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Mit dem Fahrrad auf die Weltbühne
Dunkel Hell

Mit dem Fahrrad auf die Weltbühne

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Im idyllischen Weltkulturerbe Bamberg ist vieles außergewöhnlich. Die Sperrstunde, die alten Gebäude, die Sub- und Hochkultur. Und alles ist so eng miteinander verwoben, dass man Vertreter besagter Hochkultur Dinge sagen hört wie: „Die Studierenden sind unser bestes Publikum. Der Saal tobt jedes Mal schon vor dem ersten Ton. Was kein Wunder ist, schließlich sind die Studierenden halb so alt wie unsere Abonnenten und können noch schnell und laut klatschen.“ Sprecher ist Marcus Rudolf Axt, Intendant der Bamberger Symphoniker. In seinem Büro an der Regnitz geraten er und Matthias Hain, PR-Manager des Orchesters, ins Schwärmen und erzählen uns die Geschichte der „Bamberger.”

Aus dem Kloster in die Welt

Die Geschichte beginnt in Prag. Dort bringt Mozart 1787 seinen „Don Giovanni“ zur Uraufführung. Es spielt das Opernorchester des Ständetheaters – dessen Musiker sind gewissermaßen die „Urahnen“ der heutigen Symphoniker. Viele Jahre später treibt der Zweite Weltkrieg scharenweise Flüchtlinge durch Europa. 1945 verlassen auch die Musiker aus Prag endgültig ihre Heimat. Einige treffen sich später im weitestgehend unzerstörten Bamberg wieder. Das ehemalige Dominikaner- kloster wird zum Proberaum „Bamberger Symphoniker“. Heimatlos, provisorisch beherbergt, spielen die Musiker um ihr Leben. Aus dem Existenzstreben dieser Zeit erwächst ein Klang, der bis heute unverwechselbar ist. „Die Berliner“, „die Wiener“, „die Bamberger“, heißt es in der Welt. „Wir treffen auf Konzertreisen in fernen Ländern oft Menschen, die dort kein Konzert von uns verpasst haben – manchmal ohne zu wissen, wo Bamberg überhaupt liegt.“

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Gut ist nicht genug

Die große Politik macht sich das bald nach Kriegsende zunutze und schickt die Bamberger hinaus auf internationale Streifzüge. Diplomatie im Windschatten der Musik. Sie werden zum Grenzöffner, als sie als erstes deutsches Orchester nach dem Krieg in Frankreich auftreten dürfen. Die Reisepläne lesen sich abenteuerlich: Paris, London, Lima, Buenos Aires, New York, Tokio. Fliegen, spielen, eine kurze Nacht im Hotel, weiter mit dem Zug, spielen, schlafen im Flugzeug, Zwischenstopp zum Auftanken und wieder weiter.

In der Kunst geht es darum,
die Menschen zu bewegen,
sonst kann ich den Laden zusperren.

Auch Jahrzehnte später ist der Klang der Bamberger unverfälscht und kraftstrotzend wie eh und je, die Fluktuation der Künstler denkbar gering. Jonathan Nott ist erst Nummer vier in der Abfolge der Chefdirigenten. In seine Ära fällt auch die Einführung der Studentenkonzerte, welche das Management seit 2004 mit besonderer Vorliebe organisiert. Spannend und anspruchsvoll sollen sie sein, ein „Knallen und Zischen“, immer im Dienste der zusätzlichen fünf Prozent Energie – dem Selbstverständnis der Symphoniker. Denn trotz über 6 000 Abonnenten will das Orchester nicht nur gut spielen. „In der Kunst geht es darum, die Menschen zu bewegen, sonst kann ich den Laden zusperren“, so Marcus Axt.

Musik statt PR-Lärm

Und in der Tat sind die Bamberger seit ihrer Gründung ein Orchester, das Emotionen auslöst. Auch bei Yasuhisa Toyota. Der japanische Star-Akustik-Designer ist ein früher Bewunderer und reiste 2008 nach Bamberg, um den Konzertsaal akustisch nachzurüsten – eine absolute Ausnahme. Das Ergebnis ist erwartungsgemäß sensationell. Hören sollen das alle, auch die Studierenden. Schmunzelnd erzählt Axt die Geschichte des ersten Studentenkonzertes: „Die Musiker freuten sich, endlich mal modern auftreten zu können und kamen in Smart Casual auf die Bühne – vor lauter Studierenden in schicker Abendkleidung. Seitdem tragen sie doch wieder Frack.“

In Aktion: Die Bamberger Symphoniker

Kleine Anekdoten wie diese zeigen die Nähe des Weltklasseorchesters zu seinem Städtchen. Die Bewohner danken es „ihren“ Symphonikern. „Wenn ich auf dem Markt einkaufen gehe“, erzählt Axt lachend, „sprechen mich immer ein paar Leute an, die sagen: ‚Naja, der Schostakowitsch gestern war ja nicht so toll, aber Sie machen das schon gut!‘“

Zur Probe geht es mit dem Fahrrad. Kein Großstadtgetümmel, kein Stau. „Ich glaube, deshalb klingen wir auch so. Die Musiker kommen entspannt zum Dienst. Das Arbeiten hier ist ein bisschen wie low food. Auch die Dirigenten und Gastmusiker genießen es, wenn sie ohne PR-Lärm Musik machen können.“ Symphoniker in Bamberg zu sein, das ist eine Lebenseinstellung.

Teil 2 unserer Reportage über die Bamberger Symphoniker lest ihr im nächsten Ottfried, der noch in diesem Sommersemester erscheint!

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