil ganz viele Menschen hier in Deutschland seit zwei oder drei Jahren versucht haben, diesen Leuten zu helfen und sie in die Gesellschaft einzugliedern — wie es auch politisch der Wunsch war.“ Dass für diese mittlerweile gut integrierten jungen Menschen trotz Fachkräftemangel nun keine Ausbildungsperspektive bestünde, sei, so Riccardo, eine frustrierende Situation.

Iman kann sich nicht vorstellen, wie es sein würde, plötzlich nach Afghanistan geschickt zu werden. Er habe, da durch die Flucht im Iran aufgewachsen, keinerlei Bezug zu seinem Geburtsland, es sei ihm sogar völlig fremd: „Ich fühle mich im Moment sehr unsicher und weiß nicht, wie es weitergeht. Meine Schlafstörung, das Aufwachen in der Nacht und die vielen Ängste sind wieder da. Ich habe Angst davor, dass ich alleine in ein fremdes Land abgeschoben und dort auch Opfer bei einem Anschlag werde.“
Iman betont noch einmal, dass er in seinem Heimatland niemanden wirklich kenne. Das heißt für den nicht unwahrscheinlichen Fall seiner Abschiebung, dass er, der schon jahrelang in Deutschland lebt und mittlerweile seinen gesamten Lebensmittelpunkt hier hat, ohne Fixpunkt in ein Land gebracht werden würde und dort vor dem Nichts, dem existenziellen Neuanfang, stünde. Ohne Geld, dafür aber mit Angst um die körperliche Unversehrtheit.

Dass eine Ausbildung den Asylsuchenden zumindest eine Möglichkeit böte, die Zeit in Deutschland sinnvoll zu gestalten, ist nicht von der Hand zu weisen. Trotz Zusagen von Ausbildern und Arbeitgebern wird den Geflüchteten aus Ländern mit geringer Bleibeperspektive jedoch nur in den seltensten Fällen eine Erlaubnis von der ZAB erteilt. Die Zentrale Ausländerbehörde in Bamberg hat auf die Nachfrage von OTTFRIED nach einer Stellungnahme unter anderem Folgendes geäußert:

Menschen, die nach Deutschland kommen, weil sie um die Zuerkennung eines Schutzstatus bitten, dürfen sich in Deutschland aufhalten, damit geprüft werden kann, ob sie schutzbedürftig sind. Nur ausnahmsweise dürfen sie eine Erwerbstätigkeit aufnehmen. Diese Regelung dient dazu, eine Umgehung des beschriebenen Verfahrens zur Erlangung eines Arbeitsvisums zu verhindern. […] Für Menschen aus Afghanistan gelten dieselben Regeln. Aufgrund der Sicherheitslage werden aktuell aber grundsätzlich keine Rückführungen nach Afghanistan durchgeführt (Ausnahmen gelten u.a. für Straftäter). Die zuständigen Bundesbehörden prüfen gegenwärtig, wie die Sicherheitslage in Afghanistan zu bewerten ist. Von dieser Neubewertung wird abhängen, welche Bleibeperspektive afghanische Staatsangehörige zukünftig haben werden.

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