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Schneewittchen im deutschen Wald
Dunkel Hell

Schneewittchen im deutschen Wald

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  • Was ist typisch deutsch? Und gibt es so etwas wie die „deutsche Seele“? Getrieben von der Sehnsucht, durchaus heiter und leicht „die Kultur, in der wir leben, in allen Tiefen und Untiefen zu erkunden“, haben die Philosophin Thea Dorn und der Schriftsteller Richard Wagner in ihrem Lesebuch ein facettenreiches Mosaik des Deutschen in vielen Kapiteln zusammengetragen. Das E.T.A.-Hoffmann-Theater bringt es mit einem musikalischen Theaterabend unter der Regie von Stefan Otteni in kräftigen Farben auf die Bühne.

Die Suche beginnt im Wald. Eine deutsche Familie. Der Vater breitet die preisgünstig erworbene Picknickdecke aus, während die Mutter beseelt Frischluft einatmet und der Sohnemann Stöcke schnitzt. Hier blüht die deutsche Seele auf. Selbst Eiche, Tanne und Linde dürfen einen lebhaften Streit führen, wer von ihnen als der deutsche Baum zu gelten hat. Bevor sie zu einer festen Entscheidung kommen können wechselt der Schauplatz. Rotkäppchen und Ariel-Klementine tanzen mit kitschigen Trachtlern Schuhplattler. In einer weiteren Szene sitzt die deutsche Familie beim Abendessen und bringt sich im Bestreben, ein gewaltiges Potpourri bekannter Tischgebete aufzusagen selbst um das stattliche Hähnchen auf dem Servierteller. Im Streit um den ersten Bissen sind alle Manieren vergessen und die Deutschen wälzen sich zu Leinwandbildern zerbombter Städte im Zweikampf über den Boden. Ein ausgestopfter Hirsch, platziert direkt neben einem schrecklichen 70er-Jahre Vorhang, sieht dabei zu.

„Die deutsche Seele“ ist bunt, turbulent, skurril und streckenweise eine einzige Zitatschlacht. Kein Wunder, wenn man möglichst alles unterbringen möchte, was den Deutschen irgendwie betrifft: Goethes Faust, die Berliner Mauer, Fernsehwerbung, das Oktoberfest, Wandrers Nachtlied, die Tagesschau, Autos und die Sieben Zwerge. Das Schauspielensemble ist im ständigen Kostümwechsel, nahezu immer gibt es Bewegung und fast genauso oft etwas zu lachen.
Mit großem Einsatz dirigiert dazu der Brite Joolz Gale ein Ensemble aus Akademisten der Bamberger Symphoniker und Klavier. Denn ohne Musik kann auch die deutsche Seele nicht gedacht werden. Gale arrangierte Werke von Brahms, Wagner, Beethoven, Schumann und anderen für kleine Besetzung und mischt sie wirkungsvoll in das Konglomerat deutscher Güter, das in zwei lebhaften Theaterstunden entworfen wird. Die Mezzosopranistin Katarina Morfa zeigt eine beachtliche und stabile Leistung als Solistin. Selten sieht man eine Bühne so voll und in so intensivem Gebrauch.

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Doch was ist nun die deutsche Seele? Der Deutsche hat einen starken Willen, aber überlässt Urteile lieber einem Experten. Er heißt jeden in seinem Land willkommen, der sich bereit erklärt, mit dem Gelben Sack und vormittäglichen Öffnungszeiten Frieden zu schließen. Was ist deutsch? Die Antwort fällt schwer.

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