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Viel gut essen.
Dunkel Hell

Viel gut essen.

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  • Die Premiere von „Viel gut essen“ der Schriftstellerin Sibylle Berg im ETA Hoffmann Theater am vergangenen Freitag, den 27. November: Eine harmlose Entschuldigung wird zu einer Hassrede.

Der Protagonist in Sibylle Bergs „Viel gut essen“ ist ein gewöhnlicher Mittvierziger. Er lebt unter uns, wir begegnen ihm jeden Tag. Ein Mann der Mittelklasse, der ein geregeltes Leben führte. Er war Familienernährer und Alleinverdiener, seine Frau blieb mit dem Sohn zuhause. Er hatte einen gut bezahlten Job als Informatiker, der ihm auch Spaß machte. Doch irgendwann lief in seinem Leben alles schief. Seine Frau trennt sich von ihm und kommt mit einem Mann zusammen, der stärker ist als er. Sein Sohn will Balletttänzer werden. Er muss aus seiner Wohnung ausziehen, weil dort ein Asylantenheim entstehen soll. Er verliert seinen Job und wird ausgerechnet durch eine 26-jährige Migrantin ersetzt. Nichts hat er erreicht in seinem Leben. Nicht einmal seine Küche, in der er versucht zu kochen, jedoch alles anbrennen lässt, hat er abbezahlt. Das macht doch alles keinen Sinn. Die Schuld an seinem Schicksal sucht er nicht bei sich selbst. Schuld sind die Migranten, die in sein Haus ziehen werden, die Ex-Frau, die sich selbst verwirklichen will, sein Sohn, der keine Bindung zu ihm hat und die Homosexuellen aus der Nachbarschaft, die in den teuren renovierten Altbauwohnungen hausen. Für ihn ist das alles unverständlich, denn er hält an seinen christlichen Werten fest, mit denen er groß geworden ist und nach denen einst seine Eltern lebten. Eine veraltete Tradition, an der er festhält und trotz wandelnder Gesellschaft und veränderter politischer Lage nicht loslassen möchte. Und was macht der Protagonist, um sein Problem zu lösen? Nach der Devise „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ regt er sich auf und prügelt schonungslos und provokant auf „die Anderen“ ein, genauso wie all die „Trolle“, die sogenannten besorgten Bürger in Online-Foren und Social Media Netzwerken das machen. „Viel gut essen“ ist ein Stück, das den Zuschauer berührt. Vielleicht, weil er Mitleid mit dem Protagonisten hat, weil er wütend auf den Protagonisten ist oder vielleicht, weil er sich mit dem Protagonisten identifizieren kann.

Inszeniert von Regisseur Niklas Ritter bietet „Viel gut essen“ im E.T.A. – Hoffmann Theater viele unterhaltsame und einzigartige Szenen. Durch bewegliche Bühnenelemente, die von den Schauspielern immer wieder neu angeordnet werden, wird die schlichte Bühne lebendig. Einprägsame Szenen — beispielsweise als die drei Schauspieler anfangen, Zwiebeln zu hacken und immer stärker und schneller auf das Gemüse einschlagen, sodass die Zwiebelstückchen ihnen wortwörtlich um die Ohren fliegen und sich ein beißender Zwiebelgeruch durch den Saal ausbreitet — lassen das Publikum aufwachen. Genauso auch der Sprechgesang der „Trolle“, der im Chor anfangs noch leise geflüstert und am Ende des Stückes dem Publikum entgegen gebrüllt wurde. Mit einem Keyboard, elektronischen Hilfsmitteln und Instrumenten (u. a. einem Didgeridoo) untermalte Jan Kersjes jeden Szenenwechsel mit Musik, die an die elektronische Musik von Kraftwerk erinnerte.

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Die Schauspieler Katharina Rehn, Stefan Hartmann und Pascal Riedel gaben dem Stück eine sowohl, dramatische, emotionale, melancholische sowie zwischenzeitlich urkomische Atmosphäre.

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