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The final sentence
Dunkel Hell

The final sentence

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  • Letzte Sätze in Büchern oder Filmen oder im echten Leben sind meistens die Eindrucksvollsten. Können schön sein oder auch ganz schön schlimm. Und sind oft auch die Wichtigsten.

Gestern habe ich das zweite Ende von Gilmore Girls geguckt. Also das Ende der Fortsetzung. Und es ist der letzte Satz, der mich so wütend macht. Weil das erste, also das echte Ende, so gut war. Ein schönes, man-kann-es-gehen-lassen-Ende. Und dann das. Jetzt wartet man: ob das ein End-Cliffhänger war, ob da noch was kommt. Oder einfach ein offenes Ende. Oder man wusste einfach nicht, was die letzten Worte sein könnten und dachte sich: na, dann eben die hier. Ein letzter Schock, ein letztes Augen aufreißen. Und Schluss.

Letzte Sätze sind immer ein Abschließen oder ein offen-Lassen. Ein Beenden oder ein Alles-ist-möglich. Sie sind es die am längsten im Gedächtnis bleiben. Die noch im Kopf herumgeistern, auch wenn die Schauspieler*innen sich schon lächelnd verbeugen. Die Nachwirken, auch, wenn der Abspann schon läuft und die Ersten sich aus roten Klappsesseln hieven und über herabgefallenes Popcorn zum Ausgang stolpern.

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Manchmal, wenn man letzte Sätze liest, bleibt man noch am Punkt hängen.

Letzte Sätze können schlicht sein, klar und einfach. Können nachmalen oder leuchten lassen.
Manchmal, wenn Bücher viel zu spannend sind und man nicht aushalten kann, blättert man zur letzten Seiten. Ist dann entweder beruhigt, ratlos oder abgeschreckt. Manchmal, wenn man letzte Sätze liest, bleibt man noch am Punkt hängen, an der Pause nach Wortketten und Satzgebilden. Lässt Geschichten Revue passieren. Nimmt Abschied von Protagonist*innen, von dem Gefühl einer Geschichte.

“So, if this does end up being my last letter, please believe that things are good with me, and even when they’re not, they will be soon enough. And I believe the same about you”, schreibt Charlie von The perks of being a wallflower am Ende seines letzten Briefes. “Don´t ever tell anybody anything. If you do, you start missing everybody” rät Holden, der Fänger im Roggen. Und sechzehnjährige, erwachsen werdende Jugendliche nicken dann und schreiben Zitatfetzen bedeutungsschwanger in ihre Notizbücher. Verstehen oder verstehen nicht, was das jetzt heißen soll.

Kinderbücher sind da einfacher. “Und dann wurde es Abend und Nacht und alles schlief in Ruhe und Frieden und der Schnee fiel über Kathult und ganz Lönneberga und ganz Småland.” Das Ende von Michel ist gemütlich. Ist schön, weil man weiß: Es geht allen gut. Alles ist wie immer. Sie sind schlafen gegangen, man kann das jetzt also auch tun. Kinder brauchen das. Happy Ends, ein Alles-ist-gut. Erwachsene sehr oft auch noch.

Manchmal darf es dann auch nur halb gut zu Ende gehen.

Nur wünscht man sich dann oft weniger Klischees, mehr echtes Leben. Manchmal darf es dann auch nur halb gut zu Ende gehen. Das lernt man: dass manches eben letzte Sätze hat, die schwierig sind, die nachklingen. Die kein gutes Gefühl geben, aber das eben auch nicht können oder müssen. Das schwere letzte Sätze zum Leben dazu gehören.

Aber dann gibt es auch Geschichten, natürlich, da braucht man wirklich, ein gutes Ende. Ein Ende, nach dem man gehen lassen kann. Bei Serien zum Beispiel, wenn man sieben Staffel lang mitgefiebert, Tod (oder eigentlich Tode) verkraftet oder Charaktere sich verpassen gesehen hat sehen — da braucht man ein gutes Ende. Da braucht es das Herz. Sonst ist man wütend oder enttäuscht oder blickt auf all die Lebenszeit zurück, die sich nur auf dieses Ende gerichtet hat (nicht, dass man Serien nur wegen Enden guckt, aber sie sind doch auch sehr wichtig).

Lange Geschichten, gute Geschichten müssen auch ein passendes Ende haben. Da sind die letzten Worte, die letzten Blicke wichtig. “Alles war gut”, das ist ein gutes Ende nach sieben Bänden und beim Welt-Retten zusehen. Oder: „Well, I´m back, he said”, nach drei Büchern endloser Wanderungen und epischer Kämpfe. (Sorry, wenn jetzt jemand gespoilert wurde. Aber auch ein bisschen selbst Schuld.) Romeo und Julia, eine der berühmtesten Tragödien endet mit den Worten: “Juliet kisses her own hand, places it tenderly to her husband’s cheek, and, with her head nestled against his, dies.” Und das ist ok. Das hat man kommen sehen. So muss das eben sein. Wäre der letzte Satz gewesen: “And they lived happily ever after”, hätte man Shakespeare wohl nicht ganz ernst genommen, das Drama davor nur halb, die Toten hätten keinen Sinn mehr ergeben. Tragödien leben von schlimmen letzten Sätzen.

Man wünschte sich manchmal mehr Bedeutung, mehr Pathos vielleicht.

Ganz oft, im echten Leben, dem zum Anfassen, ist “Komm gut nachhause”-, der letzte Satz oder: “Hab dich lieb!”. Manchmal auch: Gute Nacht” oder “Hab einen schönen Tag”.
Man wünschte sich manchmal mehr Bedeutung, mehr Pathos vielleicht. Mehr letzte Sätze an einem Tag, die wichtig wären, vielleicht für einen selber oder jemand anderen. Vielleicht für den weiteren Verlauf oder für die große kleine Welt. Manchmal verschickt man dann kurze Nachrichten mit Herzen am Ende oder schreibt kurze Texte in Instagram-Storys. Vielleicht sind die schönsten letzten Sätze eines Tages die, die dir zeigen, dass da Menschen an dich denken.

Und es ist leise und ganz kurz hört man den Punkt am Ende des Satzes. Und dann erst: Applaus.

Zurück: letzte Sätze, also.
Die wunderschönsten, oft poetischsten, die, mit der Aussage. Die die Klammer schließen, die den Sinn erklären. Die, nachdem Poet*innen von der Bühne gehen. Und es knistert noch kurz, kurz ist da noch Stille. Man hat das im Gefühl, dass der letzte Satz gut sein muss. Dass man da hinhören muss. “Die Welt ist ein Nachtfalter, wir fluoreszieren im Schwarzlicht. Wir hatten gehofft, dass es ewig so bleibt”, sagen Poet*innen wie Pauline Füg ins Mikrofon und es ist leise und ganz kurz hört man den Punkt am Ende des Satzes. Und dann erst: Applaus.

Und dann gibt es Werke, wie Manifeste. Nach denen man erstmal aufatmet, ob so vieler Erkenntnisse. Oder Gefühle. Oder Sprache. Und dann gibt es letzte Sätze, wie den folgenden von Margarete Stokowski. Nachdem man denkt, jetzt hätte man es begriffen. Nach dem man nickt und spricht und das nächste Buch aufschlägt oder den nächsten Schritt macht: “Ich habe ans Aufstehen und ans Liegenbleiben geglaubt, an die Ruhe und den Sturm, und ich weiß nicht, was noch kommt und woran ich in meinem Leben noch glauben werde, aber ganz sicher niemals ans Schweigen.” Und dann sind letzte Worte wichtig, für das Weitermachen, für manches danach.

Enden sind (fast) nie etwas Schönes. Meistens muss man das erst begreifen: dass da jetzt etwas aufgehört hat. Manchmal ist das einfach, bei Büchern oder Filmen ist das ok. Manchmal ist es wichtig. Und manchmal nur richtig, aber auch ganz schön schwer.

Ja und manchmal: auch einfach nur ganz schön beschissen.

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