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Oben angekommen
Dunkel Hell

Oben angekommen

  • Nora Gomringer, Lyrikerin, seit 2010 Direktorin des Künstlerhauses Villa Concordia, gewann am Wochenende den Ingeborg-Bachmann Preis. Die literarische Auszeichnung gilt als eine der wichtigsten im deutschsprachigen Raum. Gewürdigt wurde sie damit für ihren Text “Recherche”, in dem sie vom Tod eines 13-jährigen Jungen erzählt, der vom Balkon eines Hochhauses gestürzt ist. Wir trafen Gomringer vergangenes Jahr zum Gespräch. Damals unterhielten wir uns mit ihr über die Villa Concordia.

Kaum angekommen, führt sie in ihr Arbeitszimmer: Ein großer, heller Raum, viele Bücherregale und eine wahnsinnig schöne grün-goldene Stuckdecke. Sie bittet, an einem runden Tisch Platz zu nehmen und bietet Getränke an. Sie wirkt natürlich und bodenständig, sie versteht es, eine gute Gastgeberin zu sein. Auf Interviewfragen antwortet sie wohlüberlegt, man merkt das Rattern in ihrem Kopf, in dem stets eine Menge vorzugehen scheint. Sie redet viel und gerne, scheint sich manchmal in ihren Gedanken zu verlieren, um dann grinsend festzustellen, dass sie gar nicht mehr weiß, was die eigentliche Frage war.

Aus Humor und Jux

Wir beginnen mit ihren Anfängen: Eines Tages schickte Noras Mutter ihr eine Anzeige der Lokalzeitung, in der die Stelle der Direktorin ausgeschrieben war. Ihre Bewerbung erfolgte aus Humor und Jux, um zu sehen, wie man sich überhaupt für so etwas bewirbt. Eigentlich war ihre Zukunft als Künstlerin für die nächsten Jahre durch einige Stipendien abgesichert; diese Sicherheit verleitete sie dazu, den Mund beim Bewerbungsgespräch sehr voll zu nehmen. Ihre selbstbewusste Art überzeugte. Obwohl damals jung und unerfahren, hat sie nun die Dienststelle des Freistaats Bayern inne, ist angehalten, sich um den Erhalt der Gebäude und des Garten zu kümmern und sich um das Wohlbefinden der Gäste zu sorgen, Aufgaben, die ihr im ersten Jahr wahnsinnig schwerfielen; doch mittlerweile hat sie sich justiert und meistert ihre Doppelrolle als Künstlerin und Direktorin. „Es gibt Tage im Büro, die ganz schrecklich anstrengend sind, an denen man sich zu viel aufgeladen hat, und dann sitzt man am Abend in einem Konzert, einer Lesung oder Ausstellungseröffnung und ist bereichert, ist beschenkt, beglückt.“

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2 Nächte Polizei, 2 Krankenhaus

„Von der Selbstverwaltung als Künstlerin in die Verwaltung für andere Künstler: ein Perspektivwechsel, der gerade davon profitiert, dass sie die Sorgen der Stipendiaten gut nachvollziehen kann. Und davon gibt es einige, denn die finanzielle Konstante, die durch das Stipendium für elf Monate gegeben ist, tut vielen zwar wahnsinnig gut, regt aber auch zum Nachdenken an, wie unheimlich schwer der Weg bis dahin war. „Ich verbringe im Jahr etwa zwei Nächte bei der Polizei und zwei im Krankenhaus. Bei 40 Leuten passiert immer irgendwas“, berichtet Gomringer.

Und nicht nur Negatives: Seit Gomringers Antritt haben schon drei Künstlerinnen der Villa Kinder geboren. Ein so intensives Zusammenleben schweißt zusammen, und der Kontakt bleibt meist auch nach den elf Monaten bestehen. Manchmal verspüre sie auch mütterlichen Stolz, so Nora Gomringer; zum Beispiel, als die Stipendiatin Wiebke Siem mit dem Goslarer Kaiserring, einem internationalen Kunstpreis, den auch schon Größen wie Henry Moore, Joseph Beuys und Max Ernst gewannen, ausgezeichnet wurde. „Wir sind Wegbegleiter, und als solche fühlen wir uns einander sehr verbunden. Dadurch, dass die Künstler elf Monate bei uns sind, werden wir zu einem großen Teil ihrer Biografie – und damit auch Bamberg.“

Entscheidung für Kultur

Hauptgesprächsthemen sind Deadlines, Geld und natürlich auch Ideen für Kunstproduktionen. Doch die Wirtschaft macht wirklich einen Großteil aus, und häufig bemerken Außenstehende nicht, welche Durststrecken auch namhafte Künstler durchzustehen haben. Erst vor Kurzem erzählte Schauspieler Moritz Bleibtreu der Direktorin Gomringer, dass man zwar überall in der Presse stehe, aber eigentlich schauen müsse, wo man die Miete herbekomme. Denn es würde ja immer vorproduziert, das Geld lege man vorher aus, und bis der Erfolg komme, das dauere dann. „Du sicherst mit Geld durchaus auch immer Qualität in der Kunst. Es ist eine Entscheidung, ob ein Land Bürger haben möchte, die kulturelle Bildung besitzen, sie ernstnehmen und als Kulturgut in die Zukunft tragen möchten. Das ist eine Entscheidung. Und ich bin froh, in einem Land, auch in einem Bundesland, zu leben, in dem das ernstgenommen wird.“

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