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Zwischen den Wimpern nach Nimmerland
Dunkel Hell

Zwischen den Wimpern nach Nimmerland

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  • Eine Dichterin der neuesten Generation legt ihr Debüt vor: Gerade einmal 19 Jahre alt, veröffentlichte Rieke Siemon unlängst im Geest-Verlag „Für dich war ich Mohn“. Ihre Verse sind bunte Fragmente aus dem Leben einer jungen Erwachsenen.

öffne deine jacke für mich. damit ich zwischen dich und den stoff passe.“ – So kann nur eine erste unter 92 lyrischen Seiten grüßen; und ihre Bitte mag sich an den Leser wenden, an das Buch, an einen Nahen oder an die Welt. In diesem Viergestirn bewegt sich Rieke Siemon, die Erfahrung aufzeichnet, mit Menschen umgeht und mit der Gegenwart – die „Entdeckerin all der Geschichten“ sein will, wie der Autorentext verkündet. Mit nur 19 Jahren hat die Studentin aus dem niedersächsischen Diepholz ihren Erstling publiziert: „Für dich war ich Mohn“.

zwischen den wimpern

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nach nimmerland

getragen von flügeln ohne stiefel

als goldmarie im schokoladenbett

die erbse aus zucker längst gegessen.

mit schlaf verklebte augen

sieben meilen weit geschubst

statt hakenhand nur lange nase

brotkrumen ohne lebkuchen

durch den traumfänger

ins hasenloch.

Die Gedichte, die darin gesammelt sind, sind persönlich, erlebend und beobachtend. Als solche kommen sie fast immer ohne finites Verb aus, sind statisch, greifen Aspekte und brechen Eindrücke: „luftballons/ vom dach getrunken/ im ständigen filter/ der abendsonne/ tagelang“. Oft tänzeln sie noch auf der Schwelle der Kindheit, immer auf der Schwelle zwischen Menschen, und gucken von dort in beide Richtungen. Obschon ihnen eine unbeschwerte Nonchalance eigen ist, sind sich dabei die Liebeserklärungen unter den Texten in ihrer Machart doch ähnlich; und rasch begegnet der Leser Vertrautem (da wird viel von Luftballons geredet; von Konfetti, Papierzetteln und Körpern, und sehr viel vom Du).

60–90-60

übelkeit im spiegel

später nur rücken

und zurückgehaltene haare

grummeln im hörsaal

röhren im supermarkt

später im spiegel

nur schwarz

Erfrischt wird er aber bald von denjenigen Blättern, die politisch sind oder gemein, die eine unerwartete Wendung nehmen und Wichtiges sehen. Wenn sie den Schönheitswahn thematisieren oder die Absurditäten der digitalen Welt, dann verlassen sie trotzdem nicht den Modus der Beschreibung: „neben gespitzten lippen/ fehlen zeichen und bewundern/ fremde auf dem profilbild/ dank instabiler grammfilter“.

Und wenn die Autorin in der Dosierung von Zuckerwattewörtern mitunter noch eine juvenile Sorglosigkeit an den Tag legt, dann brechen manche Sätze umso kräftiger aus dem Papier: „und neben mir/ meißelt der juni durchs fenster/ deine wimpern/ auf meine brust“. Ihre Sprache, von syntaktischer Nacktheit und lapidarer Geradlinigkeit, funktioniert in der Lyrik besser als in den eingeschobenen Prosastücken, die einer unbeweglichen Zeitlosigkeit nie ganz entkommen, immer Impression bleiben.

Rieke Siemons Verse indes sind bunt schillernde Glassplitter von hier und von da, manchmal geschliffen, manchmal noch scharf; daraus bezieht sich ihr Charme. Durch und durch echt, kommen sie ohne Kunst im bösesten Wortsinne aus. Darin liegt ihre Kunst.

– Rieke Siemon: Für dich war ich Mohn. Geest-Verlag 2015, 11,00 € –

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